Bob Dylan (Pressebild, 2016)

Bob Dylan (Pressebild, 2016) © Livenation

Egal, wie viele Konzerte von Bob Dylan man besucht, es gibt immer etwas zu erleben. In der ausverkauften Frankfurter Festhalle zählen dazu eine deutlich verbesserte Stimme und die Rückkehr des Rocksounds, wenngleich die Sinatra-Songs immer noch viel Raum einnehmen.

Was für einen Unterschied zwei Jahre machen. Bei Bob Dylans Konzert in Mainz im Juni 2015 sorgte eine kurzfristig geänderte Setlist für eine längere Verzögerung des Konzertbeginns. Nicht so in der Frankfurter Festhalle knapp zwei Jahre später. Um 20:01 Uhr geht das Licht aus und die Band betritt die Bühne. Besonders auf der Empore sind viele Besucher noch gar nicht auf ihren Plätzen.

Mehr Rock

Es dauert eineinhalb Songs bis die Tontechniker Dylans Stimme die nötige Präsenz verliehen haben. Darunter leidet vor allem "Things Have Changed", dessen fantastischer Text ein wenig untergeht. Schon jetzt ist aber klar, dass die etwa allzu beschauliche "After Hours"-Stimmung, die in Mainz noch das gesamte Konzert durchzog, einer deutlich rockigeren Atmosphäre Platz gemacht hat.

War Gitarrist Charlie Sexton in Mainz noch sträflich unterbeschäftigt, so haben er und Kollege Stu Kimball in Frankfurt genug zu tun. Zahlreiche Lieder sind durch prominente Gitarrenriffs und Licks charakterisiert, was der Musik sogleich weitaus mehr Dringlichkeit verleiht. Zudem gewinnen Songs wie "Highway 61 Revisited" und das abgründige "Beyond Here Lies Nothin‘" dadurch die nötige Schärfe. Wer lieber kuscheln mag, ist hingegen bei dem beschwingten, fast tänzelnden "Don’t Think Twice" richtig.

Im Schatten Sinatras

Über dem gesamten Abend hängt der Name von Frank Sinatra wie ein Damoklesschwert. Wohin man auch hört, irgendein Zuschauer führt ihn immer im Munde. Die Beschäftigung Dylans mit dem "Great American Songbook" hat eine Intensität erreicht, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schien.

Dylan-Fans streiten, ob das eine glückliche künstlerische Entscheidung ist. Aber selbst wer der Auffassung ist, dass Dylan besser über diese Lieder sprechen sollte, als sie zu singen (wie der Schreiber dieser Zeilen), muss zugeben, dass er "Why Try To Change Me Now" ordentlich croont und sich dabei auch noch in bemerkenswerter stimmlicher Verfassung präsentiert.

Die sechs Lieder des Great American Songbooks (oft verkürzt als "Sinatra-Songs" bezeichnet) weisen dennoch eine gemischte Bilanz auf. Für jede gelungene Interpretation wie "Melancholy Mood" oder "All Or Nothing At All" gibt es Überflüssigkeiten wie "Autumn Leaves" oder eine alberne Absurdität wie "That Old Black Magic". Aufgrund ihrer Kürze gleichen diese Lieder eigentlich eher Zwischenspielen, jedenfalls stehen sie in Kontrast zu den Dylanschen Eigenkompositionen – auch das war in Mainz noch ganz anders.

Großartiges und der Rest

Die Highlights des Konzertabends drängen sich in der Mitte. "Tangled Up In Blue" geht einher mit neuen Lyrics, die das Lied weder verbessern noch schlechter machen. Der darauffolgende Dreischlag mit dem ausladenden Bluesrocker "Early Roman Kings", einer sehr schönen, mit viel Applaus bedachten Version von "Spirit On The Water" und "Love Sick" sehr nahe am Original, aber mit neuer interessanter Phrasierung zeigen, dass Dylan nach wie vor herausragende Performances abliefern kann.

Dass wiederum nicht alles gelingt, offenbaren einige Songs von "Tempest" - und seltsamerweise nicht gerade die schlechtesten. Selten hat Dylan so tief in die schwarze Seele der Menschen geblickt wie in "Pay In Blood", aber aus welchen Gründen auch immer gelingt das Lied im Konzert nie so wirklich. Auch die letzten beiden Eigenkompositionen des regulären Teils "Soon After Midnight" und "Long And Wasted Years" sind eher in Ordnung als herausragend.

Harmonie zwischen Dylan und Publikum

Als Zugabe gibt es "Blowin‘ In The Wind", dem der prominente Einsatz einer Violine eine fast sehnsuchtsvolle Stimmung verleiht. Zum Abschluss spielen Dylan und Band "Ballad Of A Thin Man" – ein würdiger Abschluss eines schönen Konzertabends, wenngleich dieses Lied noch mehr Wut und Verachtung vertragen hätte.

Dylans vielleicht nicht offensichtliche, aber erkennbare gute Laune zeigt sich in kleinen tänzerischen Einlagen und allgemein einer gelösten Stimmung, die sich auch auf die Zuschauer überträgt. Diese feiern den Meister, obwohl auch der späte Dylan es seinem Publikum niemals leicht macht. 

Keine Routine

Es ist fast schon ein Klischee: Dylans stetiges Bestreben sich neu zu erfinden, seine alten Songs auf neue Art und Weise zu spielen, Betonung und manchmal sogar den Text zu variieren, Elemente neu anzuordnen. Schon aus diesem Grund ist ein Dylan-Konzert nie langweilig, sondern sorgt fast immer für reichlich Gesprächsstoff.

Am Ende stehen Dylan und Band im Scheinwerferlicht auf der Bühne. Sie verbeugen sich nicht, das würde auch wirklich zu weit gehen, aber sie würdigen kurz den Applaus der Zuschauer. Einige Sekunden später sitzen sie in zwei schwarzen Nightlinern, die sich ihren Weg durch die Frankfurter Nacht bahnen. So war es schon immer – und so wird es hoffentlich noch lange sein. 

Setlist

Things Have Changed / Don't Think Twice, It's All Right / Highway 61 Revisited / Beyond Here Lies Nothin' / Why Try to Change Me Now / Pay in Blood / Melancholy Mood / Duquesne Whistle / Stormy Weather / Tangled Up in Blue / Early Roman Kings / Spirit on the Water / Love Sick / All or Nothing at All / Desolation Row / Soon After Midnight / That Old Black Magic / Long and Wasted Years / Autumn Leaves // Blowin' in the Wind / Ballad of a Thin Man

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