Menomena im klub_k
Fotos: Markus Biedermann

Menomena im klub_k Fotos: Markus Biedermann © indiepoprock.de

Die Begeisterung für Menomena kennt nach wie vor keine Grenzen. Gerade haben sie ihr neues Musikvideo veröffentlicht und wurden für das überragende Artwork von "Friend and Foe" sogar für den Grammy nominiert. Aus einer bislang relativ obskuren Nordwest-Combo wurde eine in den ganzen USA und Kanada bekannte Band, die auch in großen Clubs vor vollem Hause spielt und dabei frenetisch gefeiert wird.

{image}Das ist bei weitem kein Durchbruch in den Mainstream, aber ein riesiger Schritt für eine Band, die mit ihrem modularen und verschachtelten Popentwurf zeigt, dass Musik mit Anspruch und Herz dem Verfall der musikalischen Sitten auf ihre eigene Art Einhalt gebietet. Menomena verbinden in ihrer Musik Humor, Selbstvertrauen und Kunstverständnis. Und wenn die drei Jungs aus Portland so weitermachen, werden sie zu den Großen im Artist-Roster des Labels City Slang bald spielend aufgeschlossen haben. In Heidelberg betraten sie Ende letzten Jahres noch die kleine Bühne des klub_k (Review). Tags zuvor, dank der Popkomm, hatten sie in Berlin über 700 Zuhörer erreicht. Richtig Lust auf das Konzert machte neben dem fantastischen Album nicht zuletzt auch die Take Away Show mit Menomena auf "La Blogothèque". Für regioactive.de gaben Danny, Seim und Brent  ein Interview.

Ich habe gerade ein Interview mit euch in einem anderen Musikmagazin gelesen und dort habt ihr erwähnt, dass die größte Schwierigkeit darin besteht, miteinander zu arbeiten und ständig aufeinander zu sitzen. Das läge daran, dass sich jedes Mitglied in derselben Position befindet: Jeder schreibt Songs und beansprucht exakt den gleichen Stellenwert in der Band. Die einzige Ausnahme sei der Song Wet and Rusting. Wie geht ihr damit um, wenn ihr zusammen auf Tour seid?

Justin: Ich weiß nicht, wo wir das gesagt haben (lacht). Weißt du vielleicht wo? War es die Intro?

Oder die Spex? Irgendeins von denen. Es klang jedenfalls danach, dass jeder von euch eine ziemlich große Persönlichkeit hat und es dadurch schwer fällt, miteinander auszukommen...

Justin: Nein, nicht wirklich. Touren ist eigentlich ganz einfach gewesen bisher. Hart wird es, wenn man krank wird. Wenn man während einer Tour kränkelt, wird es ziemlich schwer wieder gesunden zu werden.

Brent: Wet and Rusting entspricht einer Kollaboration von uns allen noch am ehesten. Die meisten Songs wurden jedoch von einem arrangiert und die Anderen haben ihre Instrumente beigesteuert. Bei diesem Song haben wir den Prozess des Songwritings geteilt, jedenfalls mehr als bei allen anderen.

Euer Album hat ein positives Echo von vielen Blogs und Magazinen erhalten, unter anderem habt ihr auch eine Show für die Blogotheque gemacht. Man liest sogar, dass ihr mit einem ähnlichen Erfolg wie Arcade Fire zu rechnen habt.

Justin: Das stimmt (lacht).

Mich interessiert, ob ihr nun nervöser seid. Seit Friend and Foe sind die Erwartungen ja ziemlich gestiegen.

{image}Brent: Was war nochmal die Frage? (lacht) Sorry. Ich fühle keine hohen Erwartungen. Wir tun so, als ob nichts passiert wäre, das vereinfacht das Leben erheblich. Sowas würde sich zu sehr in uns verankern und die nächste Aufnahme beeinflussen. Bei Friend and Foe war das auch schon so, aber auf einem anderen Level und im allgemeinen würde ich sagen, dass sich unsere Einstellung nicht groß geändert hat, auch wenn wir uns weiterentwickelt haben. Im Moment geht es mit uns schon rapide bergauf und ich denke, dass bei dem nächsten Album der Druck etwas höher sein wird. Das aktuelle Album ist ziemlich gut und hat eine Menge Ideen. Wir werden versuchen, weiterhin gute Songs zu schreiben und es ist egal, ob diese die alten überragen oder nicht. Es wird sowieso immer jemanden geben, der das erste Album besser fand als das nächste...

Friend and Foe wurde in Deutschland ziemlich spät veröffentlicht. In den Staaten kam es bereits im Januar 2007 auf den Markt und in Deutschland erst im September. Plötzlich hat man hier überall etwas über euch gelesen...

Danny: Ich fühle eine gewisse Distanz zwischen der deutschen und amerikanischen Presse. Die Sprachbarriere ist sowieso ein Problem für mich und es ist sowieso schlecht Reviews über sich selbst zu lesen, aber in den Staaten tue ich das. Ich bin offensichtlich ziemlich neugierig. In Deutschland ist die Presse jedoch ganz anders, denn man hat das Gefühl, dass die Fragen viel durchdachter und sensibler sind. In Amerika ist es ungefähr so: "Ah, ihr liebt die Muppets... Bitte singt euren favorisierten Muppet-Song." Und wir darauf: "Was? Wir sind Künstler."

Danny: Etwas kann ich jedoch über die Presse sagen: Vor kurzem habe ich eine sehr alte Review von PJ Harveys Dream my Love gefunden. Darin wurde beschrieben, wie PJ Harvey ihren Berührungspunkt verlor und das Album wurde zerrissen. Und genau diese Platte ist mein Lieblingsalbum. Jeder hat eben seine eigene Meinung. Man sollte nur auf ehrliche Art und Weise Musik machen und seine eigene Situation vermitteln. Wenn du Glück hast, dann mögen das die Leute, wenn du Pech hast, dann eben nicht. Das Gleiche gilt für die Presse.

Als wir uns das Album angehört haben ist Chris aufgefallen, dass die Songs keine typischen Songstrukturen aufweisen. Ich habe gelesen, dass ihr versucht Musik zu machen, die sich eben nicht beim ersten Mal offenbart. Es wollte wachsen und nicht zu einfach sein...

Brent: Das stimmt so nicht ganz. Wir möchten Musik machen, die alle Details erst beim zweiten oder dritten Durchlauf preisgibt. Eben Dinge, die man in diesem Moment hört, aber beim nächsten Mal unauffindbar sind.

{image}Was sind eure musikalischen Traditionen? Ihr erinnert mich an die verschiedensten Bands, zum Beispiel auch an Pavement. Die haben mit einfachen Songstrukturen begonnen, einen typischen Chorus verwendet und auf einmal kam ein Break und schlagartig wurde alles anders. Auch Art-Rock Bands wie Yes oder die Talking Heads lassen Parallelen erkennen. Ebenso Mercury Rev.

Justin: Nichelback, Splash oder Staind (lacht).

Danny: Das ist interessant, dass euch das auffiel. Wir alle haben unsere Wurzeln in den 70ern bzw. 80ern, und natürlich auch in Pavement. Das hat uns mit Sicherheit auch beeinflusst. Wir haben trotzdem nie zusammen gesessen und gesagt: "Das ist unser Lieblingsalbum und wir möchten genau danach klingen". Ich denke, die Einflüsse von uns allen spielen beim Schreiben der Songs eine große Rolle, und was wir dann zusammenführen, das sind eben doch wir.

Danny: Mit den Strukturen bin ich mir nicht sicher. Würden uns Leute mit den Tears for Fears vergleichen, dann wäre das wohl ziemlich arm (lacht). Sie vergleichen uns deshalb lieber mit Arcade Fire, und das stinkt! Ich weiß nicht, vielleicht weil wir uns so zurücklegen und viel mit repetitiven Elementen beschäftigen. Zudem bringen wir den Chorus vier Mal...

Das Label Sub Pop wollte euch nicht haben oder fragten sie euch doch, ob ihr aufspringen wollt!?

Justin: Nein. Die haben gemeint, dass wir Coldplay zu sehr ähneln (lacht).

Das ist uns auch schon aufgefallen... Nein, natürlich sind Menomena definitiv nicht wie Coldplay.

Justin: Danke! Ich spiele kein Piano und habe keine Kinder mit Gwyneth Palthrow.

Brent: Das ist nur ein Gerücht. Wir kennen Leute bei Sub Pop, aber es war ein Gerücht, dass das Label uns unter Vertrag nehmen wollte. Aber sie sagten "Ja, wir hätten Menomena unter Vertrag nehmen müssen, aber wir brauchen eben keine Coldplay-artige Band". Ich denke, dass auf Sub Pop wirklich großartige Bands sind.

Eine andere Frage wäre: Wie macht ihr Musik? Ihr arbeitet anscheinend mit etlicher selbst programmierter Software.

Brent: Ja! Der erste Schritt ist, dass wir unsere Software "Deeler" benutzen. So sammeln wir unsere Ideen und es ist Teil der Improvisation. Später machen wir dann die wirkliche Arbeit und beschäftigen uns genauer mit den Aufnahmen. Die besten Ideen werden dann verwendet. Die Software nimmt einfach nur spontane Momente auf.

Was passiert danach?

Brent: Danach benutzen wir typische Software wie Pro Tools. Wir haben dann diese kleinen Files und Auszüge, wir legen die Besten zusammen und diskutieren wie wir diese weiterverwenden. Anschließend kümmern wir uns um die eigentliche Struktur des Songs. Natürlich müssen wir die Teile gelegentlich auch neu einspielen, aber das passiert dann eher auf die traditionelle Art.

{image}Der nächste Schritt wäre dann, das Ganze auf die Bühne zu bringen und euren Tontechniker verrückt zu machen? (Anm.d.Red.: Der Tontechniker war während des Interviews mit anwesend und begann bei dieser Frage heftig damit an, bejahend zu nicken.)

Justin: Jetzt wird es aufregend, denn er bekommt immer einen Ständer! Während der Show steht er da und möchte unbedingt Danny nageln (alle lachen).

Brent: Wenn der Song fertig ist, dann ist der aufregendste Teil wohl die Umsetzung auf der Bühne. Alle Songs von Friend and Foe wurden ja "in the Box" aufgenommen und wir wussten, dass es keine Leichtigkeit wird, diese Songs dann in einer Live-Umgebung gut umzusetzen.

Danny: Das Beste an Deeler ist, dass er alle Loops direkt abspeichert. Es ist wie ein Speicher auf deinem Computer und so haben wir echt alles, was wir je eingespielt haben.

Also eine Menge Arcade Fire und Coldplay Kram...

Justin: Wir waren Arcade Fire, bevor die es eigentlich waren…

Brent: Wir haben auch schon das Album von denen veröffentlicht.

Danny: Etwa drei Jahre zuvor, aber das steht in einer anderen Review (lacht).

Also ich denke, dass Arcade Fire nicht wie Menomena klingen. Aber das scheint bei euch umstritten zu sein...

Justin: Danke!

Danny: Ich denke auf Platte sind Arcade Fire unglaublich, aber er (Justin) leider nicht.

Wenn ihr ein neues Album beginnt, kann  es dann vorkommen, dass ihr zuerst euer Archiv durchwühlt?

Danny: Ja klar, ein paar der neueren Songs haben wir bereits 2003 begonnen oder so. Es ist eh besser, wenn man mehrere Aufnahmen zur Auswahl hat und auch mal zurückfallen kann. So werden die alten Sachen auch verwertet und letztendlich macht das ja auch Sinn. Wir mixen diese Elemente dann mit unseren aktuellen Songs.

Die komplette Aufnahme ist ja bei euch Zuhause entstanden. Wie kann man sich das vorstellen?

Brent: Einfach nur ein Raum mit einem Computer und ein paar Mikrofonen.

Danny: Wir nehmen alles mit Deeler auf und gehen dann zu uns nach Hause, wo wir am Computer weiterarbeiten. Dann treffen wir uns wieder, mixen zusammen und spielen uns gegenseitig das Ergebnis vor. So arbeiten wir in etwa.

Chris: Ist Deeler komplett selbst geschrieben, oder basierend auf einer Programmierumgebung wie Max/MSP (Info auf Wikipedia)?

Brent: Ja! Es ist in Max/MSP gemacht. Wir haben nie Geld gehabt um ins Studios zu gehen, so haben wir angefangen unser eigenes Zeug zu machen.

Nun weg vom musikalischen Zeug... Ihr habt auch einen eigenen Blog am laufen, in dem ihr auch über eure Tour berichtet.

Danny: Auf einer lokalen Webseite (Anm.d.Red.: Die Willamette Week)

Ihr sucht bewusst die Kommunikation mit den Fans?

Justin: Nein, das ist nur für uns selbst (lacht).

{image} Ihr hättet das auch in einem eigenen Blog veröffentlichen können, wieso habt ihr euch für den Blog einer Lokalzeitung entschieden?

Brent: Portland ist klein. Die Musikszene ist besteht fast nur aus engen Freunden. Ich habe ihn eigentlich für jemand anderes geschrieben.

Justin: Einmal kam jemand und fragte mich: "Warum fandest Du eure letzte Show so schlecht?" und ich habe geantwortet "Was?". Darauf meinte er: "In eurem Blog, da habt ihr geschrieben, dass das die schlechteste Show von euch war". Der Blog reflektiert nicht die Meinung der kompletten Band.

Wie lief denn die letzte Tour? Seid ihr zufrieden?

Justin: All Shows waren scheisse und die Leute sind ziemlich fies... Ich bin schon wieder krank!

Brent: In Deutschland war der Gig in Berlin einfach großartig.

Ich habe eine Verbindung zwischen Portland und Deutschland gefunden: In Portland gibt es -  relativ zur Einwohnerzahl – die meisten Bierbrauereien in den USA, und Deutschland ist ja bekannt für eine ausgeprägte Biertrinker-Kultur.  Ihr habt immerhin vier große Bierfeste im Jahr. Was ist so speziell an Portland?

Justin: Ein schöner Ort zum leben, super Bier... Es ist günstig, wenn man nichts kauft (lacht). Kauf dir besser kein Haus, denn es ist günstiger, eines zu mieten. Das Klima ist auch super, die Menschen sind nett, und es gibt viele Kalifornier. Es ist wie ein neues San Francisco. Es gibt wirklich viele, die aus San Francisco dort hinkommen.

Danny: Es regnet ziemlich viel. Es ist nicht so teuer wie San Francisco. Es gibt keine Form des Wettkampfes und es gibt viele Bands, die alle einen unterschiedlichen Sound haben. The Decemberists klingen wie sie klingen und so weiter. Ich will nicht Teil dieser "New York Dance Punk"-Szene sein oder sowas, wo sind die denn jetzt? Die Leute unterstützen sich wirklich sehr, die Bands agieren eher verdeckt und haben gleichzeitig irgendwelche Jobs. Es gibt auch keinen Bezirk, in dem nur reiche Leute leben und alle sind ziemlich am Boden geblieben.

Wir bedanken uns für dieses unterhaltsame Interview!

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