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Karlstorbahnhof (2015) © Alexander Schäfer

Der Karlstorbahnhof in Heidelberg soll nach dem Grundsatzbeschluss des Konversionsausschusses vom 8. Juli seinen Standort von der Altstadt in die ehemaligen US-Anlagen in der Südstadt verlegen. Diese Entscheidung sorgt für Kontroversen. Ist sie ein Fluch oder ein Segen für Heidelberg?

Der Karlstorbahnhof in Heidelberg soll umziehen. Das bringt einen großen Einschnitt nicht nur in der Heidelberger Kulturlandschaft, sondern auch im Stadtbild mit sich. Entsprechend kontrovers wird das Thema diskutiert, zuletzt bei der Sitzung des Konversionsausschusses am 8. Juli, wo über den Grundsatzbeschluss abgestimmt wurde. Mit deutlicher Mehrheit entschied der Ausschuss für den Umzug in die Südstadt.

Ein Teil der im Konversionsausschuss vertretenen Parteien und auch das Medienforum Heidelberg e.V., die Betreiber des Karlstorkinos, nahmen vor dem Entscheid eine kritische Haltung zum Umzug ein. Zwei wesentliche Aspekte des Umzugs kann niemand so recht vorhersehen: den Standortwechsel und die Kosten des Vorhabens. 

Die Situation

Die aktuelle Sachlage zum geplanten Umzug lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der Karlstorbahnhof wird von der Heidelberger Altstadt in die leerstehende Kutschenhalle der Campbell Barracks in der Südstadt umziehen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens möchte der Karlstorbahnhof expandieren, weil das Gebäude aufgrund rechtlicher Bestimmungen seine Besucherkapaziät reduzieren musste.

Zweitens ist das Gebäude alt, langsam baufällig und nicht gut schallgedämmt. Damit sieht man sich bei der Stadt in der Handlungspflicht, wie von Seiten der CDU im Konversionsausschuss betont wurde. Der Karlstorbahnhof könne am alten Standort nicht mehr dem kulturellen Auftrag der Stadt und des Landes gerecht werden, von denen er seine finanziellen Mittel erhält.

Der Umzug ist dabei für den Karlstorbahnhof die billigere Lösung: Die Kosten für den angemessenen Umbau des alten Gebäudes werden auf 12,4 Mio. Euro veranschlagt, der Umzug ist mit nur 8,9 Mio Euro günstiger. Das Karlstorkino, das als kooperierender Untermieter im jetzigen Gebäude sitzt, befürchtet erhebliche Standortnachteile und weigerte sich bisher, umzuziehen.

Streit über den Kostenpunkt

Angesichts der Kosten stellt sich die Frage, wieso ein Umzug inklusive Umbau des neuen Gebäudes weniger kostet als die Renovierung und Erweiterung des vorhandenen Gebäudes. Ein Umbau des alten Karlstorbahnhofsgebäudes erfordert Erdarbeiten. Da das Gebäude aber unter Denkmalschutz steht, wären diese teuer geworden. Außerdem stellt die Nähe zum Neckar einen Risikofaktor bei Grabungen dar.

Aber hätte man nicht durch Veränderung der wenig optimalen Raumaufteilung Platz schaffen können? Offenbar nicht, denn was man dort gewinne betrage maximal 20qm, so Tobias Breier aus der Presseabteilung des Karlstorbahnhofs. Der Gang zwischen der doppelten Fassade hat wenige Funktionen, dient aber als Fluchtweg.

Mehr Spielraum, weniger Kosten

Darüber hinaus bietet der neue Standort deutlich mehr Platz, als an der alten Location verfügbar ist. Während der jetzige Karlstorbahnhof zwischen einem Berg und einem Fluss, einer Straße und einer Gleisanlage liegt, verlaufen die Konversionsflächen weit und flach, es gibt breite Zugangsstraßen und Lagerräume, die das alte Gebäude vermissen lässt.

Es sei sicherlich richtig, dass der Zustand der neuen Gebäude "indiskutabel" sei und sich in ihrer aktuellen Form nicht eigneten, bestätigt Breier. Der Umbau gestalte sich aber wesentlich einfacher und dabei lasse der Grundriss auch Raum für kreative Entfaltung ganz nach den Vorstellungen des Karlstorbahnhofs. Eigentlich stützten nur Säulen und Decken das Gebäude, tragende Wände gäbe es kaum. So könnten die Räume fast beliebig aufgeteilt werden. 

Wie belastbar ist die Kostenrechnung?

Vor allem sieht man sich jetzt in der Lage, die Lärmdämmung so zu gestalten, dass die tatsächliche Parallelnutzung aller Räume möglich ist. Dafür wurde eigens ein Gesamtkonzept entwickelt. Ob das beim alten Gebäude erfolgreich hätte gelingen können, ist fraglich.

Aber wie sicher und belastbar ist die Kostenrechnung? Diese Frage wurde neben anderen auch von der Partei Die Heidelberger auf der Konversionsausschusssitzung gestellt. Nach Aussage des Ersten Bürgermeisters Bernd Stadel seien diese Schätzungen recht zuverlässig, sofern man die Maßstäbe im Nachhinein nicht neu setze. Im Fall einer Überschreitung müsste man neu die Notwendigkeiten diskutieren. Bei der Rechnung muss man außerdem berücksichtigen, dass die Kosten für eine Interimslösung während des Umbaus des alten Gebäudes in die Rechnung noch gar nicht mit eingeflossen sind.

Befördert man sich ins Abseits?

Und wie sieht die langfristige Perspektive aus? Muss der Karlstorbahnhof nicht durch Wegziehen aus der weltberühmten Heidelberger Altstadt einen Standortverlust befürchten? Damit argumentieren schließlich auch die Betreiber des Karlstorkinos. Sie befürchten Zuschauereinbußen aufgrund mangelnder Infrastruktur und Gastronomie, schlechterer Lage und Nähe zum geplanten Kinokomplex in der Bahnstadt.

Ein ähnliches Verhältnis bestünde am neuen Standort zwischen dem Karlstorbahnhof und der halle02, der er sich geographisch und in puncto Größe annähert. Würde der Karlstorbahnhof dann nicht mit der halle02 in ein Konkurrenzverhältnis treten? Oder noch schärfer gefragt: Befördert sich der Karlstorbahnhof mit dem Umzug möglicherweise ins kulturelle Abseits?

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Der neue Standort hat Vorteile

Vor dem Konversionsausschuss spricht Ingrid Wolschin, Geschäftsführerin des Karlstorbahnhofs, durchaus von einem Wagnis, betont aber den Gewinn für die Südstadt: "Eine solche Marke umzuziehen, ist eine große Chance für die Konversion, für uns aber eine große Herausforderung." Nicht zuletzt hinge mit der Marke "Karlstorbahnhof" auch sein Standort zusammen, von dem er ja schließlich auch seinen Namen hat. Es muss gelingen, das aufgebaute Image mit an den neuen Ort zu transportieren, wenn man dieses Label aufrecht erhalten will.

Doch die Verantwortlichen würden keine selbstlose Aufopferung zugunsten der Stadtentwicklung inszenieren, wenn nicht die Möglichkeit bestünde, dass der Karlstorbahnhof durch den Umzug gewinnen kann. Entsprechend zuversichtlich äußert sich auch Breier. Zunächst sei die hintere Altstadt weder Zuzugsort noch Wohnort der Zielgruppe, zumal im Einzugsradius des Karlstorbahnhofs unmittelbar nur der hintere Zipfel der Altstadt liege. Anhand von Vorverkäufen könne man außerdem ablesen, dass die Besucher keineswegs nur aus der Altstadt kommen, und dass auch die Nähe zum Neckartal kein entscheidender Faktor sei.

Und die Anbindung? Den Bahnhof direkt vor der Tür zu haben, ist bequem, aber offenbar auch nicht entscheidend, denn selten korrespondieren abends Besucherschwünge mit ankommenden S-Bahnen, so Breier. Wirklich schlecht angebunden ist die Südstadt auch nicht, aber man muss aus allen Richtungen schon ein Stück Fußweg von den Haltestellen der S-Bahnen, Straßenbahnen und Busse zum neuen Standort zurücklegen.

Am Ende geht es um Stadtteilpolitik

Die Südstadt ist nämlich vor allem von Wohngebiet umgeben, in dem hauptsächlich junge Familien und Studenten leben. Auch das Studentenwohnheim im Hohlbeinring liegt in der Nähe, ganz zu schweigen von anderen Wohnheimen, die auf den Konversionsflächen noch Platz finden könnten.

Und in der Tat kann man die Vorteile, die die Südstadt daran hat, nicht ignorieren. Aufgrund der freigewordenen Flächen der US-Gebäude steht dem Stadtteil eine Entwicklung bevor. Dabei hat er das Potential, etwas zu werden, was die Altstadt in Breiers Augen schon länger nicht mehr leistet: ein Stadtzentrum mit der Funktion eines urbanen Entwicklungsraums zu sein. Auch seitens der SPD argumentiert man damit, dass hier in einen Stadtteil und seine Zukunft investiert werde. Das sei riskant, aber am ehesten durch den Transfer einer bereits etablierten Marke wie den Karlstorbahnhof erfolgreich zu gestalten.

Durch das Vorhaben kommt die Südstadt in den Genuss eines neuen, eigenen kulturellen Zentrums, das sein Klientel in fußläufiger Reichweite hat. In der Selbstwahrnehmung des Karlstorbahnhofs bedeutet das nach Breier eine Art Pioniertum, da man von der Stadt zur Gestaltung eines soziokulturellen Zentrums beauftragt ist. Als solches ist auch das Gebäude konzipiert und das schließt nach einer in der Ausschusssitzung von der SPD vorgeschlagenen Beschlussänderung vor allem eines mit ein: ein Kino. Das hat für das Medienforum im Prinzip eine "Friss-oder-stirb"-Konsequenz. 

Da dem Medienforum als Untermieter des Karlstorbahnhofs bei der Kündigung des Vertrages im alten Gebäude automatisch mitgekündigt wird, haben sie nun zwei Optionen. Entweder sie stimmen dem Umzug zu oder sie müssen sich selbst um ein neues Gebäude kümmern. Im alten Gebäude verbleiben können sie nicht. Der Karlstorbahnhof ist hingegen nicht an das Medienforum gebunden. Zwar sei das Medienforum der bevorzugte, geschätzte Partner, doch notfalls fände man einen anderen Betreiber für das Karlstorkino oder würde den Betrieb sogar selbst übernehmen, sagte Wolschin vor dem Konversionsausschuss.

Die Nische bleibt erhalten

Im Zukunftskonzept des Karlstorbahnhofs verankert liegt übrigens auch der Grund, warum man sich nicht davor fürchtet, seine Nische zu verlieren und mit der halle02 in Konkurrenz zu treten. Auch nach dem Umzug sei der Karlstorbahnhof noch ein mittelgroßer Club, die halle02 hingegen mit doppelt so viel Fassungsvermögen ein kleiner großer Club, so Breier.

Dem Karlstorbahnhof gehe es darum, "Feinschmecker-Clubkultur" zu betreiben, die auch überregional Gäste anlocke. Man möchte Qualität und unbekannte Acts fördern. Mit der neuen Größe könnte es möglich sein die Kulturarbeit lohnenswerter zu machen und neu entdeckte Acts häufiger in den Karlstorbahnhof zu holen, bevor sie zu groß werden und möglicherweise in die halle02 umziehen.

Sowohl die Kosten als auch die Perspektive für das Kulturhaus sprechen nach Breiers Meinung für den Umzug. "In der Summe ist es klar, dass wir das machen müssen. Es wollte anfangs niemand", sagt Breier. Erst nach Konfrontation mit den Fakten sei man sich darüber klar geworden, dass die mit dem alten Gebäude verbundene Nostalgie abgelegt werden müsse.

Verliert die Altstadt bei dem Beschluss?

Und was ist mit der Altstadt? Es mag sein, dass der Karlstorbahnhof und auch die Südstadt vom Umzugsvorhaben profitieren, aber verliert nicht die Altstadt dafür etwas von ihrem Profil? Auch im Konversionsausschuss wurde kritisch angemerkt, dass man nicht alles aus der Altstadt auslagern könne. Eine vergleichbare Institution wird das alte Gebäude wohl nicht beziehen. Dass wieder Ämter einziehen könnten, wurde auf der Konversionsauschusssitzung nicht ausgeschlossen. Auf jeden Fall hat das Rathaus offenbar Platznot, der damit abgeholfen werden könnte.

Ganz kinolos wird die Altstadt zwar nicht sein, immerhin bleibt mit Gloria/Gloriette noch eines von den drei Kinos, die es dort vor nicht allzu langer Zeit noch gab. Doch grundsätzlich steht die Forderung nach mehr Kultur in der Altstadt in interessanter Weise gegenläufig zur anhaltenden Lärmdebatte zwischen Lokalbetreibern und Anwohnern. Vielleicht geht die Altstadt tatsächlich nach all den Jahrhunderten des Zentrum-Seins langsam in den Ruhestand.

Es ist allerdings noch nichts entschieden, erst muss der Gemeinderat dem Grundsatzbeschluss am 23. Juli noch zustimmen. Dabei handelt es sich aber wohl nur noch um eine Formalität. 

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