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Das subkulturelle Multitalent Henry Rollins, seines Zeichens Sänger, Schauspieler, Autor, Kolumnist und Abenteurer, machte im Rahmen seiner aktuellen Spoken Word-Tour auch halt in Mannheim. Zweieinhalb Stunden dauerte sein neues Programm, ohne auch nur eine Minute zu langweilen.

Spoken Word ist ein Konzept, das es in dieser Form in Deutschland nicht gibt. Es ist kein Kabarett, keine "Comedy", keine Lesung und auch sonst schwer vergleichbar mit jeder Form hiesigen Bühnenprogramms. Der Grundaufbau ähnelt am ehesten einem Poetry-Slam: ein Mikrofon und eine Bühne.

Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Der Spoken Word-Künstler ist thematisch nicht eingegrenzt. Er ist nicht gezwungen, sein Publikum die ganze Zeit zum Lachen zu bringen. Er muss auch nicht den ganzen Abend die politischen Missstände anprangern. Er kann, aber er muss nicht.

Ohne Ironie

Als Henry Rollins pünktlich um 20:00 Uhr die Bühne der Alten Feuerwache Mannheim betritt, wirkt er wie getrieben. Unbeirrt strebt er zum Mikro und lässt den Applaus gar nicht erst verklingen, bevor er zum Publikum spricht. Er tut dies in typischer Punk-Haltung, das Kabel ein paar Mal um die Hand gewickelt und im Ausfallschritt stehend, bereit, jederzeit in den Moshpit vor der Bühne zu springen. Nur dass sich hier kein Pit befindet, sondern die Saalbestuhlung mitsamt darauf sitzendem Publikum.

Zu Beginn verliert Rollins einige Worte über Flüchtlinge, Deutschland und dessen Rolle in der momentanen Situation. Er sieht darin eine der größten, wenn nicht die größte humanitäre Herausforderung des noch jungen 21. Jahrhunderts. Es wird klar, dass Rollins sich nicht einfach dem Publikum anbiedern will, sondern sich intensiv mit solchen Themen auseinandersetzt. Aber wer ihn anders einschätzt, ist wohl ohnehin eher durch Zufall auf dieser Veranstaltung gelandet.

"I like Rock’n’Roll!"

Es folgt eine längere Passage über den jüngst verstorbenen Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister. Motörhead haben, so Rollins, seinerzeit die Genre-Welt der US-Punkszene auf den Kopf gestellt. Lange Haare und keine Hippies? Das konnte sich keiner vorstellen. Ausgehend von diesem Damaskus-Erlebnis berichtet Rollins über seine Freundschaft mit Lemmy und seine zahlreichen Begegnungen mit dem unbeirrbar geradlinigen Sänger. Dabei ist er sich nicht zu schade, Stimmenimitationen von Lemmy zum Besten zu geben, die seine Erzählungen atmosphärisch bereichern.

Ebenso unterhaltsam, aber auch eindrücklich sind seine Erzählungen über Freundschaften mit den Schauspielern RuPaul oder William "Bill" Shattner. Allen Erzählsträngen ist gemein, das Rollins zwar hier und da erheblich ausholt, aber immer zu seinem Thema zurückkehrt und eine Konklusion findet. So etwa, als er lang und breit von seinem Mitwirken in "Jack Frost" und "Sons of Anarchy" berichtet, um zu zeigen, dass man von jeder anderen Person wahrgenommen und beurteilt wird, wie ihm das in einem Starbucks passiert.

Seine Rolle in Jack Frost brachte ihm im Verlauf der Jahre viel Kritik von Fans ein, aber eines Tages stand ein riesiger Biker vor ihm, der ihm unter Tränen erklärte, dass er "Jack Frost" immer in der Weihnachtszeit mit seiner verstorbenen Ehefrau gesehen habe: "It was our movie". Darauf fällt selbst Rollins keine gute Entgegnung ein.

"I put the Punk in puncutality"

Man kann sich in Rollins‘ Erzählungen derart verlieren, dass man beinahe nicht mitbekommt, wie wortgewaltig dieser Mann ist. Es ist eine Freude, ihn mit Worten arbeiten zu hören, eine Tätigkeit, der er mehr als sein halbes Leben bereits nachgeht. Nach eigener Aussage besteht ein wildes Wochenende für den Mann aus einer Menge koffeinhaltiger Flüssigkeit, Rock’n’Roll und seinem Notizblock. Diese unermüdliche Übung kommt dem Publikum zugute.

Und auch Rollins‘ Bühnenkonstitution sollte nicht unerwähnt bleiben. In den zweieinhalb Stunden, die das Programm dauert, nimmt er nicht einen Schluck Wasser zu sich. Er bleibt nicht hängen und macht auch keine längeren Pausen, sondern redet am Stück, ohne dass er und die Zuschauer den Faden verlieren würden. Allein das ist eine Leistung für sich.

Der letzte Abenteurer

Den letzten Teil seines Programms füllt Rollins inhaltlich mit einem Bericht seiner Reise zum Südpol. Hier habe er unter freiem Himmel neben sich paarenden Pinguinen geschlafen, oder dies zumindest versucht, und sei wohl der erste Mensch, der "Raw Power" von den Stooges in der Antarktis gehört habe.

Neben dieser unterhaltsamen Anekdote erzählt Rollins aber auch von seinem Gespräch mit einem dortigen Geologen über globale Erwärmung und deren Folgen für die Welt, die stets zehnmal schlimmer seien, als in der Öffentlichkeit bekannt. Rollins nutzt nun seine Bekanntheit und sein Bühnenprogramm, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir unseren Planeten ruinieren.

Nach zweieinhalb Stunden und zig Anekdoten und Themensprüngen, von denen der Autor sicherlich schon wieder mehr als die Hälfte vergessen hat, verlässt Rollins unter riesigem Applaus die Bühne. Mannheim kann sich glücklich schätzen, Gastgeber eines der vier Deutschlandauftritte dieses Mannes geworden zu sein.

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