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Impressionen vom 10. Maifeld Derby in Mannheim 2021 © Torsten Reitz

10 Jahre Maifeld Derby: das Liebhaberfestival in Mannheim feiert Jubiläum. Pandemiebedingt mussten die Veranstaltenden einige Veränderungen vornehmen, doch trotz Abstand und Masken kommt bei Traumwetter jede Menge Festivalstimmung auf.

Nachdem lange Zeit unklar war, ob das Maifeld Derby sein zehnjähriges Jubiläum 2021 würde feiern können, macht die gelungene pandemiegerechte Ausgabe nicht nur den Festivalfans, sondern der gesamten Live-Szene Hoffnung.

Neu angeordnet

Es sind halb so viele Besucher wie üblich: Die Kapazität beträgt beim zehnjährigen Jubiläum genau 2000 Besucher, die Zahl der Bühnen ist auf zwei geschrumpft. Diese sind außerdem bestuhlt und anders angeordnet als gewohnt. 

Auf dem Platz, wo sich normalerweise die Fackelbühne, das Palastzelt und das Brückenaward-Zelt befinden, gibt es diesmal den Biergarten D'Amour, eine mittelgroße Bühne mit Biergarnituren und ausgiebig Platz zum Stehen. 

Im Reitstadion ist die gesamte Tribüne geöffnet. Die Hauptbühne befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite, wodurch der Reitplatz großzügig mit bestuhlten Sitzreihen gefüllt werden kann. Dem Publikumszuspruch tut das keinen Abbruch: Besonders am Freitag und Samstag ist das Gelände sehr gut gefüllt.

Festival auf Abstand

Auf dem Gelände herrscht Maskenpflicht, nicht aber an den Plätzen. Außerdem dürfen die Besucher stehen und tanzen, wovon sie auch ausgiebig Gebrauch machen. Schließlich handelt es sich um ein Musikfestival – und für viele Besucher ist es das erste seit 2019.

Wer aber bei einem Open Air-Festival an hemmunglose Eskalation denkt, der sei beruhigt: Das Maifeld Derby war noch nie ein Ort wilder Moshpits, besoffenen Mitgröhlens oder dicht gepackter Menschenmengen. Das Publikum nimmt Rücksicht aufeinander und hält die Abstands- und Maskenregeln fast durchweg ein, so dass die Security nahezu beschäftigungslos ist.

Endlich wieder auf der Bühne

Dass trotz dieser Umstände eine entspannte Festivalatmosphäre aufkommt liegt sicherlich am Traumwetter, der wie gewohnt hervorragenden Organisation und natürlich am musikalischen Programm.

So sehr wie die Gäste des Maifeld Derbys sich über die Rückkehr der Livemusik freuen, so merkt man auch den Künstlerinnen und Künstlern an, dass diese die Bühne vermisst haben. Fast alle freuen sich über die Auftrittsmöglichkeit und zeigen sich glücklich über die Gelegenheit vor Publikum zu spielen.

Am Festival-Freitag fällt dies gerade beim Tages-Headliner Drangsal auf: Während Molchat Doma aus Belarus mit ihrem unterkühlten Wave perfekt in die anbrechende Nacht überleiten, versetzt der Künstler aus Herxheim das Publikum mit seinem stark von der NDW beeinflussten Sound in Ekstase. 

Vielsprachig

Der Samstag bietet als großes Highlight den Auftritt von Sophie Hunger. Die Schweizer Sängerin beweist ihre große Kreativität und Vielseitigkeit: Sie singt Lieder auf Englisch, Französisch, Hochdeutsch bzw. Schwyzerdütsch. 

Ihr Sound wandelt sich von elektronischen Beats zu weicheren, folkigeren Tönen. Das Konzert besitzt außerdem eine ganz eigene Spannung, die nur wirklich große Künstlerinnen erzeugen können. Sophie Hunger ist und bleibt faszinierend. 

Vielfältig wie immer

Der Festival-Sonntag beim Maifeld Derby zeigt wohl am deutlichsten die Bandbreite des Bookings – kein Act klingt hier wie der Nächste. Während der Schweizer Sänger Dagobert eine gewohnt eigenwillige, stoische Interpretation des Schlagers bietet, sorgt sein Landsmann Dino Brandao mit einer gehörigen Portion Energie für Sommergefühle.

Große Begeisterung entfacht am frühen Abend die Blues-Rock-Band DeWolff. Nicht nur Sound und Songwriting, auch die Kleidung, die Instrumente und die Bühneshow des niederländischen Trios erinnern stark an die 70er, die mit jeder Menge Leidenschaft und instrumenteller Finesse zelebriert werden.

Von skurill bis sphärisch

Im Biergarten D'Amour gibt es nacheinander Garage Rock von Dives, sphärischen Pop von dem österreichisch-isländischen Projekt Oehl und – wohl ein heimliches Highlight des Festivals – exzentrischen One Man Band-Blues von Reverend Beatman.

Dieser ist für die ausgefallene Band Dÿse eingesprungen und bietet mit seinem kauzigen Witz und seiner abwechslungsreichen Bühnenshow perfekte Unterhaltung, bevor es mit The Notwist auf der Palastbühne dann elektronisch-sphärisch wird. 

Eintauchen, abtauchen

The Notwist präsentieren ihre Klangwelten irgendwo zwischen Electronica und Kraut/Indie-Rock mit einer Prise Jazz. Mit neuen Songs wie "Into The Ice Age" knüpfen sie an den bekannten und geschätzten Sound früherer Alben an.

Klassiker wie "Pick Up The Phone" lassen dennoch keine Nostalgie nach der guten, alten Zeit aufkommen, denn The Notwist wirken stets vollkommen gegenwärtig und ungebrochen kreativ, was sich beispielsweise in den herausragenden Arrangements zeigt.

Gelungener Neuanfang

Obwohl sich sicherlich der größte Teil des sonntäglichen Publikums – darunter auch der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz – bei The Notwist einfindet, zieht es einen harten Kern zu den parallel im Biergarten D'Amour auftretenden Yin Yin.

Die bis 2018 noch unter dem Namen Ladyboys aktive Band begeistert mit ihrem weitestgehend instrumentalen Psych-Funk derart, dass, als das Maifeld Derby um 22 Uhr endet, die Rufe nach einer Zugabe noch lange Zeit nicht verstummen wollen. 

Das Maifeld Derby 2021 war fraglos für alle Beteiligten Wagnis und Kraftakt gleichermaßen. Umso schöner, dass sich das Experiment gelohnt hat. Das beste Kompliment besteht wohl darin, dass die Jubiläumsausgabe sich definitiv wie ein Festival angefühlt hat.

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