Tocotronic (live in Heidelberg, 2010)

Tocotronic (live in Heidelberg, 2010) © René Peschel

Die "Schall und Wahn"-Tour von Tocotronic zum neuen Album machte am 11.03. auch in Heidelberg Station. Das neue Album der Band ist ausgezeichnet, die Halle02 gut gefüllt, nur die Bierauswahl an der Theke bereitet etwas Probleme, doch nach und nach gewöhnt man sich an den dargebotenen Gerstensaft.

{image}Weniger Gewöhnung braucht die Musik. Tocotronic beginnen mit den neuen Liedern Eure Liebe tötet mich und Die Folter endet nie. Dicht, fast ein wenig opulent wirkt dabei die Musik, die live noch etwas dynamischer ist, als auf der schon sehr guten Plattenaufnahme. Sänger Dirk von Lowtzow ist bei bester Stimme und gibt freimütig den Impressario, der mit ausladenden Gesten und Ansagen durch den Abend führt. Als weitere Lieder folgen etwa Verschwör dich gegen dich, Die Grenzen des guten Geschmacks, Aber hier leben, nein danke, Jenseits des Kanals, Mach es nicht selbst, Let there be rock, Stürmt das Schloss, Drüber auf dem Hügel und epische Gift. Vor allem die letzen fünf Alben werden gespielt, wobei das weiße Album Tocotronic außen vor bleibt. Um auch das Nostalgiebedürfnis des Publikums zu befriedigen, gibt es zudem Jungs, hier kommt der Masterplan und, mit Arne Zank am Mirkofon, Bitte gebt mir mein Verstand zurück. Als erste Zugabe spielte das Quartett dann Mein Ruin, Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen und Sag alles ab, um bei der zweiten Zugabe das Publikum mit Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit zu verabschieden. Insgesamt bietet das Set der Band also das Wichtigste aus fast allen Alben. Schade ist vor allem, dass etwa Kapitulation oder Im Zweifel für den Zweifel von neuen Album nicht gespielt wurde.

{image}Doch irgendwie bleibt ein wenig Unzufriedenheit mit dem Konzert zurück, zu routiniert wirkt die Band manchmal, so dass auch der Funke nicht immer überspringt. Tocotronic, die einstigen Indie- und Schrammelhelden der frühen 90er, sind mittlerweile im normalen Rockzirkus angekommen. Das zeigt sich auch im Publikum, so konnten die Rücken mehrerer Menschen bestaunt werde, die auf den Schultern anderer saßen, wie bei Bon Jovi oder Guns’n’Roses. Es ist weiter zu befürchten, dass als nächstes noch Feuerzeuge bei ruhigeren Stücken angezündet werden.  

Interessant ist zudem, dass die Interpretationsverweigerung der Band live noch fortgesetzt wird. Das Verhältnis von Pose und Aussage in den Texten bleibt diffus, gerade durch die ausladenden und theatralischen Gesten Dirk von Lowtzows. Ob diese Distanz jedoch nur ein Teil der Show ist, bleibt offen. Da hat man dann was zum Nachdenken, wenn man an der Schlange des noch geöffneten Schnellimbisses steht. 

⇒ weitere Live-Fotos vom Konzert

⇒ Lest auch unser Interview mit Tocotronic

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