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Tomasz Stanko

Am vergangenen Samstag trat der polnische Trompeter Tomasz Stanko mit seinem "Nordic Quintet" im Rahmen des Palatia Jazz auf dem Weingut Dr. Deinhard in Deidesheim auf. Da das Wetter den Vorhersagen trotzte, fand das fast ausverkaufte Konzert im stimmungsvollen Hof des Weinguts Dr. Deinhard in Deidesheim statt. So waren eigentlich alle Voraussetzungen für einen großartigen Musikabend gegeben.

Seit dem Auftritt Tomasz Stankos bei Enjoy Jazz sind zweieinhalb Jahre vergangen. Sein "polnisches Quartett" mit Marcin Wasilewski (Klavier), Slawomir Kurkiewicz (Bass) und Michal Miskiewicz (Schlagzeug) existiert nicht mehr.

Die Trennung war im Rückblick unvermeidlich, vielleicht hat Stanko den Pianisten sogar ermutigt, seine Musik in einer eigenen Gruppe zu verwirklichen. Wasilewski genoss im "polnischen Quartett" enorme Freiheiten und dankte es seinem Mentor mit sagenhafter kreativer Energie, die auch Stanko selbst beflügelte und zu Höchstleistungen antrieb.

Neue Konstellation

Europäischer Jazz war selten besser gewesen. Jetzt ist alles anders. An die Stelle des "polnischen Quartetts" ist das Nordic Quintet getreten. Es vereinigt Stanko und den Pianisten Alexi Tuomarila, den Bassisten Anders Christensen, den Schlagzeuger Olavi Louhivuori und den Gitarristen André Fernandes. Das erste Album des Quinetts wird vermutlich im Herbst bei ECM veröffentlicht werden.

Das Konzert zerfiel aufgrund der überlangen Pause von 45 Minuten in zwei Teile von jeweils ungefähr einer Stunde. Davon waren ungefähr eineinhalb Stunden enttäuschend schwach, was weniger an Stanko lag, sondern an seinen Begleitmusikern, die, mit Ausnahme des Schlagzeugers Louhivuori, den Nachweis ihrer Fähigkeiten schuldig blieben und zwar sowohl im Zusammenspiel als Gruppe, als auch im Hinblick auf ihre Soli.

Die Struktur des Konzerts ergab sich aus einem im Jazz geläufigen Muster: Begleitet von der Band gab Stanko jeweils die Melodien vor, woraufhin er selbst, Pianist Tuomarila und Gitarrist Fernandes improvisierten, bevor die Gruppe zum Abschluss des Stücks wieder gemeinsam spielte.

Fehlende Absprache

Das Zusammenspiel krankte an einem Mangel an Intensität und vor allem an gegenseitiger kreativer Befruchtung. Das Quintett erweckte nicht den Anschein, als bestünde ein wirklicher Zusammenhalt innerhalb der Gruppe oder als wüssten die einzelnen Musiker, was Tomasz Stanko von ihnen erwartet. So wirkte die Musik überraschend konturlos und seicht, manchmal sogar lethargisch.

Die Spannung, die Stankos polnisches Quartett auszeichnete und die sich im facettenreichen, detaillierten Zusammenspiel der Musiker offenbart, fehlte fast vollständig. Jeder Musiker schien für sich zu spielen, eine innere Harmonie stellte sich in Ansätzen erst gegen Ende des Konzerts ein. Das konnte natürlich auch nicht ohne Auswirkungen auf Stanko bleiben, der unter den Musikern keine kreativen Partner fand und dessen Spiel trotz einiger herausragender Momente häufig zurückhaltend und orientierungslos erschien.

Steigerungspotential

Das zweite Set bot zunächst mehr Enttäuschungen: Auf ein sehr gelungenes Solo von Stanko folgte ein drastischer Abfall, da Pianist Tuomarila es nicht verstand, Stankos Ansatz aufzugreifen. Alle Energie ging daraufhin verloren, das Stück brach regelrecht zusammen. In der letzten halben Stunde steigerte sich dann das nordische Quintett unvermittelt und deutete damit an, dass die Musiker vielleicht doch nur einen äußerst schlechten Tag erwischt hatten. Die Musik wirkte flüssiger und harmonischer und löste damit sofort im Publikum großen Zuspruch aus, während die Zuschauer vorher allenfalls höflich applaudierten.

Offene Fragen

Allerdings war nicht zu überhören, dass die meisten Musiker – abgesehen von Schlagzeuger Louhivuori – nur über begrenzte Ausdrucksmöglichkeiten verfügten. Pianist Tuomarila beackerte das Klavier in seinen Soli mit den immergleichen Läufen, die mangelnde Kreativität oder mangelndes Talent nahelegten. Im Vergleich zum sagenhaften Einfallsreichtum Wasilewskis war seine Leistung jedenfalls ernüchternd und der Klasse eines Musikers wie Stanko nicht angemessen.

Noch weniger überzeugte Bassist Christensen, dessen cooles äußeres Auftreten mit T-Shirt und Sonnebrille in krassen Gegensatz zu seiner mangelnden musikalischen Präsenz stand. Gitarrist Fernandes mühte sich redlich, vermochte aber mit seinen häufig belanglos wirkenden Soli nichts Wesentliches zu vermitteln. 

Ob das nordische Quintett dauerhaftes Potential besitzt, lässt sich nur schwer aufgrund eines Auftritts entscheiden. Man wird schwerlich bestreiten können, dass es im Vergleich zum polnischen Quartett in qualitativer Hinsicht einen Rückschritt darstellt. Stanko hat die Wahl, das Experiment zu beenden oder den steinigen Weg der stetigen Verbesserung mit den jungen Musikern zu beschreiten. Wie er sich entscheidet, bleibt abzuwarten.

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