Bob Dylan (2015)

Bob Dylan (2015) © Sony Music

Im Mainzer Zollhafen spielt Bob Dylan eines seiner gar nicht seltenen Deutschlandkonzerte. Aber gerade wenn man denkt, dass Routine einsetzt, gelingt es dem legendären Sänger & Songwriter wieder einmal sein Publikum zu überraschen.

Das Gespräch vor Bob Dylans Auftritt auf dem Open Air-Gelände im Mainzer Zollhafen dreht sich um die Frage, ob Dylan dasselbe Set spielen wird wie auf fast allen Konzerten des Jahres 2015 oder ob der stets wandelbare Sänger und Songwriter seine Fans wieder einmal überraschen wird.

Bereits vor der Show gibt es Anzeichen, dass etwas im Gange ist. Eine halbe Stunde vergeht nach der ursprünglich angekündigten Startzeit von 21:00 Uhr. Im Publikum macht sich ob des späten Beginns Unruhe breit. Roadies betreten ständig die Bühne, hantieren mit Papier. Wird die Setlist neu arrangiert?

Der tiefe Einfluss von "Shadows"

Zunächst spielt die Band aber dasselbe Set, wie man es erwarten konnte. Dylan eröffnet mit "Things Have Changed", einem seiner besten späten Songs, gefolgt von "She Belongs To Me", das zum ersten Mal das wohlige Dröhnen seiner gut gereiften Stimme bietet. Insgesamt klingt seine Stimme aber weicher und geschmeidiger als auf den letzten Tourneen. Damit bestätigt sich der Eindruck des "Sinatra"-Albums "Shadows In The Night".

Besagtes Album besitzt sowohl Fürsprecher wie Kritiker, aber es ist offensichtlich, dass es nicht möglich ist, es als isoliertes Werk oder als Kuriosität abzutun. Die entspannte und nuancierte Atmosphäre von "Shadows" zieht sich durch das gesamte Konzert.

Kein Rockkonzert

Völlig abhandengekommen ist hingegen der rockige Bandsound: Gitarrist Charlie Sexton hat kaum etwas zu tun, Rock-Arrangements haben solchen mit genau ausdifferenzierten Klangfarben, präzisen Anschlägen und jeder Menge kontrollierter Zurückhaltung Platz gemacht: ein wenig Country, ein wenig Jazz, ein wenig Latin und jede Menge klassische After-Hours-Stimmung.

Die gemütliche Stimmung, das stets mäßige Tempo und der relaxte Vortrag von Dylan passen freilich nicht zu allen Songs. Gerade seine späten abgründigen Lieder wie "Beyond Here Lies Nothin'" oder das grandiose "Pay In Blood" benötigen mehr Dringlichkeit, mehr Nihilismus als die Heimeligkeit der Arrangements, die Dylan an diesem Abend in Mainz bietet. Auf der anderen Seite überzeugt die neue countryfizierte Version von "Workingman's Blues #2".

Zeit für Premieren

Damit ist die Geschichte des Konzerts aber noch nicht erzählt, denn mit dem achten Lied wirft Dylan alle Gewissheiten über Bord: Zum ersten Mal überhaupt spielt er "Full Moon And Empty Arms" von "Shadows" und tatsächlich gelingt ihm eine wunderschöne Version.

Nach einem unauffälligen "Tangled Up In Blue" ist "To Ramona" die nächste Überraschung. Während die ursprüngliche Version von Schmerz und Sarkasmus erfüllt ist, wirkt die Aussage des Liedes nun fast gleichgültig, so dass Dylan die letzten Zeilen nochmal in etwas schärferer Tonlage wiederholt, um diesen Eindruck nicht entstehen zu lassen.

Versöhnliche Protestsongs

So geht es hin und her. Wer gedacht hat, die Gemütlichkeit ließe sich nicht auf die Spitze treiben, der wird mit der Dylan-Premiere von Willie Nelsons "Sad Songs and Waltzes" (von "Shotgun Willie") eines besseren belehrt. Das ironische Stück behandelt enttäuschte Liebe und den Gegensatz von kommerziellen Zwängen und künstlerischer Inspiration: "Sad songs and waltzes aren't selling this year."

Die exzellente Interpretation von "Till I Fell In Love With You" wirkt eher resigniert als verzweifelt, während "Tweedle Dee & Tweedle Dum" betont lässig daherkommt. Die größte Seltsamkeit in der Setlist ist aber "A Hard Rain's A-Gonna Fall", das noch nie in Dylans Schaffen so versöhnlich klang. "Ballad Of A Thin Man" ist natürlich ebenfalls ein fantastisches Lied, aber in diesem Country-Bar-Band-Setting deplatziert: es muss knallen – und wenn es nicht knallt, dann wünscht man sich, er hätte etwas anderes gespielt.

Wer überrascht wie Dylan?

Zum Abschluss gibt es "All Along The Watchtower" in einer Version, die sich näher an Dylans Original bewegt als an Hendrix' berühmter Version. Nach knapp mehr als eineinhalb Stunden ist Schluss und die Zuschauer, die im zweiten Teil wie üblich aufgestanden und zur Bühne vorgegangen sind (soweit es eben geht), machen sich auf den Nachhauseweg. Zu besprechen haben sie genug.

Fazit: Kein grandioser, aber auch kein schlechter Konzertabend. Es ist faszinierend aus nächster Nähe zu beobachten, wie spontan Dylan agieren kann und was er damit auch seinen Musikern abverlangt. Konzerte vor mehreren tausend Zuschauern sind normalerweise komplett durchchoreografiert und lassen keinen Platz für Spontanität. Nicht so bei Dylan. Das Mainzer Konzert bot Premieren, Überraschungen und Umwege, mithin all das, was ein Dylan-Konzert lohnenswert macht. "Something is happening, but you don't know what it is, do you?"

Setlist

Things Have Changed / She Belongs To Me / Beyond Here Lies Nothin' / Duquesne Whistle / Waiting For You / Pay In Blood / Full Moon and Empty Arms / Tangled Up In Blue / To Ramona / Early Roman Kings / Sad Songs and Waltzes / 'Til I Fell In Love With You / Tweedle Dee & Tweedle Dum / A Hard Rain's A-Gonna Fall / Ballad Of A Thin Man / All Along The Watchtower

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