Seit Jahrzehten im Geschäft, trotzdem besser als der Rest: Yo La Tengo

Seit Jahrzehten im Geschäft, trotzdem besser als der Rest: Yo La Tengo © 2009, Jesper Eklow

Yo La Tengo, Liebling von Kritikern und Fans zugleich. Und das seit 30 Jahren. Im Karlstorbahnhof in Heidelberg machte das Trio aus Hoboken, New Jersey, mit zwei ganz unterschiedlichen Sets an einem Abend deutlich, warum das so ist.

Yo La Tengo veröffentlichen routinemäßig großartige Musik, die Kritiker und Fans zugleich in den Himmel loben – und das seit fast dreißig Jahren.

Auch das aktuelle Album Fade ist wieder so ein Fall. Zwar sind Yo La Tengo etwas leiser geworden; Streicher sind zu hören, leises Schlagzeug und Gitarren, die viel öfter gestreichelt werden als wie zuvor auseinandergerissen.

Gitarrenorgie inklusive

Das klingt aber nicht nach Alterswerk, auch weil trotz der Ruhe hier und da noch eine Gitarre einfach minutenlang Noise in die Welt spucken muss.

Außerdem hatten Yo La Tengo schon immer verträumten Pop im Repertoire. Songdiamanten für den lauen Sommerabend, für die jeder Hitschreiber aktueller Popsternchen töten würde.

Fade klingt aktueller und frischer als so manche Produktion von jüngeren Bands. Was vielleicht daran liegt, dass hier Leute am Werk sind, die die 80er und 90er wirklich erlebt haben und den Sound der Zeit nicht einfach nur mit Computerprogrammen nachbauen.

Die Pappbäume wanken mit der Musik

Leise und laut sind die zwei Seiten einer Band, die sie schon immer wie kaum eine andere Formation miteinander verbinden konnten. Wer sich das vorher nicht bewusst macht, wird am Anfang des Konzerts im Heidelberger Karlstorbahnhof überrascht. 

Denn der Auftritt besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil geht es akustisch zu: Drummerin Georgia Hubley sitzt direkt am Bühnenrand zwischen einem minimalen Schlagzeug und ein paar Keyboards und spielt leise mit Besen anstatt Schlagstock. Zwischendurch entzaubert sie dem Keyboard ein paar verträumte Töne.

Ehemann und Gitarrist Ira Kaplan hat es sich vom Publikum aus gesehen rechts neben ihr bequem gemacht und spielt sehr behutsam seine Akustikgitarre, genauso wie Bandkollege James McNew. 

Im Hintergrund stehen drei große gemalte Bäume aus Pappe, die auch vom örtlichen Kindertheater stammen könnten und nach dem dritten Song leicht und entspannt mit der Musik zu wanken scheinen.

Die Horde erscheint am Horizont

Irgendwann, die Zeit wird mit der Zeit selbst etwas undeutlich, sagt Kaplan: "Wir spielen jetzt noch einen Song, machen dann eine Pause und sind danach wieder da."

Plötzlich fällt das zugedeckte Schlagzeug vor den Pappbäumen auf, die leicht zu übersehenden Verstärker im Hintergrund und der bisher unbeachtete Gitarrenständer mit mehreren E-Gitarren.

Eine freudige Anspannung macht sich breit. So ungefähr müssen sich urzeitliche Dorfbewohner gefühlt haben, als eine Horde Barbaren am Horizont erschien – abgesehen von der Freude.

Und dann sind die Barbaren da. Zu dritt laufen sie nach der Pause wieder auf die Bühne und schnallen sich seelenruhig ihre Gitarren und Bässe um bzw. setzen sich hinters Schlagzeug. Die Welt wird auf einmal ziemlich laut und verzerrt.

Der verrückte Gitarrenmagier kommt

Vor seinen zwei Verstärkern, zwischen denen er je nach Belieben umschalten kann, wankt und wiegt (im englischen gibt es dafür das wunderbare Wort "to rock") Ira Kaplan zu den hypnotischen Klängen seiner Gitarre.

Wie er sie bearbeitet! Der Mann muss der beste Kunde seines örtlichen Musikinstrumentenhändlers sein, wenn es um Gitarrensaiten geht. Außerdem hat er wohl einen guten Chiropraktiker, vom ganzen Biegen und Beugen muss sein Rücken hart wie Stein sein.

Dass er zuvor noch nett ins Publikum lächelt und kleine Witzchen macht, nur um dann urplötzlich in den Modus "verrückter Gitarrenmagier mit hoch konzentriertem Blick" zu wechseln, macht Kaplan unheimlich und sympathisch zugleich.

Bäumchen wechsel dich

Nebendrann spielt James McNew ruhig, entspannt und etwas in sich versunken seinen Bass wie ein Arbeiter am Band. Den passenden Takt dazu gibt Georgia Hubley mit einer leicht mechanischen Körpersprache.

Ab und zu wird gewechselt und es singt Hubley oder McNew und Kaplan steht am Keyboard, oder McNew trommelt und Hubley übernimmt den Bass.

Beeindruckend wie selbstverständlich das vonstattengeht und vor allem wie trotz der Wechsel im Grunde der Sound von Yo La Tengo immer gleich gut bleibt: Fast 30 Jahre Berufserfahrung zahlen sich aus.

Entspannt in den nächsten Tag

Das neue Album Fade steht sowohl beim ersten als auch beim zweiten Set im Mittelpunkt. Trotzdem finden aber auch ältere Stücke wie I'm On My Way" (ein schönes Live-Video findet sich hier) vom 2009er Album Popular Songs ihren Weg auf die Bühne.

Ohm, der Opener des Akustik-Sets, wird durch die Unterstützung von elektrischer Energie in seiner lauten Version noch hypnotischer.

Yo La Tengo bieten den perfekten Ausklang des Wochenendes. Am nächsten Tag gehen viele so entspannt wie lange nicht mehr zur Arbeit.

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