Marteria (live in Heidelberg)

Marteria (live in Heidelberg) © Simon Fessler

Die Nachricht kam nicht wirklich überraschend: der Schwimmbad Club in Heidelberg schließt zum Jahresende. Der Club, in dem die Besucher so manchen legendären Abend erlebten, war am Ende nur noch ein Schatten seiner selbst.

"Geh‘n wir in den Schwimmes?" Diese Frage haben sich in den letzten 36 Jahren außer mir sicher viele andere Menschen mal gestellt. Ich bin in einem Kaff in der Nähe von Heidelberg aufgewachsen, kaum waren wir im autofahrfähigen Alter, zog es uns regelmäßig in die "Großstadt".

Damals war die Auswahl an Ausgehmöglichkeiten tatsächlich noch kleiner als heute. In die Nachtschicht gingen die Hip-Hopper, im Karlstorbahnhof war die Electro-Fraktion zugange, sonst gab’s da ab und an mal ein Konzert. Die halle02 war damals noch eine Lagerhalle. Wohin also als adoleszenter, musik- und feierhungriger Punk/Metal/Indierock-Hörer, wenn nicht raus ins Neuenheimer Feld? Nach dem Bahnhof über den Neckar, Berliner Straße, links an der Tanke abbiegen, geradeaus, am Zoo vorbei – Endstation Schwimmbad Club, Hort jugendlicher Glückseligkeit.

Der magische Name Nirvana

Es gab Zeiten, da waren wir jeden Mittwochabend vor Ort – tanzten zu "Song 2", schüttelten die Matten zu "Enter Sandman", lagen uns bei System of A Downs "Chop Suey" in den Armen und rempelten zu Green Day, Rancid und The Offspring (Hey, das waren die 90er!) liebevoll die Schultern aneinander – Softpogo quasi. Wir schauten uns unsere Lieblingsbands an und standen nach den Konzerten noch rauchend im Treppenhaus, wo wir voller Ehrfurcht die ganz aus den charakteristischen lilafarbenen Programm-Plakaten bestehende Tapete studierten – irgendwo zwischendrin, klein und unscheinbar unter tausend anderen, der magische Namen Nirvana.

Jedes Mal lief mir ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn die ersten Takte von "Smells Like Teen Spirit" aus den Boxen bretterten und ich wünschte mir, ich wäre dabeigewesen, 1989, als Kurt und Kris, damals noch mit Chad Channing am Schlagzeug, den Abend für die damals ungleich bekannteren Tad eröffneten.

Jesus und die Goths

Die Community war überschaubar, oft sah man dieselben Gesichter, eine eingeschworene Gemeinschaft eben. Ich erinnere mich heute noch an den Typen mit dem extrovertierten Tanzstil, der aussah wie Jesus auf Acid. Unten im Keller wippten derweil die Goths vor sich hin und am Ende des Abends hieß es immer "What A Wonderful World“. Das war zwar am nächsten Tag meistens zur ersten Schulstunde nur bedingt der Fall, aber sei’s drum, wir waren jung und hatten Spaß, der silberpolierte Metall-Tanzboden des Schwimmbadclubs war einmal die Woche unsere wunderbare Welt.

Irgendwann, ich war inzwischen Student, verschwanden dann die charakteristischen lilafarbenen Plakate aus den Kneipen, mit denen ganze Generationen Heidelberger aufgewachsen waren und auf denen nicht nur Nirvana beworben wurden, sondern zahlreiche Bands, die später mal richtig groß wurden, oder solche, die es eben versäumten.

Die vergebliche Suche nach der Hipness

Jung und hip wollte der SMC – wie er sich ab diesem Zeitpunkt nannte – auf einmal sein und während ich alt und unhip wurde, zog es die jungen hippen Heidelberger anderswo hin. Ein paar Mal war ich noch mit Freunden dort, doch der Weg ins Feld wurde irgendwie immer weiter und gerade für mich als regelmäßiger Konzertbesucher spätestens dann nicht mehr lohnenswert, als das regelmäßige Konzertprogramm von den Machern sukzessive heruntergefahren und schließlich mehr oder weniger ganz eingestellt wurde.

Klar, mit der halle02 konnte man schon rein flächenmäßig nicht mithalten, und im Gegensatz zum Karlstorbahnhof musste der Club seine Mittel seit jeher selbst ohne städtische Förderung erwirtschaften. Aber in den Augen vieler verlor er durch die Streichung der Konzertabende auch enorm an Attraktivität. Und die x-te Coverband, die man auch auf irgendeinem Bierfest in der Provinz für umme anschauen kann, wird den Kohl wohl auch nicht fett gemacht haben. Einzig die Metal-Szene kam ab und an noch in den Genuss der einen oder anderen Live-Veranstaltung.

Die Wiederbegegnung mit einem alternden Club

Als ich vor ein paar Wochen dort nach langer Zeit wieder einmal ein Konzert gespielt habe, wurden auf einen Schlag viele Erinnerungen wieder wach. Ich gebe zu, dass ich jedes Mal erneut geflasht bin von den Unmengen an Tags und Schriftzügen an den Wänden im Backstage-Bereich, in dem sich auch viele meiner Jugendhelden verewigt haben.

Green Day, Lagwagon, die Fantas, Soundgarden, die Lemonheads … sie alle saßen auch mal in dem kleinen Kabuff hinter der Bühne und warteten darauf, dass es losgeht. Aber für einen Freitag war es insgesamt betrachtet auffallend leer und spätestens, als von der Tanzfläche im ersten Stock "Basket Case", "Self Esteem" und zur Krönung des Ganzen auch "Song 2" durch den maroden Bau schallten, dämmerte mir auch warum. Zuerst dachte ich "Mensch, du wirst alt." Dann aber wurde mir klar: "Nein, der Laden ist alt. Zu alt."

Kein Ausweg aus dem Stillstand

Als die lokale Presse dann vom Aus nach 36 Jahren berichtete, hat mich das irgendwie nicht sonderlich überrascht. Und zwar nicht etwa, weil man dem 60er-Jahre-Barockbau sein Alter inzwischen mehr als deutlich anmerkt. Der bauliche Zustand ist laut Angaben der Heidelberger Stadtwerke, denen das Gebäude gehört, der Grund für die vorzeitige Auflösung des Pachtvertrags.

Dass damit letztendlich alle einverstanden waren, sagt viel aus. Denn wenn wir ehrlich sind, hat sich das Konzept einfach selbst überfahren. "Stillstand ist der Tod" hat Herbert Grönemeyer mal gesungen. Hier stand die Zeit einfach zu lange still. Nostalgie ist ja an und für sich schon was Schönes, aber die Dosis macht eben auch das Gift und mehr als eine Ü30-Party im Monat erträgt selbst der hartgesottenste Partygänger nicht.

Was bleibt sind die Erinnerungen

Was in vielen tausend Köpfen bleibt, sind Erinnerungen wie meine, an durchgetanzte oder auf beziehungsweise vor der Bühne durchgeschwitzte Nächte. In diesem Sinne: Mach’s gut, Schwimmes, altes Haus, es war schön mit Dir! Lass Dich bis zum Jahresende nochmal feiern, vielleicht komm ich auch nochmal vorbei.

Aber manchmal ist es einfach besser, aufzuhören. Wie Mittwochsabends, als dann, wenn’s am schönsten war und alle noch weitertanzen wollten, auf einmal Onkel Satchmos warmes Organ durch den Raum pflügte … "What a wonderful world!"

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