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Tocotronic - Melt! 2007 © regioactive.de

Arne Zank ist der Drummer von Tocotronic. Er hat auf den frühen Veröffentlichungen der Hamburger Band aber bei einigen Stücken auch die Vocals übernommen. So gesehen haben wir ihn als Experte für Musik und Text hinzugezogen, um ein kleines Portrait der Band zu zeichen, die sich im Oktober und November auf Tour begibt.

Alles andere als eine "Kapitulation", dem Titel, den das aktuelle Album trägt. Wann sollte wer und weshalb kapitulieren? Den Kerngedanken findet man laut Arne im Titelsong: "Zuerst war das Stück Kapitulation da. Und das erzählt auch sehr treffend die ganze Geschichte, was das soll und warum es schön ist, in einem Song zu fordern, sich zu ergeben." Das Cover des Albums zeigt das Gemälde Portrait of Douglas Morgan Hall von Thomas Eakins. Der mit der Band befreundete Künstler Henrik Olesen hat das Cover gemacht und "wir waren von seiner Appropriation und Gestaltung sehr überrascht und hocherfreut, belustigt und berührt", ergänzt Arne.

Der erfolgreiche neue Longplayer bekam zahlreiches Kritikerlob. Bei diesem Titel fragt man sich dennoch: Gab es jemals einen kritischen Punkt in der Karriere der Band, an dem die Hamburger daran gedacht haben, selbst zu kapitulieren - mit der Musik aufzuhören? "Ich denke, es gab bei jedem einige solche Punkte. Aber wir sind recht treue Seelen und mögen die Vorstellung einer lang andauernden Band. Und dann freut man sich bei jeder Tour, dass wir ein neues Programm erfinden können, dass alte Kamellen rausfliegen und wir spielen worauf wir Lust haben" antwortet der Drummer mit Verweis auf die kommende Tour. Diese Treue an die eigene Band blickt vor allem nach vorne auf das, was jetzt ansteht und kommt. Mit Blick zurück, überlegt Arne schmunzelnd, sei es immer "schwer zu sagen, was wäre wenn", aber die Tocotronic-Jungs aus dem Jahre 1993 dürften nicht so einfach im Vorprogramm der heutigen Tocotronic spielen - "dann sollten sie sich erstmal die Haare schneiden lassen!".

Wir erinnern uns an ein Konzert von Tocotronic, bei dem kurzzeitig eine Reihe von Plastikflaschen in Richtung Bühne flog. Der Bassist Jan Müller reagierte darauf sehr intelligent und sagte sinngemäß etwa: "Wären wir ein Fluss, dann würden wir euch allen Wasser spenden. Aber wir sind nur eine Band und können nur für euch spielen." Darin drückt sich aus, dass die Musiker ein enormes Bewusstsein darüber haben, was sie leisten könnem und wollen. Ebenso sind sie sich auch bewusst über die Tendenz der Zuhörer, der Band in gewisser Weise entgrenzt zu begegnen (indem sie Dinge von ihr verlangen, die diese nicht geben kann). Außerdem drückte sich darin aus, dass die Hamburger schon eine gewisse Erfahrung damit gesammelt haben, dass es wohl bisweilen eine starke Differenz zwischen der Selbstauffassung eigener Grenzen und denen der Fans gibt. Ist für Tocotronic 2007 eine Identifikation mit den Zuhörern noch möglich, wenn da doch eine augenscheinliche Verständigungsschwierigkeit über die Unterschiede vorliegt? Arne entgegnet uns auf diese Frage mit einer klaren Einschätzung: "Ich denke wir haben mit der Zeit gelernt, dass es normal ist, dass es eine Bühne und ein Publikum gibt - und somit eine Rollenverteilung, die schwer zu überwinden ist. Das ist nunmal so und das bringt einem selbst ja auch Spaß. Auf beiden Seiten, also auch als Fan von anderen Bands."

Wenn man sich auf Tocotronic-Konzerten umschaut, dann sieht man unter den Fans desöfteren regelrechte "Klone", die dem Stil der Musiker nacheifern. Arne berichtet uns davon, dass sie schon immer selbst sehr an Mode interessiert waren und es durchaus gerne sehen, wenn sich jemand von ihrem Stil inspiriert fühlt. Ziemlich unbescheiden schiebt er hinterher: "Es gibt schlechtere Vorbilder als uns!". Hier muss man ihm wohl uneingeschränkt zustimmen. Doch der Einfluss der Band begrenzt sich nicht nur auf mehr oder weniger trendige Kleidungsstile. Man kann auch feststellen, dass im Laufe der Zeit musikalische Epigonen erschienen sind, die vielleicht nicht von allen so recht von Tocotronic unterschieden werden (also genauso und von denselben Menschen konsumiert werden, wie Tocotronic sebst), aber doch nur bestimmte Elemente aufgegriffen haben, die durch die Hamburger Band in gewisser Weise etabliert worden sind. Nimmt man sich beispielsweise eine Gruppe wie die Sportfreunde Stiller (Review, 2007) zur Brust, dann stellt man schnell Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede fest. Grob gesagt verschafft sich bei den Sportfreunden tendenziell eher eine bierselige Festzeltlaune musikalisches Gehör (wie das Engagement der Band für die Fußball-WM ja scheinbar auch bestätigt), während man Tocotronic doch immer noch einen hohen intellektuellen Anspruch zurechnet. Stellt man sich im Hause Tocotronic da nicht die Frage, was aus dem eigenen musikalischen Erbe wird oder bereits geworden ist? "Es wird immer alles nicht verstanden und es kapiert niemand alles. Also mal ehrlich: wir wohnen im Elfenbeinturmzimmer, wir kriegen davon so gut wie nichts mit" erklärt uns Arne lapidar. Das spricht für das nach wie vor vorhandene Selbstbewusstsein der Band, mit dem sie seit so vielen Jahren nun ihr Ding relativ unbeirrt durchzieht.

Für den intellektuellen Anspruch sprechen auch andere "Fundstücke": Über einem zeitgenössischen Text, der im sozialwissenschaftlichen Bereich anzusiedeln ist und der sich mit dem Werk Walter Benjamins, der Kritischen Theorie, sowie einer kritischen Betrachtung sozial engagierter Berufstätigkeit beschäftigt, steht als Motto beispielsweise das Zitat: "Aber hier leben, Nein danke". Das belegt in gewisser Weise, wie ernst Tocotronic genommen werden – nicht nur im Pop, nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch. Doch selbst das, dieser gewisse Anteil an der Veränderung von Pop, lässt den Schlagzeuger der Band reichlich unbeeindruckt: "Äh, da haben wir keinen besonderen Anspruch und das hat nichts mit uns zu tun." Er beschreibt das eigene Schaffen lieber mit den Worten "wir machen Rockmusik zum Hören mit zwei Ohren."

{image}Zwei Rezeptionsbewegungen dieser "Rockmusik zum Hören" lassen sich ausmachen: Einerseits eine Vulgarisierung, indem das ironische Moment in Tocotronics Werk nicht mehr ernst, sondern gossenhauermäßig aufgegriffen und imitiert wird; andererseits vielleicht das überernste Aufgreifen einer Bedeutung, die in ihrer Musik gesehen wird und die der Musik vielleicht aus der eigenen Band-Sicht genauso wenig recht tut. All das muss natürlich auch mit der Einheit von Text, Musik und Vortrag zusammenhängen, wie sie den Stil von Tocotronic begründet. "Das Schönste wäre es ja, wenn das alles da mit drin wäre, so sollte es sein" fordert Arne anstatt des Versuchs, die von Tocotronic produzierte Einheit dieser Elemente auseinander zu dividieren. Dennoch zeigt es auch ein Spannungsfeld an, in dem sich die Band bewegt.

Was aber ist der Anspruch ans eigene Schaffen, an Musik und Texte? Wollen die Musiker mit Tocotronic etwas bestimmtes erreichen, möglicherweise die oft in die Texte hineininterpretierten Forderungen nach politischen Veränderungen? Allen Fragen in dieser Richtung begegnet Arne mit einem dank seiner Schlichtheit einprägsamen, irgendwie aber auch ausweichenden und neue Fragen aufwerfenden Satz: "Wir taumeln nur... R.O.C.K."

Das fordert natürlich dazu auf, sich mit Hilfe der aktuellen Platte und einem Konzertticket für die kommende Tour selbst ein Bild zu machen.

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