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Häll Heidelberg (Pressebild 2015) 3 © Marc Weidenhüller

In der Heidelberger Musikkneipe Häll werden die Closing Weeks eingeläutet. Das führt zu Betroffenheit bei Stammgästen wie Gelegenheitsbesuchern. Die Suche nach Alternativen wird viele zurück in die Altstadt führen - zum Leidwesen der lärmgeplagten Anwohner.

Die Heidelberger Ausgehlandschaft steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Die Musikkneipe Häll, ein Fixpunkt des Nachtlebens schließt zum 31. Juli, womit Heidelberg eine Anlauffstelle für Feierwütige außerhalb der Altstadt verliert.

Dort tobt hingegen ein langwieriger und komplizierter Streit zwischen ruhebedürftigen Anwohnern auf der einen Seite und Gaststättenbetreibern und Partyvolk auf der anderen Seite. Es geht um Lärm.

Das Häll schließt

Das Häll im Heidelberger Stadtteil Kirchheim hat als Ausgehlocation ein besonders abgerundetes Profil: gemütliche, fast wohnzimmerartige Kneipenatmosphäre (Stichwort Tischkicker!), in Verbindung mit der Möglichkeit, auf der kleinen Tanzfläche ordentlich in Schwung zu kommen. Als Sahnehäubchen kann man im Sommer auch in den Garten, um Frischluft zu tanken.

Zahlreiche Konzerte und Partys, auch von kleineren Künstlern und Veranstaltern und das Augenmerk auf die musikalische Abendgestaltung, machen das Häll für viele besonders reizvoll. Da auch die Getränke bezahlbar sind, kann man dort gut einen Feier-Abend verbringen. Das geschieht wohlgemerkt abseits der Heidelberger Altstadt, in der sich sonst ein Großteil der Abendaktivitäten ballt.

Auf der Facebook-Seite hat das Häll nun seine "Closing-Weeks" bekannt gegeben, in denen bis Ende Juli "noch mal richtig auf den Putz" gehauen werden soll – "dann war's das". Zu den Gründen dafür möchte sich Hauptverantwortlicher Pascal Pisar nicht äußern, es heißt, dass Einnahmenseinbußen dafür verantwortlich seien. Er entschied sich deshalb aus freien Stücken dazu, kurz vor seinem 10-jährigen Jubiläum zu schließen.

Betroffene Reaktionen von Fans

Die Reaktionen auf der Social-Media-Plattform fallen entsprechend aus. "Sehr schade" heißt es des Öfteren, das Häll wird aufgrund seines besonderen Profils vermisst werden: "So ziemlich der einzige Ort, an dem wir in Heidelberg zu guter Indie-Musik abfeiern konnten" schreibt ein Kommentator. "Da geht eine einmalige Indie- und Kicker-Community" ein anderer.

Auch der Live-Musik wird nachgetrauert, als "echt legendär" werden die Konzerte bezeichnet, jemand lobt: "Ihr hattet oft richtig gute Bands am Start, die später auf großen Bühnen aufgetreten sind. Es gibt in der Region Heidelberg / Mannheim leider kaum Läden wie das Häll!"

Alternative Altstadt?

Das Häll ist sicher nicht der einzige Ort zum abendlichen Ausgehen außerhalb der Altstadt, aber die Summe derjenigen Orte, an denen man einen ganzen Abend bis spät in die Nacht verbringen kann, hält sich dennoch in Grenzen. Insbesondere wenn man es nicht auf Großveranstaltungen, Clubs und Discobeats abgesehen hat, sind namhafte Alternativen wie halle02, Schwimmbad-Club oder Nachtschicht vielleicht nicht immer die erste Wahl.

Es liegt nahe, dann in die Altstadt zu gehen, die für viele und besonders für frisch zugezogene Heidelberger Studenten aufgrund der Kneipendichte in der Unteren Straße ohnehin Anlaufstelle Nummer 1 ist. Die längste Fußgängerzone Europas hat leider dreierlei Funktion, wie Heidelberger wissen: Kulturgut, "Partymeile", aber eben auch Wohngebiet. Als letzteres gehört es zu den Heidelberger Problemzonen, die Lärmdebatte zwischen Anwohnern, Kneipenbesuchern und Wirten ist ein bekanntes und anscheinend unlösbares Thema.

Im zweiten Teil: Der aktuelle Stand der unlösbaren Lärmdebatte.

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Im letzten Jahr beschloss der Heidelberg Gemeinderat, die Sperrzeiten gemäß der Landesregelung zu verkürzen, so dass Gaststätten unter der Woche bis 3 Uhr, am Wochenende bis 5 Uhr geöffnet haben dürfen. Was klingt, als würde Feuer mit Feuer bekämpft, hat ein konkretes Ziel: Die Lärmspitzen von zahlreichen Feierwütigen, die zu den alten Schließungszeiten nach Hause mussten, aber noch nicht wollten, sollten so zerstreut werden.

Das scheint nach einem Bericht der RNZ auch gelungen zu sein, die Lärmspitzen um drei Uhr sind anscheinend gebannt. Allerdings ist es zu früh, das Problem als gelöst zu bezeichnen. Beschwerden wegen Lärm und Wildpinkelei seien zum Beispiel in jüngster Zeit wieder gestiegen, von 52 auf 73 bzw. von 28 auf 61 in den ersten vier Monaten des Jahres, was den rückläufigen Trend der Vorjahre umkehrt.

Verschiedene Lösungsversuche

Die angestiegenen Zahlen könnten aber, so die RNZ weiter, auch widerspiegeln, wie sensibilisierte Anwohner auf den Beschluss reagieren. Ihr Unmut dürfte durch die Sperrzeiten-Verkürzung wenig gedämpft worden sein, manche mögen darin eine Milchmädchenrechnung sehen. Im Hinblick auf eine wohl im nächsten Jahr anstehende Überprüfung der Sperrzeiten im Gemeinderat machen sie ihre Position deshalb geltend, indem sie mit gesenkter Toleranzschwelle Störungen vermehrt anzeigen.

Auch eine stärkere Präsenz von Polizei auf der Jagd nach Taschendieben könnte die gestiegende Zahl der registrierten Problemfälle erklären. Die Zahlen müssten letztlich noch ein wenig reifen, damit sie unbefangene Aussagen über eine tatsächliche Tendenz erlauben, weshalb zukünftige Entwicklungen nicht ohne Weiteres vorhersehbar sind. 

Die Stadt versucht allerdings, den Streit dauerhaft zu befrieden. Im April fand ein erstes von weiteren vierteljährlich angesetzten Gesprächen zwischen Anwohnern, Stadt und Interessenvertretungen statt. Unter anderem wurden Beschwerdetelefone eingerichtet und der kommunale Ordnungsdienst aufgestockt.

Alle haben irgendwie Recht

Wer hier recht hat, kann nicht pauschal entschieden werden, denn alle Parteien verfolgen berechtigte Interessen. Die Anwohner möchten in erster Linie schlafen, die Wirte ihre Lokale uneingeschränkt betrieben und die Feiernden – nun, eben feiern.

Die Stadt steht vor der schwierigen Aufgabe, die Interessen aller Parteien gegeneinander abzuwägen. Naheliegend ist der Appell an die abendlichen Besucher, ihr Verhalten entsprechend anzupassen und die Bedürfnisse der Bewohner zu respektieren. Es wäre die einfachste Lösung, aber wohl zugleich die am schwierigsten realisierbare. Ansonsten werden die Parteien Kompromisse eingehen müssen.

Obwohl die letzten Entwicklungen im Interesse der Feiernden und Gaststättenbetreiber verliefen, kann die Lärmproblematik das Gesicht der Altstadt durchaus auch in die andere Richtung verändern. So hatte das im letzten Jahr etwa Auswirkungen auf die Konzerterlaubnis der Musikkneipe Karl, die die Anzahl ihrer Konzerte drastisch reduzieren musste. Und das vor allem bei Erasmusstudenten beliebte Irish Pub Brass Monkey musste nun – andere Interessen der Beteiligten einmal ausgeklammert – wegen einer Lärmklage schließen.

Eine unendliche Geschichte?

Die Lärmdebatte in der Altstadt wird ein Dauerthema bleiben, denn sie kann nicht ohne Weiteres gelöst werden. Tatsache ist aber auch, dass zu einer lebenswerten Stadt ein Nachtleben dazugehört. Wenn Institutionen außerhalb der Altstadt wegfallen, wird sich jenes Nachtleben wohl stärker auf die Altstadt konzentrieren und dort neue Konflikte hervorrufen.

Das Feiern in der Altstadt hat aber jahrhundertelange Tradition. Es in seine Schranken zu verweisen, indem man der Stadt nur noch ein weiteres überteuertes Wohngebiet beschert, würde Heidelberg nicht nur eine Attraktion kosten – vielen ist ohnehin schon zu wenig los in der Stadt. Auch einen Teil des besonderen Charmes, das Nebeneinander von Universität und Kneipen gleichermaßen, würde die Heidelberger Altstadt dadurch einbüßen.

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