Anouar Brahem: Meister der Zurückhaltung

Anouar Brahem: Meister der Zurückhaltung © CF Wesenberg / ECM

Modernität und Tradition – das sind die beiden Eckpfeiler von Anouar Brahems Werk. Der in Tunis geborene und lebende Musiker schafft im Spannungsfeld von traditioneller arabischer Musik, Jazz und Folkore Klangräume von einzigartiger Ausdrucksstärke.

Die Verbindung aus Musikstilen und Instrumenten verschiedener Kulturräume offenbart sich bereits in der Zusammensetzung von Brahems Quartett: Brahem spielt den Oud, eine arabische Kurzhalslaute, der Libanese Khaled Yassine hauptsächlich die Darbouka, eine arabische Trommel sowie das Bendir. Der Deutsche Klaus Gesing an der Bassklarinette und der schwedische Bassist Björn Meyer verkörpern hingegen das europäische Element.

Zusammen haben die vier Musiker das kürzlich erschienene Album The Astounding Eyes Of Rita aufgenommen, in dem Brahem den palästinensischen Dichter Mahmud Darwisch würdigt. Wenn man jedoch nicht wüsste, woher die Musiker stammen, niemand könnte es allein aufgrund der Musik erraten.

Der Stil von Brahems Quartett ist auf so unvergleichliche Weise vollendet, dass er sich jeder Kategorisierung, ja sogar der Beschreibung entzieht. Das Zusammenspiel der Klangfarben ist perfekt, die Musik fließt ineinander und verschmilzt zu einem symbiotischen Ganzen, das aus der Harmonie der beteiligten Musiker lebt und der Hervorhebung einzelner Elemente nicht bedarf.

Brahems Musik ist einfach, sie entfaltet eine bestechende hypnotische Qualität, entführt den Zuhörer in ihre Welt. Um das zu erreichen, bedient sich Brahem subtilster Methoden: Mit kleinen und kleinsten Veränderungen des Tempos oder der Dynamik baut er Spannung auf und löst sie wieder.

Der Einfluss dieser Variationen auf die Stimmung der Musik ist gewaltig, sie erzeugen eine rätselhafte und faszinierende emotionale Resonanz. Dazu trägt auch der leise, sanfte Gesang Brahems bei, den er bei manchen Stücken anstimmt. Es handelt sich um ein wortloses Summen, das auf seinen Alben nicht vorkommt, aber im Konzert zur Entstehung einer meditativen Atmosphäre beiträgt.

Man sollte nicht den Fehler machen, aus dem oben geschriebenen zu schließen, bei Brahems Musik handle es sich um eine gehobene Form des Easy Listening. Die Musik enthält zuviel Spannung, zu viele feine Strukturen, zu viel Charakter und zu viel Leidenschaft, um sich diesen Makel anhaften lassen zu müssen.

Im Grunde handelt es sich bei Brahems Musik um die Antithese zum ekstatischen amerikanischen Freejazz, nämlich um die Meditation, um das Versinken in die tiefste Struktur der Musik, die der Erschaffung musikalischer Räume aus unterschiedlichen Elementen dient.

Nach dem Ende des eineinhalbstündigen Konzerts in der fast ausverkauften Aula der Universität Mannheim erheben sich die Zuschauer von den Sitzen und applaudieren den Musikern, die ihnen dieses grandiose Erlebnis beschert haben.

Wer wie Anouar Brahem mühelos kulturelle Grenzen überschreitet und verschiedene Musiktraditionen so harmonisch miteinander verschmilzt, darf den Anspruch erheben, zu den ganz großen Musikern und Komponisten der Gegenwart zu zählen.

 

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