Henry Rollins: selbstbezeichnete Workslut.

Henry Rollins: selbstbezeichnete Workslut. © MLK

Zwei Monitore, ein Mikrofon – mehr benötigt Henry Rollins für seine Spoken-Word-Performance nicht. Fast drei Stunden unterhält der Punkrocker die Zuschauer in der ausverkauften Alten Feuerwache mit humorvollen und geistreichen Geschichten aus seinem ereignisreichen Leben. Trotz aller oberflächlichen Ähnlichkeit hat das mit Stand-Up-Comedy nur wenig zu tun, denn Rollins ist gar nicht so sehr daran interessiert, seine Beobachtungen zu kommentieren. Er will die Welt verändern: Schritt für Schritt.

{image}Henry Rollins scheint nicht nur ein, sondern ein halbes Dutzend Leben zu führen. Schier endlos sind die Begebenheiten, auf die er zurückgreifen kann, um das Publikum in der ausverkauften Alten Feuerwache zu unterhalten. Und so berichtet er von seiner Zeit als Sänger der legendären Hardcore-Punk-Band Black Flag, über Schauspieler Dennis Hopper und den Musiker/Maler Captain Beefheart, räsoniert über das Altern, den Irak-Krieg, gekochte Rattenleber und den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Dabei verliert er nur einmal ganz kurz den Faden - als ein offensichtlich verwirrter/betrunkener Mann ganz nahe an die Bühne tritt.

In diesem Moment unterbricht Rollins seinen Monolog, tritt erschrocken einen Schritt zurück und ruft: "Whoa!" Der Mann fragt ihn auf Englisch, wo die Toilette ist und wird dann von einem Security-Mann sanft abgeführt. Kein Wunder, dass Rollins so defensiv reagiert, hat ihm doch feindseliges Publikum schon häufig übel mitgespielt. In Black Flag-Zeiten beleidigte ihn ein riesiger Kerl während eines Konzerts permanent und wurde später vor seinen Augen auf dem Parkplatz niedergestochen (er überlebte). Bei einer anderen Gelegenheit stieg ein sehr dicker Mann auf die Bühne, drehte dort Runden und warf sich stagedivend auf das Publikum. Alle wichen aus, bis auf ein junges Mädchen, das bei dieser Aktion ein Auge verlor. Durch diese Erlebnisse habe er, so Rollins, schon in jungen Jahren etwas von der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz gelernt.

{image}Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch den Auftritt zieht, dann ist es dieser: Leben ist kostbar, es ist unsere Aufgabe als Menschen, es zu schützen und zu bewahren. Toleranz, gegenseitige Achtung, Sorge um die Mitmenschen, Schutz der Umwelt: das sind seine zentralen Werte. Anstatt aber die Zuschauer mit Moralpredigten zu langweilen, vermittelt er seine Ansichten in humorvollen, bewegenden oder absurden Geschichten. Alle kommen ohne erhobenen Zeigefinger aus, aber alle haben sie eine Botschaft, so lustig sie auch daherkommen mögen. Sie erzählen, wie Henry Rollins zu dem Menschen wurde, der er heute ist - oder zumindest, der er gerne wäre.

Henry Rollins hat viel zu viel erlebt, um zu glauben, dass er die Menschen durch Worte verändern könnte. Aber er kann im Angesicht des Unglücks nicht tatenlos bleiben. Sein sehr amerikanischer Aktivismus ist auf das Naheliegende, das Pragmatische ausgerichtet. Als er das von einem katastrophalen Erdbeben zerstörte Haiti besuchte, kaufte er massenhaft Seife und Fußbälle und verteilte sie an die Einheimischen. Vielleicht hat es keinen Unterschied gemacht, aber er hat es versucht. Die gleiche Motivation vermittelt sein Brief an einen Veteranen des Irak-Kriegs, der ein Kind erschoss und Rollins aufforderte, ihm Gründe zu nennen, sich nicht umzubringen. Natürlich hat er auch das versucht, ohne zu wissen, ob er Erfolg hatte. Die Welt ein wenig besser zu machen ist eine seiner zentralen Ziele.

Nach diesem Auftritt ist klar, warum Henry Rollins es ablehnt, seine Spoken-Word-Performance als Stand-Up-Comedy zu bezeichnen. Die besten amerikanischen Comedians vermochten, ihren Zorn und Ärger in beißenden Humor zu verpacken. Henry Rollins ist nicht wütend, er ist neugierig, engagiert, einsatzbereit und leidenschaftlich. Er blickt nicht mit Zynismus auf die Welt, sondern mit freudigem Enthusiasmus. "Was könnte ich heute entdecken?" ist die Frage, die ihn antreibt.

{image}Als National Geographic bei ihm anfragte, ob er Interesse hätte, eine Serie über die Beziehungen zwischen Menschen und exotischen Tieren in verschiedenen Ländern zu moderieren, muss ihm das wie ein Geschenk Gottes, d.h. von Iggy Pop, vorgekommen sein. Die selbstbezeichnete Workslut (wie ein Workaholic, nur schmutziger) durfte die Welt bereisen und mit den Mitgliedern eines Stammes in Indien sehr giftige Schlangen in Reisfeldern fangen, Kuhurin trinken und Rattenleber essen. Er hatte Gelegenheit an einem Gottesdienst der Pentecostals teilzunehmen, in deren Verlauf die Gemeinde mit hochgiftigen Schlangen tanzte. Diese Erlebnisse sind die Essenz von Henry Rollins Leben und darum empfindet er solche Freude, sie wildfremden Menschen zu erzählen. Denn was nutzen die besten Geschichten, wenn niemand davon erfährt?

Wer nun den Eindruck hat, die Spoken-Word-Performance müsse sehr ernsthaft gewesen sein, dem sei gesagt: Natürlich war sie auch sehr lustig. Als Beispiel kann die einzige Geschichte des Auftritts dienen, die wirklich keine tiefere Botschaft enthält: In den 1980ern besuchte Rollins mit einem Freund eine Vernissage des berühmten amerikanischen Musikers und Malers Captain Beefheart. Nach dessen Ende stand er mit seinem Freund auf dem Parkplatz als Dennis Hopper vorbeiging, der gerade in der Rolle des Soziopathen Frank Booth in David Lynchs Film Blue Velvet brillierte. Rollins drehte sich zu Hopper um und schrie ihn mit einem Filmzitat seines Charakters an, woraufhin Hopper so sehr erschrak, dass er in die Luft sprang, schrie, zu seinem Porsche rannte und davonraste. Sein Freund kommentierte: "Nice".

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