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Tocotronic © Powerline Agency

Das Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum veranstaltet ein Gesprächskonzert mit Tocotronic zum 125. Geburtstag des Philosophen. Dietmar Dath spricht die einleitenden Worte. Wer wissen möchte, was das alles zu bedeuten hat, sollte geschwind weiter lesen.

Die Verantwortlichen des Ernst-Bloch-Zentrums haben keine Mühen gescheut, um Tocotronic auf die kleine provisorische Bühne des Hauses zu holen. Nun spielt die Band normalerweise nicht vor "100.000 Menschen" wie Klaus Kufeld, der Leiter des Zentrums meint. Aber es stimmt: Ein Konzert im kleinen Kreis besitzt einen besonderen Reiz. Was hätte Ernst Bloch wohl davon gehalten, wenn über seinem tiefergelegten Arbeitszimmer eine Band laute Rockmusik spielt? Vermutlich nicht allzu viel, denn in seinem berühmten Werk Das Prinzip Hoffung schrieb er: "Wo freilich alles zerfällt, verrenkt sich auch der Körper mühelos mit. Roheres, Gemeineres, Dümmeres als die Jazztänze seit 1930 ward noch nicht gesehen. Jitterbug, Boogie-Woogie, das ist außer Rand und Band geratener Stumpfsinn, mit einem ihm entsprechenden Gejaule, das die sozusagen tönende Begleitung macht."

Was bleibt Dietmar Dath anderes übrig als angesichts dieser Aussage seine Ratlosigkeit zu konstatieren. Ist das ein "Denkaussetzer"? Oder findet sich in Blochs Biographie eine Erklärung für diese Aussage? Reagiert Bloch auf den Kulturschock der erzwungenen Emigration in die Vereinigten Staaten? Sehnte er sich angesichts der Konfrontation mit der amerikanischen Massenkultur, die sich – so Dath – an alle richtet oder an niemanden, zurück nach dem kleinräumigen Europa? Vermisste er die bildungsbürgerliche Kultur des Abendlandes, die dem Intellektuellen eine geistige Heimat bot bis sie im Zweiten Weltkrieg unterging, den zu verhindern sie nicht imstande war?

Aber Dath unternimmt glücklicherweise keinen Versuch, Bloch für die Popkritik zu retten. Das hat Bloch nicht nötig, vor allem aber nicht die Popmusik, die in einem beispiellosen Siegeszug selbst die entlegensten Winkel der Erde friedlich erobert hat. Stattdessen weist er darauf hin, dass das Freiheitsversprechen der Popmusik einer Generation unverständlich bleiben musste, die nicht von Freiheit, sondern von Unfreiheit geprägt wurde.

Tocotronic gehören einer späteren Generation an, die bestenfalls ein ironisches Freiheitsversprechen akzeptiert. Sprachlich vielfach gebrochen, lehnen sie die Glücksversprechen der Utopien und Ideologien ab (Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit). Laut rockend brettern sie über die Zweifel hinweg, die sie mit ihren Texten säen. Am Ende bleibt bei Tocotronic nur das Individuum, das natürlich ein soziales Wesen ist, aber dennoch Abstand zu anderen hält (Verschwör Dich gegen Dich, Mein Ruin, Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen). Und auch Stürmt das Schloss ist keine Büchnersche Kriegserklärung an die Paläste, sondern ein Kommentar zum Irrsinn der Casting-Shows.

Das begeisterte Publikum findet in der Musik von Tocotronic dennoch etwas Befreiendes. Im Zusammenspiel lauter Gitarren, Bass, Schlagzeug und Dirk von Lotzows Gesang kann man ganz aufgehen in der kollektiven Verweigerung. Als Dirk von Lotzow am Ende des Konzert nach unten in das Arbeitszimmer von Ernst Bloch blickt, sagt er ironisch lächelnd, während ihm der Schweiß von der Stirn tropft: "Nur der Philosoph ist nicht da." So ist es. Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.

Setlist

Eure Liebe tötet mich – Die Folter endet nie – Verschwör dich gegen dich – Die Grenzen des guten Geschmacks 2 – Aber hier leben, nein danke – Imitationen – Jenseits des Kanals – Ich werde niemals – Bitte gebt mir meinen Verstand zurück – Jungs, hier kommt der Masterplan – Let There Be Rock – Macht es nicht selbst – Drüben auf dem Hügel – Stürmt das Schloss – Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit
Zugabe: Mein Ruin – Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen – Sag alles ab

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