Bob Dylan (2009)

Bob Dylan (2009) © Sony BMG

Seit einigen Monaten spielt Bob Dylan in seinen Konzerten meistens dieselben Songs. Sein Konzert bei den Jazzopen in Stuttgart bietet dennoch interessante Erkenntnisse. Das liegt an Dylan, aber auch an anderen Faktoren.

Der Paukenschlag des Konzerts kommt gleich zu Beginn. Bob Dylan eröffnet mit "Ballad Of A Thin Man", das sich aufgrund seiner Dynamik als wesentlich besserer Opener erweist als "Things Have Changed", mit dem er seit 2013 fast alle seine Konzerte eingeleitet hat.

Klar und verständlich

"Things Have Changed" ist ein brillanter, aber auch vertrackter Song, der als Opener häufig unter dem Problem litt, dass der Sound nicht ganz stimmte, was das Lied seiner Wirkung beraubte. Durch "Thin Man" gewinnt der erste (und beste) Teil des Konzerts zudem an Eindringlichkeit. Besonders stark gelingt außerdem "Can't Wait".

Dylans Stimme ist klar und relativ gut verständlich, nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Damit bestätigt sich der Eindruck des Mainzer Konzerts, bei dem sich im Nachhinein herausstellt, dass der relativ kräftige Wind möglicherweise die Töne etwas verweht hat.

Ausgezeichnte Stimmung

Ein solches Problem existiert in Stuttgart nicht. Zum einen ist es fast windstill, zum anderen ist der Schlossplatz von drei Seiten vom Schloss und auf der vierten von der Tribüne umgeben. Das schützt nicht nur vor neugierigen Blicken und dem Wind, sondern verwandelt den eigentlich offenen Raum in eine Art Arena, in der sich das enthusiastische Stuttgarter Publikum austoben kann.

Man kann gegen die Stadt sagen, was man will, aber auf dem Schlossplatz herrscht bei den Jazzopen fast immer eine fantastische Stimmung. Die Tatsache, dass der Platz unbestuhlt ist, sorgt zudem für ein lebendigeres Konzerterlebnis als beim relativ statischen Auftritt in Mainz.

Schwächen im Mittelteil

Ansonsten bestätigen sich die Eindrücke: "When I Paint My Masterpiece" ist in diesem Augenblick von Dylans Karriere mit diesem Arrangement schlichtweg die falsche Wahl. Der gesamte Mittelteil schwächelt, besonders das live offensichtlich nicht zu rettende "Pay In Blood". 

Ob "Honest With Me" oder "Make You Feel My Love", es gibt in der Mitte des Konzerts zu viele mittelmäßige Interpretationen, um die Begeisterung aufrecht zu erhalten. Der abschließende Teil mit "Like A Rolling Stone" versöhnt dann wieder, obwohl die Performances in Mainz mit Ausnahme von "Soon After Midnight" mehr Biss zu besitzen schienen.

Verkürztes Ende

Das ganz große Highlight des Abends ist aber "Girl From The North Country". Dylan singt dieses Lied aus dem Jahr 1963, als hätte er es gestern geschrieben. Seine Stimme ist eindringlich und klar, das Arrangement ausgezeichnet. 

Als Zugabe gibt es dann "Blowin' In The Wind" und kein weiteres Lied, was vielleicht der Tatsache geschuldet ist, dass es auf 22:00 Uhr zugeht. Dylan und Band verbeugen sich tief (das war vor einigen Jahren noch anders) und verlassen die Bühne.

Bob Dylans Lächeln

Anders als viele es erwartet haben, sind die bei den Jazzopen obligatorischen Videoleinwände nicht ausgeschaltet. Das erlaubt auch Zuschauern in größerer Entfernung den Nobelpreisträger während des gesamten Konzerts genau zu beobachten.

Wer sich aber tiefe Einblicke erhofft hat, wird enttäuscht: Dylans Mimik lässt sich kaum deuten. Wenn er stoisch geradeaus blickt, während seine Band die letzten Takte eines Liedes spielt, würde man gerne wissen, was er denkt: Freut er sich über die zahlreich erschienenen Zuschauer? Denkt er an den nächsten Song? Hat er nur ein weiches Bett im Sinn? 

Sein manchmal so genanntes Lächeln erweist sich als hochgezogene Mundwinkel, die eher auf der bedrohlichen Seite zu verorten sind. Die Betrachtung der Videoleinwände erlaubt es zwar, Dylan in einer anderen Perspektive zu verfolgen, aber nahbarer wird er dadurch keineswegs. Das Mysterium Bob Dylan besteht auch in seinem 78. Lebensjahr weiter.

Setlist

Ballad Of A Thin Man / It Ain't Me, Babe / Highway 61 Revisited / Simple Twist of Fate / Can't Wait / When I Paint My Masterpiece / Honest With Me / Tryin' to Get to Heaven / Scarlet Town / Make You Feel My Love / Pay in Blood / Like A Rolling Stone / Early Roman Kings / Girl From The North Country / Love Sick / Thunder on the Mountain / Soon After Midnight / Gotta Serve Somebody // Blowin' in the Wind

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