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The Streets (live in Mannheim 2019) © Leonard Kötters

Zum vorerst letzten Mal verwandelt das Maifeld Derby 2019 das Mannheimer Maimarktgelände für drei Tage in ein Mekka für Musikfans aus ganz Deutschland. Bands wie The Streets, Tocotronic oder Madrugada sorgen an drei sonnigen Tagen für ausgelassene Festivalstimmung.

Ob das Maifeld Derby aus der von Festivalorganisator Timo Kumpf angekündigten Pause wieder zurückkehren wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unklar. Daher gilt es die Chance zu nutzen und die Ausgabe 2019 in ein Fest zu verwandeln.

Ideale Voraussetzungen

Die Aussichten dafür stehen gut, denn an allen drei Tagen erwartet die Besucher glänzendes Wetter und angenehme, nicht zu heiße Temperaturen. Verschwunden ist das Brückenaward-Zelt, da die entsprechende Kooperation mit dem Underground-Festival nicht mehr besteht. 

Stattdessen erwartet die Besucher ein rechteckiges, charmfreies "Hüttenzelt", das aber trotz anfänglicher Soundprobleme am Freitag von den Besuchern gut angenommen wird. Ansonsten gibt es auf dem Festivalgelände nur kleinere Veränderungen wie die neu platzierten Essensstände.

Zum Tanz geladen

Der Freitag des Maifeld Derby 2019 bietet dabei eine so abwechslungsreiche wie hörenswerte Mischung. Die Berlinerinnen von Gurr sorgen mit ihrem gefälligen Garage-Sound ab dem ersten Ton für Bewegung vor der Bühne. Die Energie und Dynamik, die die Gruppe dabei mit ihren augenzwinkernden Rockstar-Posen on stage versprüht, steckt einfach an. 

Ebenso ansteckend präsentieren sich auch Parcels aus Australien. Mit ihrem tighten Disco-Sound bringen auch sie ihr Publikum in kürzester Zeit zum Tanzen; die große Bühne des Palastzeltes bespielen sie so souverän und energiegeladen wie vor zwei Jahren noch die Brückenaward-Stage. 

Minimalismus und Opulenz

Wo Parcels pure Lebensfreude versprühen, zelebrieren Sleaford Mods die hässlichen Seiten des Lebens: Über reduzierte Loops vom Laptop spuckt Rapper Jason Williamson seinen Frust über die Welt in Richtung Publikum. Dass die Gruppe dabei auf jeglichen Firlefanz (wer braucht schon Backdrops, Musiker oder eine Lightshow?) verzichtet, verstärkt die Wirkung des Konzertes ungemein.

Hot Chip hingegen zelebrieren den Firlefanz – und das im bestmöglichen Sinne. Mit schrägen Outfits und einer Vielzahl verschiedenster Klangerzeuger entführt die Gruppe in ihren Soundkosmos, der von seiner Detailverliebtheit und den zahlreichen ausgefallenen Ideen lebt. 

Keine Fake News

Bereits am Freitag macht auf dem Festival das Gerücht die Runde, dass AnnenMayKantereit als Suprise Act auf dem Parcours D'Amour auftreten werden. Die restlos gefüllte Tribüne am Nachmittag des sonnigen Festival-Samstags sprechen eine deutliche Sprache. 

Die Zuschauer auf der restlos gefüllten Tribüne werden nicht enttäuscht: Mit seiner unverwechselbaren Reibeisenstimme sorgt Henning May für wahre Begeisterungsstürme in dem eigentlich von ruhigen Tönen geprägten Parcours. 

Bis in die letzte Ritze

Die Stimmung steigert sich immer mehr. "Ich weiß, das hört man nicht oft, aber ihr könnt gerne weiter nach vorne kommen.", schallt es von der Bühne. Das lassen sich viele Fans nicht zweimal sagen und füllen den Raum vor der Bühne und der ersten Sitzreihe blitzschnell.

Die gesamte Tribüne tanzt und singt aus voller Kehle mit. Dass an einem Festival-Nachmittag schon derart abgefeiert wird, sieht man nicht alle Tage.

Ein Samstag voller Highlights

Diese euphorische Stimmung setzt sich am gesamten Samstag fort. Dank eines späten Ansturms ist der Samstag ausverkauft und die Musikfans feiern an dem lauen Sommerabend bis in die Nacht.

Von den Blues-Rockern Cari Cari über den Tanz-Rhythmus-Helden von De Staat bis hin zur neuen aufstrebenden deutschen Indie-Größen Von Wegen Lisbeth: An diesem Tag folgt ein musikalischer Hochgenuss auf den nächsten. Bei Balthazar auf der Parkbühne können die Besucher noch einmal durchschnaufen, bevor Mike Skinner mit The Streets den ganz großen Abriss einleitet.

Straßenperspektive

Im Gegensatz zu der introspektiven Tour de Force zwischen Spoken Word und grimmigem UK-Rap, die Kate Tempest noch einige Stunden vorher im Palastzelt ablieferte, zelebriert Alternative Rap-Pionier Mike Skinner den gutgelaunten Hedonismus.

Skinner hat sich dabei von seinen früheren Lo-Fi-UK Garage-Wurzeln entfernt, die Streets-Klassiker erstrahlen mit kompletter Backing-Band in einem viel ausgearbeiteteren Gewand, als man es etwa vom minimalistischen Debüt "Original Pirate Material" gewohnt ist. 

Mitreißend ist auch Skinners Performance: Weit entfernt vom Klischee des introspektiven Gesellschaftskritikers inszeniert er sich von der ersten Minute als perfekter Showman, versorgt das Publikum (und auch sich selbst) kontinuierlich mit Sekt, und dominiert die Bühne mit unvergleichlicher Energie. Die Zuschauer lassen sich gerne von diesem Vibe anstecken.

Helden der 1990er

Am Sonntag geht es dann trotz leichtem Kater gut gelaunt in den letzten Tag vor der Pause. Dazu haben sich zahlreiche Helden der 1990er versammelt, beispielsweise Stephen Malkmus, Ex-Pavement-Sänger und Gitarrist.

Er gibt den liebenswerten 90er-Slacker, leicht ergraut und gealtert, aber immer noch mit jeder Menge Spielfreude. Die Kombination seines Gesangs und seines Gitarrenspiels erinnert an längst vergangene Zeiten. Die Pavement-Reunion kann kommen!

Zeitreisen

Madrugada haben sich schon wiedervereinigt – und das ist ein Glück. Die dramatischen, melancholischen Hymnen sorgen für Gänsehautstimmung im Palastzelt. Teenage Fanclub wirken mit ihrem harmonischen Brit-Pop hingegen wie Boten aus einer längst vergangenen Zeit, als Popmusik aus dem UK nicht nur cool, sondern stilprägend war.

Ganz anders Tocotronic, ebenfalls eine 1990er Band, deren Musik aber nicht so zeitgebunden wirkt. Die Hymne "Let There Be Rock" wird leidenschaftlich mitgesungen, "Aber hier leben, nein danke" auf Anweisung mitgeschrien, dazu gibt es "Hi Freaks", das zwischen luftiger Melodie und ultra-kompliziertem Text irgendwie die Balance hält. 

Letzte Worte

Natürlich gibt es auch aktuelle Acts am Sonntag, beispielsweise Kevin Morby, der mit großem Ensemble und exzellenten Arrangements begeistert. Zum Abschluss steht dann der Schweizer Sänger und Songwriter Faber auf der Bühne des Palastzelts und darf den Satz des Wochenendes sagen: "Das Maifeld Derby ist definitiv ein Festival, zu dem ich auch gehen würde."

Das war das Maifeld Derby 2019. Ob es wiederkehrt, steht in den Sternen. Hoffnung macht aber der Facebook-Post von Organisator Timo Kumpf. Es wäre zu wünschen, denn ohne das Maifeld Derby ist die musikalische Landschaft (nicht nur) der Rhein-Neckar-Region um einiges ärmer.

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