Peter Evans Quintet

Peter Evans Quintet © Peter Gannushkin

Im Rahmen von Enjoy Jazz war Peter Evans in der Alten Feuerwache in Mannheim zu sehen. Der amerikanische Trompeter zeigt sich bei seinem Auftritt als ebenso virtuoser wie leidenschaftlicher Musiker.

{image}Für Außenstehende mag es überraschend sein, dass es den Free Jazz nicht gibt. Free Jazz ermöglicht es Künstlern in stärkerem Maß als andere Musikstile, ihre individuellen Ausdrucksmöglichkeiten zur Geltung zu bringen. Das beinhaltet natürlich sowohl eine Chance wie ein Risiko, denn der Zuhörer kann sich nur innerhalb gewisser Grenzen darauf verlassen, für ihn erkennbar strukturierte oder sogar vertraute Musik zu erleben. Ein Besuch eines Free Jazz-Konzerts ist daher immer eine Reise ins Ungewisse: Mal sehen, was passiert. Gelegentlich bietet ein einziges Konzert sogar ein Abbild der gesamten Vielfalt des Free Jazz. So war es beim Auftritt des amerikanischen Trompeters Peter Evans in der Mannheimer Alten Feuerwache. Bereits ein Blick in Evans Biographie verdeutlicht seine ungeheure Bandbreite: Er studierte am Oberlin Conservatory und ist daher in der klassischen Musik, die er immer noch aktiv spielt, ebenso bewandert wie im Jazz. Als Jazzer betätigt er sich vornehmlich in der freien Musik, allerdings in einer Vielzahl unterschiedlicher Settings: Als Solokünstler, im Duo Sparks mit Bassist Tom Blancarte sowie in einer großen Zahl unterschiedlicher Ensemble.

{image}In Mannheim tritt Peter Evans mit einem offensichtlich brandneuen Quinett auf, zu dem neben Blancarte auch Carlos Homs am Klavier, Schlagzeuger Jim Black und Sam Pluta zählt, der für "electronics" und "live processing" zuständig ist. Das bedeutet, er verfremdet die von den übrigen Mitwirkenden gespielte Musik "live", beispielsweise indem er Peter Evans Trompete in anderer Geschwindigkeit oder Tonhöhe als Echo widerhallen lässt. Seine Rolle im Gesamtkonzept ist aber vergleichsweise marginal. Zentral für den Sound sind hingegen Tom Blancarte und Jim Black, die eine regelrechte Powerhouse-Rhythm-Section bilden. Insbesondere nach dem langsamen und vergleichsweise leisen Klaviersolo zu Beginn des Konzerts schafft ihr Einsatz ein regelrechtes Erweckungserlebnis.

Blancarte und Black sind aber keineswegs musikalische Gewalttäter, die hemmungslos auf ihre Instrumente einprügeln, sondern leidenschaftliche, teilweise ekstatische Musiker, die mit vollem Einsatz bemüht sind, ein möglichst intensives Erlebnis zu schaffen. Trotz aller manchmal fast manisch anmutenden Wildheit hat ihr Vorgehen Methode, denn dass sie auch in der Lage sind, leisere Töne anzuschlagen (nie passte das Bild besser als hier), zeigt sich im weiteren Verlauf des Konzerts. Peter Evans besticht gleichermaßen durch die gekonnte Verbindung von Virtuosität und Leidenschaft. Obwohl er teilweise mit unglaublicher Geschwindigkeit spielt, bleibt sein Trompetenklang stets klar und kraftvoll. In manchen Momenten erinnert er in seinem Ausdruck an Albert Ayler, der wie Evans aus Ohio nach New York übersiedelte. Da Evans jedoch an Lauten ebenso interessiert ist wie an Tönen, flüstert, atmet, grunzt und schreit er durch seine Trompete und führt mit ihr auch einen wilden Tanz auf, während seine Füße fest auf dem Boden stehen.

{image}Dennoch ist Peter Evans Musik keineswegs so unbeugsam abstrakt und sperrig wie beispielsweise die von Anthony Braxton. Indem er seine Leidenschaft offen zu Tage legt, erscheint er weit weniger enigmatisch und unzugänglich wie einige andere Freejazzer. Dazu passt, dass er im dritten Stück des Abends mit dem Titel "Three To Three" das Tempo gelegentlich drosselt und fast lyrisch, zärtlich spielt. Obwohl diese Momente nicht von übermäßig langer Dauer sind verdeutlichen sie, dass es genau diese Vielfalt der Ausdrucksformen ist, die das Konzert so lohnenswert macht. Jede der drei langen, jeweils über zwanzigminütigen Kompositionen beschreitet einen anderen, aber gleichermaßen faszinierenden Weg voller Überraschungen und unerwarteter Wendungen. In Verbindung mit der herausragenden Rhythmusgruppe schafft Evans ein intensives, mitreißendes musikalisches Erlebnis. Das Publikum in der mittelmäßig besuchten Alten Feuerwache dankt es den Musikern mit lange anhaltendem Applaus, welche die Musiker mit einer kurzen Zugabe erwidern.

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