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The Vaccines (live auf dem Primavera Sound, 2013) © Dani Canto

Zum zwölften Mal lockte das Primavera Sound die Fans mit einem der vielseitigsten Line-Ups der Festivalsaison nach Barcelona. Sieben Tage lang gaben sich über 200 Künstler in den quer über die Stadt verteilten Venues die Klinke in die Hand. Vom 23. Bis zum 25. Mai durfte dabei das Gros der Bands auf einem der beeindruckendsten Festivalgelände Europas auftreten.

Allerdings scheinen die Macher des Primavera Sound-Festivals diesen Standortbonus zusehends zugunsten von steigenden Besucherzahlen zu opfern. Bereits seit einigen Jahren reichte das direkt am Meer gelegenen Gelände des Forums für die weit über 100.000 Besucher nicht mehr aus, sodass eine erste Bühne auf den angrenzenden Parkplatz verlegt wurde.

Bühnenwanderung

In diesem Jahr wanderte nun auch mit der ATP-Stage eine der charakteristischsten Bühnen auf dieses Areal aus. Das Gelände wurde so auf die doppelte Fläche vergrößert und verlor mit dieser Bühne gleichzeitig den Schauplatz so mancher Highlights der letzten Jahre.

Stellte die hohe Dichte an bemerkenswerten Bands im Line-Up aufgrund der früheren kurzen Laufwege kein großes Problem dar, wurde es dieses Jahr so gut wie unmöglich, den Weg zwischen den beiden am weitesten entfernten Bühnen in weniger als 20 Minuten zurückzulegen.

Das Forum, auf dem sich insgesamt fünf der acht Bühnen befinden, ist ein raumgreifend gestalteter Küstenabschnitt. Rund um das zentrale Amphitheater greifen zahlreiche teilweise gepflasterte, teilweise bewachsene Hügel die Form der Wellen des Meeres auf und tragen sie scheinbar ins Land hinein.

Die Bühnen fügen sich perfekt in dieses Areal ein und bieten eine herrliche Kulisse für Konzerte, die in den vergangenen Jahren nicht nur den Besuchern im Gedächtnis geblieben sind. Bands wie The Mae Shi, Sleigh Bells, The Talles Man On Earth, Titus Andronicus, Holy Fuck, Portishead, Isis oder Fuck Buttons feierten auf dem Primavera Sound einmalige Konzerte.

Warum Küstenwind auch stören kann

In diesem Jahr spielten die wirklich großen Headliner wie Blur, Nick Cave & The Bad Seeds, Phoenix, My Bloody Valentine oder The Postal Service zum ersten Mal nicht mehr auf der zentralen, im Amphitheater gelegenen Ray-Ban-Bühne oder auf der benachbarten Primavera-Stage.

Vielmehr wurde gemeinsam mit dem neuen Hauptsponsor Heineken eine gewaltige Bühne am Ende des bereits angesprochenen Parkplatzes errichtet. Diese Bühne bot zwar mehr Besuchern Platz, hätte aber auch auf jedem anderen Festivalgelände stehen können. Die Performance der Bands war dementsprechend auch solide, allerdings keineswegs herausragend.

Gleichzeitig sorgte der extrem starke Küstenwind für mäßige Soundverhältnisse. Ein Problem, mit dem man auf den zentralen Bühnen weniger zu kämpfen hatte.

ATP-Bühne

Gleiches galt leider ganz besonders für die ATP-Bühne. Vormals in einem künstlichen Tal zwischen einem mit Bambus bewachsenen Hügel auf der einen und amphitheaterähnlichen Stufen auf der anderen Seite gelegen, fand sich auch diese Stage auf dem angrenzenden Parkplatz wieder.

Traditionell eine Bühne für Bands aus dem Bereich der unhandlicheren Musik, lieferten hier unter anderem Do Make Say Think, Hot Snakes, Death Grips, Fuck Buttons, Shellac, Neurosis, Goat und Thee Oh Sees solide bis beeindruckende Sets ab.

Besonders herauszuheben auf der ATP-Bühne waren Death Grips, Neurosis, Fuck Buttons und Thee Oh Sees, wobei gerade letztere zusammen mit den Stammgästen Shellac in den Jahren zuvor auf dieser Bühne deutlich stärkere Auftritte hingelegt hatten.

weiterlesen: Die Pitchfork-Bühne, der "deutsche Abend" und: das Ende einer Ära?

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Pitchfork-Bühne

Etwas abseits gelegen und nur über einen Weg entlang am Wasser sowie über eine gewaltige Treppe zu erreichen war die etwas kleinere Pitchfork- Bühne. Fucked Up, Metz und Titus Andronicus überzeugten hier mit ihrem etwas härteren Sound und Liars lieferten ein sehr elektronisches Set ab.

In den frühen Morgenstunden legten auf dieser Stage und der benachbarten Vice-Bühne dann The Magician, Four Tet, The Suicide Of Western Culture und DJ Koze auf. Überraschungen gab es hier keine, dafür je nach Geschmack entweder was zum Tanzen (DJ Koze, The Magician), was zum Träumen (Four Tet) oder was auf die Ohren (The Suicide Of Western Culture).

Der deutsche Abend

DJ Koze war mit seinem Set am Ende des letzten Tages so etwas wie der Epilog des deutschen Abends, eröffneten den Tag doch Pantha du Prince & The Bell Laboratory, Nils Frahm und Apparat, die nacheinander im Auditorium spielten.

Dieser Konzertsaal mit seinen 1500 Sitzplätzen und der perfekten Akustik bot Pantha du Prince dann auch die perfekte Bühne für das, was das schönste und beste Konzert des Festivals werden sollte:

Techno live gespielt mit Schlagzeug, Marimba, Xylophon, Glockenspiel und – neben zahlreichen anderen Spielzeugen – einem gewaltigen Carillon. Dieser Auftritt wurde am Ende des Sets von einem voll besetzen Auditorium mit Standing Ovations und ohrenbetäubendem Jubel belohnt.

Genauso vollkommen wie dieser Auftritt war, enttäuschte allerdings Apparat, der mit seiner Vertonung von Tolstois "Krieg und Frieden" wenig mehr erreichte als ein regelrecht fliehendes Publikum. Dass gleich zwei der sechs Personen auf der Bühne sich mit Visuals beschäftigten, für die sich jeder Kindergarten geschämt hätte, war der Sache auch nicht unbedingt dienlich.

Ray-Ban und der Primavera-Bühne

Bleiben noch die wenigen sehenswerten Konzerte auf der Ray-Ban und der Primavera-Bühne. Hot Chip zogen eine riesige Masse an und schafften es auch, die Meute morgens um 4 noch bis zum letzten Platz zum Feiern zu bringen.

Der Wu-Tang Clan lieferte eine gute Show ab, auch wenn mit Method Man, Raekone und Inspectah Deck drei Protagonisten nicht mit von der Partie waren.

Auf der Ray-Ban-Bühne im Amphitheater verstörte Michael Gira mit seinen Swans die Menge gehörig und selbst auf den letzten Rängen spürte man, wieso die Band neben My Bloody Valentine als das lauteste gilt, was sich auf den Bühnen dieser Welt so tummelt.

The Knife lieferten eine Playback-Show ab und Animal Collective konnten zwar ein beeindruckendes Bühnenbild vorweisen, die mitreißenden Songs aus Merriweather Post Pavilion-Zeiten sind jedoch passé und so war auch deren Show eher mäßig bis langweilig.

Das Ende einer Ära?

Insgesamt lässt sich sagen, dass das Line-Up des Primavera Sound zwar jedes Jahr besser wird, aufgrund der steigenden Besucherzahlen und der damit einhergehenden Erweiterungen des Geländes die Atmosphäre aber merklich zu leiden beginnt.

Zeichnete sich das Festival noch vor drei Jahren durch sein familiäres Feeling und den immer wieder überspringenden Funken zwischen Künstler und Publikum aus, wandelt es sich nun zusehends zu einem Mega-Event wie Rock am Ring oder den großen englischen Festivals.

Für die Masse der Besucher mag das wünschenswert sein, für die kleinere Schar der Musiknerds, für die dieses Festival eine willkommene Abwechslung war, wohl kaum.

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