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Gold Panda (live in Heidelberg, 2016) © Mathias Utz

Handgemachte elektronische Musik stand im Heidelberger Karlstorbahnhof im Zentrum eines schweißtreibenden Abends bei Enjoy Jazz: Der britische Soundtüftler Gold Panda hatte sich angekündigt und lieferte ein runde Sache ab.

Zuvor steht Liam x im Karlstorbahnhof im grauen Oversized-Pullover und Skinny-Jeans auf der Bühne und freut sich hier zu sein. Als Opener von Gold Panda beim Enjoy Jazz Festival kann man das machen.

Zurück in die 90er

Weniger kann man Techno machen, auch wenn der nicht totzukriegen ist. Kein Wunder, schließlich lebt das halbe Internet ja auch von "Wisst ihr noch, damals in den 90ern...?!"-Memes. Denkt sich auch Liam x und baut mal flugs in sein Set zehn Minuten der besten Techno- und Trance-Momente des hoffentlich bald im Orkus verschwundenen Jahrzehnts ein. 

Wenn der Berliner nicht in der Vergangenheit schwelgt, mixt er munter Samples, Keyboard, Synthesizer, Drumpad und seinen Gesang zu deutschsprachigem Elektro. Liam X's Gesangsstil erinnert daher mal an Mark Forster, mal an Xavier Naidoo und mal auch (leider) an harten Schlager. Der Nachteil, wenn man den Zeichen der Zeit folgt. 

Besonders fleißig

Das erlesene Enjoy Jazz-Publikum goutiert das am Anfang, verzieht sich danach aber schnurstracks zu nicht kleinem Teil in die Raucherpause, während auf der Bühne weitermusiziert wird

Während seines Sets entschuldigt sich Liam X für fehlerhaft eingespielte Loops, um durch die Blume zu sagen, dass bei ihm am Pult noch gearbeitet und nicht nur auf Knöpfe gedrückt wird. Dafür gibt es Fleißpunkte von uns, wie für den schmerzlosen polnischen Abgang am Ende seines Sets.

Ein Gewirr aus Kabeln

Nach 20 Minuten Umbaupause steht Gold Panda auf der Bühne. Wer ein nettes Wort der Begrüßung oder ein herzliches Lob an die Schönheit von Heidelberg vom Briten erwartet, hat Pech, bekommt dafür aber einen schönen Anblick auf der Bühne präsentiert.

Denn dort steht statt David Guettas armseligem Drei-Knöpfe-Laptop ein beeindruckendes Gewirr aus gefühlt tausend Kabeln, vereint zu einem mächtigen Mischpult. Und das benutzt der in London lebende, oft durch Japan ziehende Gold Panda exzessiv und schweißtreibend – für ihn und das Publikum.

Alte und neue Klassiker

Das neue, von Gold Pandas Japan-Reisen stark beeinflusste Album "Good Luck and Do Your Best" steht bei dieser Handarbeit nicht vollkommen im Zentrum. Auch alte Klassiker wie "Marriage" oder "You" vom 2010er Debüt "Lucky Shiner" werden auf die Tanzfläche geworfen und in teils überraschende Live-Versionen verwandelt.

Ob sphärisch, basslastig oder mit unvorhersehbaren Breaks versehen, Gold Panda lockt aus seinem Material im Karlstorbahnhof immer ein zusätzliches Quäntchen heraus.

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Gepaart mit schönen Landschafts-Visuals, die Fans bereits aus dem Video zu "Chiba Nights" kennen, wackelt der ganze Karlstorbahnhof mit dem Hintern. Selbst das wohlsituierte Enjoy Jazz-Stammpublikum, das durch Neugier und den Besitz einer Festivaldauerkarte an diesem Herbstabend hierher gefunden hat, lässt sich mitreißen.

Wer sich wünscht, dass das noch ein paar Stunden länger geht, wird Schlag halb zwölf in die Wirklichkeit zurückgeschleudert: Gold Panda zieht seine Jacke an und verschwindet wortlos hinter der Bühne. Da helfen auch keine "Zugabe"-Rufe mehr. Aber man soll ja auch aufhören, wenn es am schönsten ist.

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