Impressionen Sonntag (Southside, 2015)

Impressionen Sonntag (Southside, 2015) © Achim Casper

Zum zweiten Mal in Folge ausverkauft - und das ohne die ganz großen Namen: Southside / Hurricane haben sich als die Alternative zu RIR / RIP etabliert. The Hives, The Strokes, Sigur Rós, Muse, SEEED und Manu Chao führten die turbulente Parade an. Turbulent auch das Wetter: Nach drei Tagen flirrender Hitze auf dem komplett schattenfreien Gelände gab’s Sonntag abends ein derbes Unwetter als Zugabe.

Zunächst war man von Unwettern aber weit entfernt. Seit zwei Wochen endlich Sommer, Könich Fußball sei Dank sowieso dauerhafte Festivalstimmung und unser Tross kommt rechtzeitig am Festivalgelände an um ausreichend Platz für das gesamte Zeltlager zu finden.

Zwar hat das Southside 2006 im Vergleich zum Vorjahr auf die riesengroßen Namen verzichtet, aber dafür gibt es für die vielen exquisiten kleinen und mittleren Namen eine Bühne mehr: Neben den beiden Open Air Bühnen ist die Zeltbühne vergangener Jahre reanimiert. Und nach der harten Entscheidung "Kooks oder Wolfmother" führt es uns zu den Wölfen in ebendiese.

Back in Time mit Wolfmother

Eine gute Entscheidung. Ein Festival mit einer Band anzugehen, die quasi bei Null anfängt, kann auch kein Fehler sein. Null heißt hier 60ties / 70ties, Hendrix, Led Zeppelin oder Black Sabbath. Der Opener Dimension beinhaltet absolut programmatisch die Textzeile „purple haze is in the sky“ - Sound und Optik passen auf den Punkt, die Australier sind trotz allem „retro“ frisch wie die Brötchen von übermorgen und live schlicht mitreißend. Die musikalische Innovation schlechthin ist das natürlich nicht, dafür zeigt sich wieder mal, dass geballte Energie solche auch nicht vermissen lässt. Die Temperatur im Zelt, die die auch nicht eben niedrigen Außentemperaturen eh überbietet, steigt noch ein paar Grade an und diejenigen, die sich in den ersten Reihen tummeln, sehen nach dem Gig aus wie frisch geduscht. Riechen allerdings anders. Wirklich bemerkenswert, dass Andrew Stockdales (Vocals, Gitarre) turmhohe Lockenpracht trotz allem nicht an Form verliert. Ein gelungener Auftakt. Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows!

Im Anschluss weht ein Hauch Skin von der Hauptbühne herüber (dank der großzügigen Videoleinwände, die sich in den Pausen zwischen den Bands wohl durch ordentlich Werbung finanzieren, gut einsehbar). Hm, was die Dame, die mit Skunk Anansie Musikgeschichte geschrieben hat, da bietet, kommt vor allem sehr overacted daher. Vielen gefällt’s und dann heißt es „sie rockt“, aber ein bisschen mehr an Song und weniger an Stimme täten der Sache wohl nicht schlecht. Bleiben wir also beim Zelt.

Feinstes Rhein-Mosel Gewächs: Blackmail

Stimmt ja nicht so wirklich, Sänger Aydo Abay ist türkischer Landsmann und Carlos und Kurt Ebelhäuser an Bass und Gitarre sind Halbspanier. Jacke wie Hose, denn alle zusammen sind sie nun doch eine der besten deutschen Rockbands, was auf dem Southside wieder eindrucksvoll belegt wird. Bislang hatte ich mit Blackmail zweimal das Vergnügen, wobei 2003 auf dem Taubertal Aydo um Haaresbreite einem Hitzschlag erlegen wäre ... Das zweite Mal, in intimer Cafe Central-Atmo, fiel mir vor allem in die Ohren, dass es hierzulande wohl keinen Gitarristen gibt, der Kurt Ebelhäuser das Wasser reichen könnte. Von derlei Raffinessen ist im Zelt auf Grund des verbesserungswürdigen Sounds leider nicht so viel zu hören, dafür fällt unbedingt auf, dass Blackmail mehrere absolute Rockhymnen im Repertoire haben und sich Aydo wahrhaftig nicht hinter seinem Gitarristen verstecken muss. Was an Sound nicht ist, macht das Publikum an Stimmung wett. Blackmail werden abgefeiert wie man es sich nur wünschen kann und da verzeiht man sogar, dass das Konzert mit einem Schlagzeugsolo endet. Fazit: Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows!

Genug vom Zelt; nach einer kurzen Prise Adam Green sichern wir uns Plätze für den ersten Hauptact des Abends: The Hives.

„I was born ready“: The Hives

Die Schweden leben musikalisch von ihrer eingängigen Rotzigkeit, die nichts von ihrer Studioprägnanz verliert und dafür im Echtzeit-Urzustand noch eine Nummer rasanter in Bauch und Beine geht. Rock’n’Roll-Garage-Punkrock und ein Hit nach dem anderen. Optisch sind es zwei eher gegenläufige Dinge: Uniformität, in diesem Fall schwarze Anzüge mit weißen Hosenträgern und Cowboy-Halstüchern und Sänger Pelle Almqvist. Und Pelle Almqvist. Und Pelle Almqvist. „Your favourite Band“, „Tyrannosaurus Hives“ - das sind Titel, die Pelle auf den Leib geschneidert sind. Der Mann ist zum Entertainen geboren und bewegt sich auf der Bühne, als habe er seit dem zweiten Lebensjahr nichts anderes gemacht als Mick Jagger imitiert. Nur, dass er ein paar Jährchen jünger ist und ein paar Klassen besser aussieht. „Are you ready“ fragt einer seiner Mitspieler vor einem Song. „I was born ready“ ist seine ihn selbst charakterisierende Antwort – mit einer Geste, die Tim Curry als Frankenfurter in der Rocky Horror Picture Show zu tuntigsten Ehren gereicht hätte.

Wären die Hives unbekannt und würden mit dieser Show bei einem Newcomerwettbewerb antreten, mehr als die Hälfte des Publikums und vor allem die Musiker der anderen Bands würden abschätzig die „echt-ehrlichen“ Musikernasen rümpfen (anderer Meinung? Nutzt die Kommentarfunktion ...). So aber wackelt die Bühne und das Southside feiert eine gelungene Vor-Mittsommernachtsparty. Die in Schweden laut Pelle dadurch gefeiert wird, dass man riesige Holzpenisse aufstellt, sich Blumen ins Haar steckt und Schnaps säuft. Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows!

Die im Anschluss spielenden Strokes hatten vielleicht die Hypothek dieser Party zu tragen. Schwer zu sagen, ob das die Wirkung nach den Hives war oder ob der Gig wirklich relativ dröge daher kam. Ich musste spontan und sofort an einen anderen New Yorker denken: Lou Reed, von dem ich mir in jungen Jahren mal ne Live Platte zulegte, und die in keinem Verhältnis zu seinem sonstigen Treiben stand. Pomadig, um mal Fußballer-Kommentatorensprache auszuleihen.

Außer Konkurrenz: Die Messe, gelesen von Sigur Rós

Danach der Höhepunkt des Freitags und einer des Festivals überhaupt: Sigur Rós aus Island oder vielleicht auch von einem anderen Stern. Einen Tag vorher waren sie in Mannheim und hier gibt es ausführlich Bericht. Daher an dieser Stelle nur die Feststellung, dass die Isländer auch unter Sternenhimmel (drei Jahre vorher beim Southside noch im Zelt) ein Genuss der Extraklasse sind und dass speziell der Schluss des Konzertes schlichtweg mit ergreifender Schönheit zu beschreiben ist. Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows! {image}

Der Samstag

Der nächste Morgen ist vor allem heiß und dementsprechend läuft der Tag langsam an. Zumindest wenn man keinen gesteigerten Wert darauf legt, zu den mehreren Hundert Hitzschlaggeschädigten dieses Wochenendes zu gehören.

Daher war für uns dEUS die erste Band des Tages. Die bei regioactive.de gelisteten Ben*jammin sehen wir noch bei anderer Gelegenheit. Die Rezeption des Konzerts der Belgier litt noch ein wenig unter den klimatischen Bedingungen, von daher schwierig zu sagen, ob die Höhepunkte fehlten oder schlicht „verdampften“. Ist ja auch alles ein Weilchen her: „The next song is from 1999. Like you“ kommentiert dEUS-Fronter Barmann den von ihm gefühlten Altersdurchschnitt des Publikums. 

Höhepunkt im Leben eines Feuerwehrmanns: Billy Talent

Billy Talent kommen mit der Hitze wesentlich besser zu Recht. Vermutlich weil sie selbst genug davon haben. Shouter Ben Kowalewicz erreicht höchste Schreilagen und bietet gemeinsam mit seinen drei instrumentalen Mitstreitern eine fantastisch ernergetische Show. Punkrock, der nix mit irgendwelchen aktuellen Labels am Hut hat. Hier gibt’s die Ursprungsattitüde für ein ebenso zahlreiches wie begeistertes Publikum. Vermutlich weil’s halt Punk ist: Es geht auch was kaputt. Zumindest für fünf Minuten gibt die PA nicht den leisesten Laut von sich. Die Kanadier lassen sich’s nicht verdrießen und machen gut gelaunt weiter. Nicht ohne den Kommentar „That’s why we love to play in Germany“. So, die Kanadier machen Witze über die Technik in Deutschland, während Briten und Niederländer unsere Partylaune und unseren Humor (und den Fußball!!!) loben – alle Alarmglocken sollten schrillen, wohin steuert diese Republik, was hat Schwarz-Rot aus uns gemacht? Einen unorganisierten, lustig-gut gelaunten Partyhaufen? Na denn, Prost! Um das {image}zusätzlich unter Beweis zu stellen und die ohnehin ebenso kraftvolle wir sympathische Performance abzurunden, greift nun auch die Feuerwehr massiv ein: Ein Wagen fährt neben der Publikumsmasse auf und verspritzt fast zwei Lieder lang den Löschschlauch auf dem Fahrzeugdach hoch über den Köpfen der Menge. Neben dem Mann an der Wasserkanone stehen zwei Feuerteufel, die die Menge zu einer La Ola nach der anderen animieren, wozu sich diese auch nicht groß bitten lässt. Unter diesen Umstände gerät Billy Talent zu einem Fest (Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows! ) und ernsthaft erschüttert über diesen grundlegenden Wandel teutonischer Werte und Tugenden verlasse ich das Konzertgelände Richtung Fußballleinwand.

Darüber braucht’s nicht viel Wörter, den Schlachtgesang „Guckst du England: So wird das gemacht“ find ich besonders hübsch, aber wenn das Ergebnis vorhersehbar gewesen wäre, hätte ich mir die Eagles of Death Metal natürlich an Stelle der zweiten Halbzeit angeschaut.

Nach ausführlicher Spielbesprechung und Auskühlung der überhitzten Aggregate geht’s mit The Cooper Temple Clause weiter. Näheres zu diesen sehr sehens- und hörenswerten Herrschaften gab es ja erst kürzlich hier. Daher an dieser Stelle nur die Feststellung, dass das Programm wesentlich poppiger als bei einer Club-Show anmutete, was auch durch ordentliches Hüftschwingen gerade in den hinteren Teilen des Zeltes honoriert wurde. Und es macht wesentlich mehr Spaß sich TCTC in Feierlaune anzutun als mal eben unter der Woche. Jaja. Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows!

Nach den Briten erhaschen wir einen Eindruck von Wir sind Helden auf der Mainstage. Dieser ist im Vergleich zum eben erlebten leider mehr als blutarm. Das Cure-Cover „Why can’t I be You“ bekommt so eine ziemlich selbstironische Färbung – bewusst oder unbewusst.

Von (der) Muse geküsst ...

Die Helden räumen die Bühne und machen seltsam anmutenden Aufbauten, die wie Urinal-Kachelwände wirken, Platz – der Bühnenhintergrund von Muse. Coldplay in rockig, so das Schubladenattribut, das Muse mit sich herumtragen müssen. Da ist auch was dran. Für ältere Semester: Wen Ultravox ein paar Schritte weiter gegangen wären, wären sie zu Muse mutiert. Und das betrifft nicht nur Sänger und Gitarristen-Wunderknaben Matthew Bellamy.Ausufernde kompositorische Dichte, pure Power, Lärm & Pop, getragen von einem vor Emotionalität strotzenden Frontmann und einer feingetunten Rhythmusmaschine.

Im Hintergrund wird eifrig an Synthesizer-Knöpfen geschraubt um dem Ganzen den letzten Schliff zu geben – fertig ist das Superwohlfühlpaket des Samstags. Muse reiten auf der Welle eines absolut gelungenen Festivaltages durch die Nacht, in der die leider nun heimgefahrenen Schweden ihr Mittsommerfest feiern. Kauft all ihre Platten und besucht ihre Shows!

Im Anschluss werden im Discozelt noch ein paar Standards aufs heiße Parkett gelegt, über Holzpenisse diskutiert und Schnäpse getrunken. Blumen kann man auf dem komplett schattenlosen Southside-Gelände vergessen. Staubblumen vielleicht ...

Stürmischer Abgang

Am Sonntag ging es für unsere Reisegruppe aus familiären wie beruflichen Gründen leider schon gen Heimat. Womit nicht nur Wallis Bird verpasst wäre, sondern, was mich besonders traurig stimmt, auch Manu Chao. Zwar waren Gewitter angekündigt, aber was wir dann wirklich verpasst haben, war nicht vorherzusehen.

Über das Unwetter am Sonntag Abend gibt es diverse Versionen. Sicher scheint nur, dass das Southside in Hurricane hätte umbenannt werden können (im Norden wurde es übrigens richtig nass. Von Wasser in Kniehöhe auf dem Zeltplatz ist zu lesen und von der Umfunktionierung des Discozeltes zur Notunterkunft ...). In der offiziellen Pressemitteilung ist von „ein wenig ungemütlich“, etlichen Sachschäden und 14 leichten Blessuren die Rede. Dem Forum nach zu urteilen, flog an Pavillons und Zelten alles durch die Luft, was nicht niet- und nagelfest war, teilweise waren wohl auch Stände auf dem Festivalgelände betroffen. Eine der Videoleinwände war unbrauchbar, Tomte mussten unterbrechen (konnten dann aber – akustisch - weiterspielen, während das Hurricane auf Muse verzichten mussten) und etliche Festivalbesucher wurden von Sicherheitskräften dahingehend informiert, dass das Festival beendet sei.

Dem war nicht so, SEEED und Manu Chao kamen zu ihren Auftritten und auf dem Zeltplatz wurden die zerbrochenen Zeltstangen zu allerlei Schabernack benutzt, was im Forum des Veranstalters bereits als „Southside Riots“ die Runde macht. Alles in allem also ein blaues Auge, denn das Ausmaß des Unwetters hatte die sonst landesüblichen wohl in der Tat um einiges überschritten. In den Foren wird negativ angekreidet, dass es keinerlei offizielle Sturmwarnung gab, andere Stimmen sprechen davon, dass seit letzten Mittwoch entsprechende Wettervorhersagen bestanden hätten. Wenn man bedenkt, dass das Southside Gelände auf einem Hochplateau liegt, bleibt eigentlich nur der Schluss, dass man sich im Leben, welches bekanntlich kein Ponyhof, zwar nicht gegen alles versichern aber zumindest seine Zelte gut sichern kann ...

Alles in allem wieder ein gelungenes Festival, dass gerade durch das Fehlen der ganz großen Namen gewonnen hat. Bei allen tollen Acts, die zu sehen waren, waren es nach Berichten anderer Besucher und auch eigenem Wissen locker doppelt so viele, die es genauso wert gewesen wären. Die Tatsache, dass absolute Gassenhauer-Bands nicht anwesend waren, machte sich auch in der Struktur des anwesenden Publikums positiv bemerkbar: Trotz aller Party eine relaxte Geschichte. Kann in Zukunft so weitergehen ...

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