Rufus Wainwright (live beim Primavera Sound 2012)

Rufus Wainwright (live beim Primavera Sound 2012) © Eric Pamies

Der zweite Tag der 2012er Ausgabe des Primavera Sounds begann direkt mit schlechten Nachrichten. Nachdem am Vortag bereits EL-P und Sleep aufgrund eines Todesfalles respektive Krankheit ihre Show absagt hatten, mussten am Freitag die Fans der Melvins auf ihr Highlight verzichten, leider ohne Angabe von Gründen. Gleichzeitig verlängerte sich der Slot von The Cure um eine viertel Stunde, so dass den Godfathers of Goth sage und schreibe vier Stunden Spielzeit zugestanden wurde. Dass die Engländer auch in Spanien eine gewaltige Fangemeinde haben, wurde durch den enormen Besucheranstieg im Vergleich zum Vortag deutlich.

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{image}Bevor jedoch der The Cure-Marathon beginnen konnte, wärmten noch zahlreiche andere Bands das Festivalpublikum für das zu erwartende Feuerwerk der guten Laune auf. Rufus Wainwright beispielsweise führte mit sicherer Hand und ausgewählter Garderobe durch seinen Gig. Manchen Menschen scheint das Entertainertum einfach in die Wiege gelegt worden zu sein und so orchestrierte der Gay-Rights-Aktivist sowohl seine Band als auch das Publikum durch eine über 60-minutige Werkschau seiner ganzen Familie, gab er doch auch Songs seiner Eltern zum Besten.

Während dessen wiegten I Break Horses auf der ATP-Bühne mit ihrem Dream-Indie die Zuhörerschaft in einen sanften Pre-Festival-Schlummer und die von Schilfrohrhainen eingerahmte Stage in neue Dimensionen der Friedfertigkeit. Am anderen Ende des Geländes zerpflückten Harvey Milk dagegen jegliche Songstruktur in einer Mixtur aus Math-Rock und Southern-Blues. Obwohl streckenweise der Sound und die Songs sich in beinahe unerträglichen Wechseln von schnellen Punk-Parts direkt zu sludgigem Rock-Gesumpfe ergingen, bereitete der Gig doch in gewisser Weise auf das dann folgende vor.

Kurz vor zehn Uhr, dem Startschuss für den The-Curothon, standen mit Liturgy zwei weitere Protagonisten der New-Black-Metal-Bewegung, wie wir sie der Einfacheit halber hier nennen wollen, auf der Vice-Bühne. Neben Wolves In The Throne Room und Deafheaven bilden die New Yorker die Speerspitze dieser Bewegung. Machte Anfangs der Mangel eines Drumsets noch stutzig, zeigten die einsetzenden Grindcore-Beats aus der Dose dann deutlich, wo die Grenzen eines Menschen am Schlagzeug liegen. Dazu produzierten die beiden Gitarristen, im übrigen in ihrem Auftreten noch minimalistischer als WITTR, eine Kakophonie, deren Vertracktheit und Brillianz nicht von der Hand zu weisen war. Nach einem kurzen Set von etwa 40 Minuten hatten die Beiden dann auch so viele Anschläge auf der Gitarre hinter sich gebracht, wie The Cure nach ihrem 4-Stunden-Gig.

{image}Diese hatten ihre Show auf der San-Miguel-Bühne zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, was zu angenehm viel Platz bei den übrigen Konzerten sorgte. Während sich also die Band um Robert Smith ihren Fans und der bevorstehenden Mammutaufgabe widmete, setzen ein Stockwerk tiefer auf den am Meer gelegenen Vice- und Pitchfork-Bühnen die Sleigh Bells und Napalm Death den Akzent auf harte Beats, allerdings mit zwei vollkommen unterschiedlchen Heransgehensweisen. Die Sleigh Bells lieferten bereits vor zwei Jahren, kurz nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums, auf dem Primavera ein Konzert ab, dass längst als legendär in die Analen der Geschichte eingegangen ist. Die Setlist wies dann auch erstaunlich viele Songs des alten Albums Treats auf und die Band gab nur vier Songs der neuen LP zum besten. Zwar verwandelten die gewaltigen Beats zusammen mit den sägenden Gitarren und der sich räkelnden Sängerin das Publikum auch dieses Jahr wieder in eine bouncende Masse, an die ekstatischen Zustände von vor zwei Jahren konnte das Duo aber leider nicht anknüpfen.

Während die Band aus Ex-Poison The Well Gitarrist Derek Miller und Alexis Kraus, dem feuchten Traum eines jeden Hipsters, den Fokus also eher auf das Tanzbein legten, metzelten Napalm Death nebenan alles ohne Kompromisse nieder. Blastbeats und Geballer war die Losung, was aber auch keine große Überraschung war. Dank eines sehr gut ausgesteuerten Sounds und einem Frontman, der sein Handwerk versteht, dürfte das Konzert aber auch Zuhörer überzeugt haben, deren Heimat nicht unbedingt der Thrash-Metal ist.

{image}Als die letzten Töne dieser Konzerte verklungen waren, wurde deutlich, dass The Cure ihre Show wirklich durchzogen und nach zwei Stunden immernoch auf der Bühne standen. Um viertel nach Zwölf trafen sich dann wieder zwei Kontrahenten auf den beiden Stages am Wasser. Während Trash Talk auf der Pitchfork-Bühne den Publikumspreis abstaubten und dank lupenreiner Hardcore-Attitüde das Volk zum moschen brachten, zelebrierten auf der Vice-Bühne Mayhem eine schwarze Messe der Extraklasse. Ziegenköpfe als Kerzenhalter hingen vom Bühnendach, Pentagrammständer lockerten die Formation der Band auf und auch das klassische Corpsepaint durfte nicht fehlen. Die in Metalkreisen aufgrund von Mord- und Suizidfällen legendäre Band entschädigte so all diejenigen, denen WITTR oder Liturgy zu minimalistisch oder zu avantgardistisch waren. Dennoch muss festgehalten werden, das bei aller Theatralik der Metaller die vier Jungs von Trash Talk eine der besten Shows des Festivals ablieferten und das, obwohl eine zwei Meter hohe Bühne bei einer Hardcore-Show eher ein Hindernis denn von Vorteil ist.

{image}Nach diesem Highlight führte der Weg vorbei am immer noch melancholisierenden Robert Smith hin zur ATP-Bühne und den wiedervereinigten Codeine. Auch hier muss gesagt werden, dass man hier Zeuge einer mehr als gelungene Reunion werden konnte. Wie schon erwähnt handelt es sich bei dieser Stage um das Beste, was das Primavera sowohl an Ambiente, aber auch an Konzerten zu bieten hat. Folglich war auch der Gig von Codeine mehr als beeindruckend. Das Trio beherrscht den Wechsel von laut zu leise wie kaum eine andere Band und man kann deren Slowcore schwer besser genießen als bei angenehmen Temperaturen unter freiem Himmel auf den die Bühne flankierenden und von Schilf umgebenen Zuschauerrängen sitzend mit Blick aufs Meer.

Dank dieser Entspannungsphase konnte man sich dann wieder ins wilde Getümel bei The Men werfen, zu deren Show man sich vorbei an den letzten Klängen des Cure-Epos (wer mitgezählt hat, kommt auf sechs während der The Cure-Show besuchte Konzert) in Richtung Vice-Bühne treiben ließ. Eine wirkliche Überraschung gab es bei dieser Show nicht. Das Quartett aus Brookly lieferte soliden Indie-Rock, dessen Wurzeln leicht in den Neunzigern bei Fugazi und Sonic Youth zu finden sind. Kein wirkliches Spektakel aber allemal in Ordnung um die Lücke bis zu The Rapture zu füllen.

{image}Seitdem sie mit ihrem neuen Album In The Grace Of Your Love aus der Versenkung wieder aufgetaucht ist, wird die New Yorker Band wieder vom Erfolg verwöhnt. So versammelte sich vor der San Miguel-Bühne eine Menschenmasse, die der von The Cure sicher in Nichts nachstand. Die Crowd war groß, die Menge tanzte auch noch in den hinteren Reihen und fast alle waren glücklich. Wem die Schrille Stimme von Luke Jenner und das hektische Rumgedopse der Gitarrenriffs aber doch zuviel wurde, der konnte sich über die gewaltige Brücke und die Treppe hinunter zurückziehen, um entweder den Elektrobeats des Londoner Projekts SBTRKT oder dem surfigen Garagerock der neuen Band von Hot Snakes-Frontmann Rick Froberg, genannt Obits, zu lauschen.

Für die nimmermüden Festivalbesucher sorgten dann ab drei Uhr auf der Ray-Ban-Stage erst Benga und dann Aeroplane für Dubstep und discoesquen Elektro, derweil sich auf der Pitchfork-Bühne Matias Aguayo, der vielen von der Battles-Single Ice Cream bekannt sein dürfte, den Plattentellern widmete. Bemerkenswert war dabei, dass der Chilene hinter sich noch die früher übliche Phalanx an Plattenkisten stehen hatte und in Zeiten von Traktor Scratch und Konsorten doch tatsächlich noch mit wahrhaftigem Orginalvinyl auflegte. Endgültig Zapfenstreich war dann weit nach fünf Uhr, wobei die letzten in diesem Falle am nächsten Tage schwerlich die Ersten sein werden.

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