Kim Gordon und Bill Nace bilden das Duo Body/Head.

Kim Gordon und Bill Nace bilden das Duo Body/Head.

Wie in den Jahren zuvor gibt es auch 2013 wieder einige Nicht-Jazz-Konzerte auf dem Enjoy Jazz Festival. Eines dieser Konzerte war der Auftritt von Body/Head, der neuen Band von Indie-Superstar Kim Gordon und Noiserocker Bill Nace. Die beiden stellten im Karlstorbahnhof Songs vor, die nicht gerade einfach zu verdauen sind.

2011 wurde die No-Wave-/Noise-Ikonenband Sonic Youth auf Eis gelegt. 30 Jahre lang hatte die Band um Gitarrist Thurston Moore und Bassistin Kim Gordon die Jugendkultur weltweit geprägt, dann war plötzlich Schluss. Und was nach drei Dekaden eigentlich normal sein könnte, löste trotzdem einen kleinen Schock aus. 

Denn Grundlage für die Trennung der Band war die Trennung des Ehepaars Moore und Gordon nach einer Affäre von Thurston Moore. So kam die gesamte Trennungsgeschichte von Sonic Youth auch noch einmal in die ganz große Presse, nachdem die Band jahrelang zuvor eigentlich nur noch ein Thema für Musiknerds war.

Kim Gordons Folgeprojekt Body/Head

Schon im Jahr 2011 räumte Kim Gordon die Scherben weg und fing künstlerisch neu an. Sie begann eine Zusammenarbeit mit Gitarrist und Noise-Fetischist Bill Nace, aus der sich dann 2012 das Duo Body/Head entwickelte. Im September veröffentliche man schließlich das Debüt Coming Apart.

Benannt ist das Album nach dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1969 des amerikanischen Regisseurs Milton Moses Ginsberg. Hier filmt ein Psychologe seine (Sex-)Treffen mit Frauen und gleichzeitig den Zustand seiner eigenen Psyche. Das Besondere: Regisseur Ginsberg verwendete für den gesamten Film durchgehend eine einzige feste Kamera, die auf einen großen Spiegel gerichtet ist und so das gesamte Geschehen festhält.

Der Bandname Body/Head wiederum stammt aus Gordons Lektüre eines Buchs über die Filme der französischen Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin Catherine Breillat. Wie bei "Coming Apart" spielt Sexualität in Breillats Werken eine große Rolle, dazu gesellt sich ein zweites wichtiges Thema, die Kontrolle über sich selbst und andere.

Musik hart an der Grenze

Auf dem Album Coming Apart versammelt sich vor allem eins: Noise in allen Farben des Regenbogens. Dazu singt und schreit Gordon teils extrem starke Texte, die zum einen an die beiden Namensgeber Breillat und Ginsberg anschließen. Zum anderen sind sie aber, nach Meinung einiger Kritiker, auch ein Fingerzeig in Richtung Thursten Moore. So stehen Frauen in verschiedenen Rollen, abseits von jeder Interpretation, immer im Vordergrund.

Musikalisch haben Nace und Gordon, die das Album live aufnahmen, mit Nina Simone, Patty Waters, Van Morrison oder Pink Floyd viele Einflüsse gefunden. Freilich braucht es bei Gewitterstürmen aus extrem verzerrten Gitarren etwas Arbeit für den Hörer, das auch herauszuhören.

Womit man auch gleich beim Problem von Coming Apart und Body/Head landet: Die Musik des Duos ist trotz aller Lautstärke, trotz aller Soundwände, die aufgebaut und wieder eingerissen werden, und trotz aller hypnotischen Gesänge schwierig statt einfach und schrammt oft hart an der Grenze zur Langeweile vorbei.

Alles ist sehr gleichförmig, und wer nicht auf feine Nuancen achtet, wird von der rohen musikalischen Gewalt, die auf Albumlänge immer wieder sehr ähnliche Mittel benutzt, erschlagen.

Hier hat das Format Album immer noch einen entscheidenden Vorteil: Man kann es sich mehrmals anhören und so die Songs kennenlernen. Wie ein seltsamer neuer Bekannter, der sich nach mehreren Treffen als dufter Typ herausstellt.

Live eine Herausforderung

Live dagegen können die Sounds von Nace und Gordon für untrainierte Ohren eine Herausforderung darstellen. Natürlich ist im Prinzip alles wie auf Platte: Bill Nace sorgt meistens für die Erdung und lässt einen Grundstock an Rhythmen durch den Raum brechen, während Kim Gordon munter drauflos drischt und ins Mikro eine Mischung aus Gesang, Erzählung und Geschrei bringt. Dazu kommt irgendwann kurz eine Mundharmonika, aber doch bleibt eben alles sehr gleichförmig.

Vielleicht auch weil die auf dem Plakat angekündigte Ikue Mori, japanische Avantgarde-Musikerin, auf der Bühne fehlt. Gordon erklärt kurz, dass sie sich frage, warum sie überhaupt auf dem Plakat mit angekündigt wurde, ihr Auftritt war anscheinend nicht geplant. Mori hätte den Auftritt mit Drums oder einigen elektronischen Einflüssen wohl zugänglicher gemacht.

Das Publikum ist dennoch freudig dabei und hartgesotten. Während zu den Feedbackorgien auf der Bühne im Hintergrund ein Teil des Films "Coming Apart" in Slow Motion gezeigt wird, bejubelt es jeden Song. In gewisser Weise erstaunlich, aber neben einigen Sonic Youth-Freunden haben sich wohl auch Jazzer eingefunden, die bestimmt schwerer Verdauliches gewöhnt sind.

Eine Frage des sich-darauf-Einlassens

Nach einer knappen Stunde ist der Spuk aus Sex, Krach und Avantgarde vorbei. Gordon bedankt sich kurz und verschwindet ohne Zugabe von der Bühne. Das Licht im Saal des Karlstorbahnhofs geht schnell wieder an.

Ob der Auftritt gut oder schlecht war, ist schwer zu sagen. Der Verdacht beschleicht, dass Body/Head live mehr eine Kunstperformance als Konzert im eigentlichen Sinn ist. Und darauf muss man sich eben einlassen.

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