Shabaka and the Ancestors

Shabaka and the Ancestors © Leeroy Jason

Mit unterschiedlichsten Bands und Stilen war der Saxophonist Shabaka Hutchings schon bei Enjoy Jazz zu Gast - mit den Ancestors möchte er nun das Erbe seiner Vorfahren erkunden. Selten war die tiefe, spirituelle Energie hinter seiner Musik so deutlich wie bei diesem Auftritt.

Bereits zum vierten Mal steht der britische Saxophonist Shabaka Hutchings auf den wechselnden Bühnen des Enjoy Jazz Festivals, und das schon wieder mit einer anderen Band.

Nachdem Hutchings mit Melt Yourself Down den modernen Jazz in radikaler Form zelebrierte und mit The Comet is Coming einen Ausflug ins Weltall wagte, macht er sich 2017 mit "Shabaka and the Ancestors" – nomen est omen – auf die Spur der (musikalischen) Traditionen seiner Vorfahren.

Demokratisches Sextett

Während sich die Ausrichtung der Gruppe in der recht traditionellen Besetzung – zwei Saxophone, Drums, Percussion, Kontrabass und Gesang – widerspiegelt, zeigt das zahlreich erschienene Publikum, dass Hutchings Name und spielerische Klasse inzwischen ihre Kreise gezogen haben.

Dies bedeutet jedoch glücklicherweise nicht, dass die Ancestors nur den Backdrop für die Performance des britischen Hünen stellen würden, im Gegenteil: Fernab von jeglichem Personenkult dreht sich auch bei diesem Projekt alles um die Musik und das Zusammenspiel als Ganzes.

Geteilter Schweiß

Der Geist des gemeinsamen Spielens dominiert den gesamten Auftritt des Sextetts: Keiner der Musiker versucht sich (außerhalb der Solo-Slots) mit seinem Spiel in den Vordergrund zu drängen, die Musik wirkt in all ihren Tempo- und Stimmungswechseln stets wie aus einem Guss. 

Dieses kollektive Spielen geht soweit, dass Hutchings seine Rolle als Bandleader nur in Form einiger minimaler Handzeichen und kurzer Seitenblicke wahrnehmen muss. Der Rest des Zusammenspiels scheint von einem gegenseitigen Verständnis geprägt zu sein, das keiner Worte bedarf.

Dafür spricht auch die positive Grundstimmung, die die Band auf der Bühne versprüht. Man lacht und schwitzt gemeinsam, freut sich mit dem schon nach wenigen Minuten euphorischen Publikum über gelungene Soli und feuert sich gegenseitig zu Höchstleistungen an.

Giant Footsteps

Das Ergebnis dieser stimmungsvollen Symbiose ist spiritueller Jazz im weitesten Sinne. Gerade die atmosphärischeren Parts des Sets, auch die ineinander verschwimmenden, unisono gespielten Saxophon-Melodien, wecken Erinnerungen an die musikalische Atmosphäre von Sun Ra oder Alice Coltrane.

Auch, wenn Shabaka and the Ancestors nie nach bloßer Kopie klingen, findet sich in der oft hypnotisch-meditativen Atmosphäre doch ein gemeinsamer Nenner. 

Get into the Groove

Die ausladenderen Parts wechseln häufig mit schnelleren, rhythmusbetonten Momenten, die den namensgebenden afro-karibischen und südafrikanischen Traditionen huldigen. Hier mutiert das Sextett zu einer vielköpfigen Groovemaschine, die gerade durch die unnachgiebige Rhythmussektion kein Bein stillstehen lässt.

Der Wechsel zwischen diesen vielen Stimmungen erfolgt mit traumwandlerischer Sicherheit: von strenger Komposition zu freier Improvisation, von dichten Sphären zu einladender Rhyhthmik – alles getrieben von der gemeinsamen musikalischen Vision der Beteiligten.

Afrofuturismus

Begleitet wird das Set von Sänger Siyabonga Mthembu, der mit Pfiffen und verschiedenen Geräuschen viel zur Atmosphäre der Musik beiträgt. Neben seinem markigen, rauen Vocals rückt er auch immer wieder als Solist in den Vordergrund. Dann wird er zu einer Art Erzähler, unterfüttert den Auftritt mit einer Art Narration, einem Programm, das afro-futuristische Tendenzen anklingen lässt. 

Diese Narration verleiht dem Auftritt vielleicht das gewisse Etwas; macht es zu mehr als nur Musik. Die Klagen und Anrufungen, aber auch die Forderungen an die Zukunft zeigen, dass es Hutchings und seinen Mitstreitern nie einfach nur darum geht, sich über ihr musikalisches Talent zu profilieren.

Im Gegenteil, es stecken eine tiefe Botschaft und ein geteiltes Empfinden in der Kunst von Shabaka and the Ancestors, die sich nur schwer mit Worten fassen, dafür umso direkter im Konzert erleben lässt.

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