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Tocotronic (live in Heidelberg, 2013) © Daniel Nagel

Bei ihrem Auftritt in der fast ausverkauften Halle02 in Heidelberg boten Tocotronic gewohnt rockige Interpretationen ihrer Songs. Das altersmäßig sehr gemischte Publikum bejubelte den Auftritt der Band, sparte aber bei einigen schwächeren Songs vom aktuellen Album "Wie wir leben wollen" mit Applaus.

Sind Tocotronic am bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere angekommen? Ihre Popularität jedenfalls sorgt dafür, dass die Heidelberger Halle02 vielleicht offiziell nicht ausverkauft ist, aber im Gedränge so wirkt, als wäre sie es.

In die Halle drängt ein bemerkenswert gemischt es Publikum. Zu den langsam ergrauenden Fans der ersten Stunde gesellen sich junge Anhänger, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Kapitulation noch die Hamburger Grundschule besuchten.

Voller körperlicher Einsatz

Die enthusiastischsten Fans können jeden Text auswendig und leisten vollen körperlichen Einsatz, um Teil der Tocotronic-Bewegung zu sein: Bei den schnelleren, rockigeren Songs bildet sich zentral vor der Bühne eine Moshpit, in der die jüngeren, wilderen Fans herumtoben. Der Security-Mann beäugt die Lage skeptisch, muss aber nicht einschreiten, denn Tocotronic haben nur wenige Songs, die sich so gut zum Abgehen eignen wie Sag alles ab.

Nicht verändert hat sich die Grundstruktur eines Tocotronic-Konzerts. Während Dirk von Lowtzow und seine Band auf den Alben schon seit vielen Jahren mit anderen Stimmungen und musikalischen Einflüssen spielen, inszenieren sie ihre Musik live als laute druckvolle Rockmusik.

Alte Schlachtrösser

Wie man es gewohnt ist, funktioniert das bei den meisten Stücken erstaunlich gut. Bereits der Auftakt mit Im Keller und vor allem mit dem euphorischen Ich will nüchtern für dich bleiben sorgt sogleich für Stimmung in der Halle. Der Wille zum Tanzen und Moshen erreicht bei This Boy Is Tocotronic und Sag alles ab einen ersten wilden Höhepunkt.

Es sind nicht zufällig die "alten Schlachtrösser" wie Hi Freaks oder Alles wird in Flammen stehen, deren Wiederentdeckung immer wieder ein Genuss ist. Durch hunderte Liveauftritte gestählt zeigen sie Tocotronic bei der Entdeckung neuer Facetten ihrer Kompositionen.

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Gemischte Livetauglichkeit

Das Konzert offenbart auch die gemischte Livetauglichkeit der Lieder des neuen Albums. Abschaffen, auf Wie wir leben wollen ein relativ entspannter Country-Shuffle, überzeugt auch in der durchdringend rockigen Liveversion. Auf dem Pfad der Dämmerung, eines ihrer besten Lieder überhaupt, besitzt auch im Konzert eine unheimliche sprachliche und musikalische Eleganz.

Ob der Titelsong und Warm und grau Aufnahme in den Kanon der besten Tocotronic-Songs finden werden, ist hingegen zweifelhaft. Letzteres wirkt wie eine ziellos mäandernde Coda zu Hi Freaks, Wie wir leben wollen plätschert hingegen ausdrucks- und ereignislos vor sich her.

Stimmliche Herausforderungen

Andere Songs wie Exil oder Die Revolte ist in mir verlieren in den Liverockversionen einiges von ihrer Subtilität – auch das ein wiederkehrendes Phänomen bei Tocotronic-Konzerten. Gesanglich ist das schon auf der Platte sprachlich gedrängte Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools für Lowtzow eine ziemliche Herausforderung, die er nicht immer gut bewältigt.

Dass Tocotronic nicht die größen Instrumentalisten und Dirk von Lowtzow nicht der größte Livesänger der Musikgeschichte ist, weiß so gut wie jeder. Aber das Konzert zeigt, dass es darauf nicht in erster Linie ankommt, wenn man über Songs wie Jackpot verfügt, die alle zum Mitsingen animieren.

Was wir wollen

In der Zugabe folgt noch ein nostalgischer Blick zurück. Auch der Wunsch eines Zuschauers, Songs zu hören, die mehr wie Slayer klingen wird immerhin ansatzweise erfüllt. Als Rausschmeißer dient dann mit 17 ein weiterer Song von K.O.O.K., dessen Faszination sich auch eineinhalb Dekaden später nicht so recht erschließen mag.

So endete der insgesamt gelungene Auftritt auf einer eher lauen Note. Einige wenige Veränderungen der Setlist, der Verzicht auf einige Songs vom neuen Album und die Hereinnahme von Kapitulation und Verschwör dich gegen dich hätten ein gutes in ein herausragendes Konzert verwandeln können. Aber wie Michael Stipe von R.E.M. mal sagte: "Wir spielen, was wir wollen."

Setlist

Im Keller | Ich will nüchtern für dich bleiben | Meine Freundin und ihr Freund | Vulgäre Verse | This Boy Is Tocotronic | Sag alles ab | Aber hier leben, nein danke | Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools | Abschaffen | Alles wird in Flammen stehen | Auf dem Pfad der Dämmerung | Die Revolte ist in mir | Exil | Jackpot | Hi Freaks | Warm und grau

Zugabe: (unsicher) | Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen | Wie wir leben wollen | 17

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