Karlstorbahnhof (2015)

Karlstorbahnhof (2015) © Alexander Schäfer

Die Neckarstadt hat ein ereignisreiches Jahr hinter sich, vor allem, was die Subkultur angeht. Umzüge, Ausfälle und Schließungen prägten 2015. Wir haben die wichtigsten Punkte für euch zusammengefasst und uns natürlich die Frage gestellt, wie es mit der Subkultur in Heidelberg 2016 weitergeht.

Es lohnt sich, zu Beginn des neuen Jahres die Subkultur in Heidelberg einer näheren Betrachtung zu unterziehen, denn viel ist im Jahr 2015 passiert.

Die Herbstzeitlose wurde abgesagt, bzw. nicht genehmigt, der Umzug des Karlstorbahnhofs wurde beschlossen, der Umzug der Villa Nachttanz fand sein Ende, das häll und der Schwimmbad Club gaben ihre Schließung bekannt. Wie es zu den einzelnen Entwicklungen kam und wie es 2016 möglicherweise weitergeht, erfahrt ihr hier.

Sperrzeitverkürzung in der Altstadt

Das Jahr begann mit einem Paukenschlag. Ende Dezember 2014 hatte der Gemeinderat die bisherige Sperrzeitregelung gekippt. Davor galt in der Heidelberger Altstadt eine Sonderregelung, welche die im Januar 2010 beschlossenen Landesvorschriften außer Kraft setzte. Ab dem 1. Januar 2015 gilt für Wirte in der Altstadt die liberalere Landesordnung, nach der Kneipen unter der Woche bis 3 Uhr und am Wochenende bis 5 Uhr geöffnet haben dürfen.

Die Beschwerden bezüglich Lärm und Störung öffentlicher Ordnung häuften sich recht bald. Diese Entwicklung widersprach der Hoffnung zahlreicher Befürworter, die Sperrzeitverkürzung werde den Lärm in der Altstadt zeitlich entzerren. Bürgermeister Wolfgang Erichson stockte daraufhin im Mai den Ordnungsdienst von acht auf zwölf Mitarbeiter auf. Zuletzt setzte die Bürgerinitiative Linda (Leben in der Altstadt) ein Zeichen, indem sie vorgefertigte Ordnungswidrigkeiten-Anzeigen in den Briefkästen der Altstadt verteilte, um so den Druck auf die Stadt zu erhöhen. Der Gemeinderat wird sich 2016 wieder mit der Causa beschäftigen.

Umzug des Karlstorbahnhofs in die Südstadt

Die Altstadt war über die Sperrzeitverkürzung hinaus Schauplatz einer weiteren tiefgreifenden Entwicklung in der Subkultur. Nachdem bereits 2013 die Debatte um einen möglichen Umzug des Karlstorbahnhofs begann, wurden im Mai diesen Jahres die von der US-Army geräumten Flächen in der Südstadt als geeignete Location ausgemacht. Der Umzug ist nötig geworden, da die Räumlichkeiten des Karlstors den immer schärfer werdenden Sicherheitsanforderungen nicht mehr entsprechen, bzw. immer weniger Besucher eingelassen werden können.

Im Juli beschloss der Konversionsausschuss den Umzug in die leerstehenden Campell Barracks in der Südstadt. Der Umzug gilt als günstiger als eine umfassende Renovierung der bisherigen Räumlichkeiten. Dennoch ist die Entscheidung nicht unumstritten. Schließlich muss der neue Standort erst einmal etabliert werden. Es ist nicht sicher, dass dem Karlstorbahnhof in der Südstadt ein ähnlicher Zuschauerandrang beschert ist, wie es in der gut erreichbaren Altstadt der Fall war. Tobias Breier von der Presseabteilung des Konzerthauses sieht darin allerdings auch eine Chance. Die Südstadt sei ein Wohngebiet junger Familien und Studenten, die eher die Stammklientel des Karlstors ausmachten als die Bewohner der Altstadt.

Debatte ums Karlstorkino

Ein weiterer Diskussionspunkt ist die geographische Annäherung an die halle02. Doch auch hier befürchtet man von Seiten des Karlstors keine großen Probleme. Das Publikum der beiden Veranstaltungshäuser unterscheide sich sehr, so Geschäftsführerin Ingrid Wolschin in einem rnz-Interview. Es bestehe wohl nicht die Gefahr, dass man sich hier gegenseitig ins Gehege komme.

Der nach eigenem Empfinden große Verlierer ist das Karlstorkino. Die Betreiber des Kinos wollten den Standort Altstadt erhalten, sammelten in einer Petition Unterschriften und stießen eine lebhafte Diskussion an. Dennoch beschloss der Ausschuss für Bildung und Kultur Ende November, dass das Kino gemeinsam mit dem gesamten Veranstaltungshaus umziehen solle.

Ende gut, alles gut in der halle02?

Die halle02 hat 2015 ihren Umbau endlich vollendet. Die 2013 begonnenen Arbeiten fanden im März 2015 soweit ihr Ende, dass der Vollbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. Eigentlich war Oktober 2014 als Termin angepeilt, konnte aufgrund von Bauverzögerungen aber nicht erreicht werden. Mehr als 18 Monate lang konnten die Betreiber der halle02 nur ein begrenztes Angebot durchführen, was dem Veranstaltungshaus nicht nur finanziell viel abverlangte. Die Geschäftsführung steht in ständiger Auseinandersetzung mit der Stadt, die in ihrer Rolle als Eigentümer des Geländes erhebliches Interesse an der finanziellen Entwicklung der halle02 hat.

Für die Besucher hingegen gestaltet sich der vorläufige Abschluss der Bauarbeiten äußerst positiv. Die halle02 glänzte 2015 mit einem hervorragenden Konzertprogramm und auch der neue Club mit an den Raum angepasster Function One Anlage kann sich sehen und hören lassen. Umso betrüblicher wäre es, wenn das Veranstaltungshaus nicht dauerhaft die notwendige Unterstützung der Stadt erhalten würde.

Erfreulich ist ebenfalls, dass die Villa Nachttanz ihren Umzug abgeschlossen und in neuen Räumlichkeiten wesentlich effizienter veranstalten kann. Die neuen Räume sind für mehr Besucher geeignet und dürften Villa-Team und Besuchern gleichermaßen Möglichkeit zur kreativen Entfaltung gestatten.

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Heidelberger Herbst ohne die Herbstzeitlose

Heidelberg sah 2015 aber nicht nur Umbau und Umzug, sondern auch Absage und Abschied. So wurde im Februar bekannt, dass die Herbstzeitlose im Rahmen des Heidelberger Herbst nicht mehr wie gewohnt auf dem Friedrich-Ebert-Platz genehmigt werden können. Grund hierfür seien Sicherheitsbedenken in Anbetracht der konstant wachsenden Besucherzahlen der letzten Jahre. Diese Nachricht löste eine große öffentliche Debatte und auch eine Online-Petition zum Erhalt der Veranstaltung aus.

Im Mai erfolgte dann aber leider die Absage von Seiten der Veranstalter: "Leider müssen wir euch mitteilen, dass die HERBST/ZEIT/LOSE 2015 auf dem Friedrich-Ebert-Platz nicht stattfinden wird. 4 Jahre lang haben wir versucht, ohne eigenes finanzielles Interesse den Heidelberger Herbst etwas bunter zu machen. […] 4 Jahre ist nie etwas Schlimmes passiert, ganz im Gegenteil! Dank uns wurde der Heidelberger Herbst für viele Besucher aus Heidelberg, aber auch für Gäste aus anderen Städten, wieder interessant."

Eine Frage der Perspektive

Doch auch nach dem Heidelberger Herbst hielt die Debatte an. Von Seiten des DRK hieß es, die Sicherheitsbedenken fußten nicht zuletzt auf übermäßigem Alkoholkonsum jugendlicher Besucher. Die Veranstalter der Herbszeitlose erwiderten daraufhin in einer Stellungnahme: "Nur wundert es uns doch stark, dass der Vorwurf des Komasaufens auf den Tisch bzw. in die Zeitung kommt. Trotz mehrerer Gespräche wurde uns zwar auf die Problematik der sogenannten jungen "Rucksacktrinker" hingewiesen, aber dass es scheinbar zu chaotischen Zuständen im Klinikum gekommen ist, war uns nicht bekannt und wurde uns auch nie mitgeteilt. […] Wir wollten in unserer Region Künstlern, Musikern und jungen Designern für einen Tag eine Plattform bieten. Wir haben Musiker + Künstler aus der Ferne eingeladen, um zu zeigen, wie offen unsere Stadt ist. […] Lange Rede kurzer Sinn, wir finde es schade, dass versucht wird uns auf dieses unten genannte Problem zu reduzieren und sind enttäuscht, dass die Stadt Heidelberg, anstatt die Diskussion aufzunehmen, nun auf so eine Art reagiert."

Es ist sehr schade, dass eine bereichernde, nichtkommerzielle und kulturfördernde Veranstaltung wie die Herbstzeitlose an verhältnismäßig banalen Beanstandungen zugrunde geht. Die Heidelberger Subkultur kann nur hoffen, dass sich zukünftige Kreative von so einem Negativ-Beispiel der öffentlichen Kulturarbeit nicht abschrecken lassen und den Standort Heidelberg weiterhin als Ziel für ihre Veranstaltungen und Projekte auswählen.

Tschüs Häll, tschüss Schwimmes

Ein weiterer Trauerfall ist das Ende der Musikkneipe Häll. Seit beinahe zehn Jahren wurde hier, abseits von Mainstream und den üblichen Partylocations, ein ausgesuchtes Musikprogramm und hervorragende Feierei geboten. Im Juli kam überraschend das Ende. Einnahmeeinbußen seien dafür verantwortlich, so Betreiber Pascal Pisar.

Nicht ganz so überraschend, aber dennoch bedauerlich gestaltete sich das Ende des Schwimmbadclubs im Herbst. Grund dafür ist der bauliche Zustand des Gebäudes, dessen Eigentümer die Heidelberger Stadtwerke sind. Eine grundlegende Sanierung ist unumgänglich. Der Pachtvertrag mit Geschäftsführer Guy Dechandol wird daher zum Jahresende frühzeitig beendet.

Quo vadis, Heidelberg?

Mit dem Häll und dem Schwimmbad Club verliert Heidelberg zwei äußerst wichtige Veranstaltungsräume besonders für kleine, aufstrebende Bands. Der Stadt bleiben noch die halle02 und der Karlstorbahnhof, die aber ebenso um ihren Status kämpfen müssen. Die Probleme ähneln sich nicht unwesentlich. Oft ist es der bauliche Zustand der jeweiligen Räumlichkeiten in Verbindung mit immer weiter steigenden Sicherheitsanforderungen, welche die Betreiber zu Umbau, Umzug oder Abschied zwingen. In einer eng bebauten und bewohnten Stadt wie Heidelberg gestaltet es sich schwierig, ohne beträchtlichen finanziellen Aufwand ein allen Standards entsprechendes Veranstaltungshaus zu betreiben und dabei noch einen attraktiven Standort zu bieten.

Dazu kommt, dass die Subkultur in einer Stadt, die sich sehr gerne als Universitäts-, Tourismus- und Hochkulturstadt präsentiert, keinen leichten Stand hat, wie an den Ereignissen rund um die Herbstzeitlose zu sehen ist. Die letztjährig erfolgte Auszeichnung als UNESCO City of Literature, die natürlich sehr erfreulich ist, lässt aber befürchten, dass die musikalische Subkultur von städtischer Seite eher nach Mannheim abgedrängt werden soll. Heidelberg muss aufpassen, dass sie sich nicht ins eigene Fleisch schneidet und auf lange Sicht die junge und studentische Bevölkerung verprellt, die sich in der Neckarstadt oft eher geduldet als willkommen fühlt.

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