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© Sarah Ciminski

Das Primavera Sound in Barcelona schafft es auch in seinem 16. Jahr, neue Maßstäbe zu setzen. Bereits im Februar waren nur noch Tagestickets erhältlich und auch diese waren Wochen vor dem Festival ausverkauft. Wenig verwunderlich, findet sich unter der unter der katalanischen Sonne ein Line-Up zusammen, das fast alle anderen europäischen Festivals in den Schatten stellt.

Das Bemerkenswerteste am Primavera Sound Festival ist und bleibt wohl die Tatsache, dass die Macher auch nach 16 Jahren weiterhin ein bemerkenswertes Händchen für eine exquisite Zusammenstellung ihrer über 200 Acts beweisen. Entsprechend reduzierte sich ein Abend im Parc del Fòrum, wo von Donnerstag bis Samstag das eigentliche Festival stattfand, nicht auf den einen Headliner am Ende des Abends. Vielmehr warteten jeden Tag eine Vielzahl an Highlights verschiedenster Coleur auf die Besucher.

Auch außerhalb des eigentlichen Festivals stand Barcelona wieder ganz im Zeichen des Primavera Sound. Neben den verschiedenen Panels und Talks im Rahmen von PrimaveraPro, wo sich die professionelle Musik- und Veranstaltungswelt austauschte, fanden im Vorfeld wieder zahlreiche Konzerte in den Venues Barcelonas sowie Gratiskonzerte von Goat und Suede im Parc del Fòrum statt.

Emotionale Rückkehr

Das Highlight dieser Warm-Up-Konzerte war sicherlich die Chance für ca. 400 Besucher, eines der ersten Konzerte von LCD Soundsystem nach ihrer Reunion zu sehen. Die Band headlined in diesem Jahr Festivals wie Coachella, Roskilde und eben das Primavera Sound, weswegen die Tickets für die Show im BARTS Musikclub innerhalb weniger Minuten vergriffen waren.

Dabei muss man den Veranstaltern zugutehalten, dass weder die Presse, noch PrimaveraPro oder VIP-Ticket-Besitzer bevorzugt wurden. Jeder, der über ein Drei-Tage-Ticket verfügte, hatte die Chance, sich über die Webseite eine kostenlose Eintrittskarte zu sichern.

Entsprechend ausgelassen war die Stimmung, als James Murphy und seine Band mit leichter Verspätung die Bühne betraten. Die Setlist war zwar etwas kürzer als zur eigentlichen Show zwei Tage später, dafür aber umso emotionaler und unmittelbarer. Immerhin waren die New Yorker zuletzt im ausverkauften Madison Square Garden aufgetreten. 

Werkschau

Bei ihrem Konzert auf dem Primavera Sound spielten sich LCD Soundsystem dann vor ca. 40.000 Zuschauern einmal quer durch ihre drei Alben und gingen erst kurz vor drei Uhr nachts von der Bühne. Besonders bemerkenswert war in diesem Zusammenhang, dass der Sound selbst am äußersten Rand der Besuchermasse noch hervorragend und vor allem sehr laut war.

Man darf dabei nicht vergessen, dass sich das Festivalgelände keineswegs wie hierzulande üblich weit entfernt von jeglicher Zivilisation befindet. Vielmehr wird der Parc del Fòrum zur einen Seite vom Mittelmeer und zur anderen von Barcelonas neuem Hotel- und Büroviertel Poble Nou eingerahmt. Dennoch beginnt das Festivalprogramm jedes Jahr erst gegen 17:00 Uhr, während die letzten Acts auf den Hauptbühnen teilweise erst gegen 5:00 Uhr morgens das Feld räumen.

Brennende Hexen und Tiergeräusche

Für den größten Andrang während des eigentlichen Festivals sorgte dann neben LCD Soundsystem der Auftritte von Radiohead. Beide Shows zählen zu den am heißesten erwarteten Konzerten des Jahres, hatten LCD Soundsystem nach einer fünfjährigen Pause doch gerade erst wieder zusammengefunden und Radiohead kürzlich "A Moon Shaped Pool" veröffentlicht.

Mit "Burn The Witch“, der ersten Single des Albums, eröffneten die Band aus Oxford dann auch ihr Set, gefolgt von "Daydreaming“ und "Decks Dark“. Die übrige Show griff dann auch die Hits der früheren Alben wie "Paranoid Android“, "Karma Police“ und "Bodysnatchers“ auf. Lediglich "Creep“ fand seinen Weg weder in die reguläre Setliste noch unter die fünf Zugaben.

Ein weiteres Highlight war der Auftritt von Brian Wilson, der das berühmte Album "Pet Sounds" der Beach Boys komplett spielte. Zum Auftritt des 73-jährigen und seiner Band fand sich am Samstagabend gegen 20:00 Uhr eine ähnlich große Masse an Besuchern ein wie zuvor bei Radiohead und LCD Soundsystem und später am Abend Moderat. Auch hier zeigte sich wieder einmal der besondere Charakter des Primavera Sound, das schon immer weniger für chaotische Campingplatzpartys und fragwürdige Bekleidungskultur stand als vielmehr für die Begeisterung an und für die Musik. 

Ein besonderes Festival

Neben den besonderen Events mit LCD Soundsystem und Co. gab es natürlich noch eine ganze Reihe hervorragender Künstler und Konzerte. Tame Impala, Beach House, Beirut, Sigur Rós, PJ Harvey, Explosions In The Sky, Air und The Last Shadow Puppets bespielten neben den anderen Headlinern die beiden Hauptbühnen, die auf einem weitläufigen Schotterfeld frontal zueinander aufgebaut waren.

Wer nicht an dem allabendlichen Headliner-Pingpong teilnehmende wollte, das sich ein Großteil der Besucher jeden Abend dort lieferte, der konnte zahlreiche außergewöhnliche Konzerte auf den übrigen acht Bühnen besuchen.

Die Bandbreite reichte dabei von Newcomern aus dem Hip-Hop wie Action Bronson, Pusha T und Vince Staples bis hin zu Metal-Urgesteinen wie Venom und spanischen Klassikern wie Los Chichos. Neben LCD Soundsystem feierten auch die extrem einflussreiche Post-Hardcore- Band Drive Like Jehu aus San Diego ihre Reunion. Thee Oh Sees, Dinosaur Jr., Shellac und BEAK> lieferten als weitere Vertreter eines gitarrenlastigen Sounds ebenfalls beeindruckende Performances ab. Das Feld der eher experimentellen Musik deckten Battles, Animal Collective, Avalanches und Tortoise ab und begeisterten das Publikum auf den kleineren, dafür wesentlich individuelleren Bühnen im Parc del Fòrum.

Elektronische Neuerung

Ein Novum war die Erweiterung des Angebots um eine ausschließlich der elektronischen Musik gewidmeten Bühne. Etwas abseits des eigentlichen Geländes und nur über eine mehrere hundert Meter lang Brücke zu erreichen gaben sich von 12:00 Uhr mittags bis 5:00 Uhr morgens zahlreiche internationale DJs und Elektroacts die Klinke in die Hand. Doch auch auf den übrigen Bühnen waren mit Neon Indian, Kiasmos, DJ Koze, Pantha Du Prince und eben Moderat Vertreter der elektronischen Musik am Start.

Insgesamt feierten jeden Tag über 55.000 Besucher mehr als zwölf Stunden lang gemeinsam und vollkommen friedlich. Das milde Wetter mit angenehmen 20 bis 25 Grad und die hervorragende Atmosphäre trugen dazu gewiss erheblich bei. Auch dass neben den für Festivals üblichen Altersklassen überdurchschnittlich viele Kinder und Menschen jenseits der 50 bis in die frühen Morgenstunden feierten, dürfte dem Primavera Sound in Zukunft sicherlich nicht zum Nachteil gereichen.

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