Jan Lammel hinter der Bar der Nachtschwärmerboutique.

Jan Lammel hinter der Bar der Nachtschwärmerboutique. © Michael Häfner

Wer meint, in einer Kneipe könne er nicht mehr erwarten als einen Tresen, ein kühles Bier und das ein oder andere Geplaudere, der hat weit gefehlt. Die Nachtschwärmerboutique in der Mannheimer Innenstadt zeigt Kunst aus der Stadt, bringt Musik nahe und es wird auch mal gefeiert.

Im August 2016 eröffnete Jan Lammel seine Kneipe, die Nachtschwärmerboutique. Ein zweites Wohnzimmer für all die Nachtschwärmer, die es so gibt. Und ein Treffpunkt für die Kreativen der Stadt. Ursprünglich studierte er Philosophie und Ethnologie in Heidelberg.

Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er im Storchennest, später im Heidelberger Teufel. Als der Teufel nach Mannheim wechselte, stieg er ins Geschäft mit ein. Jetzt hat er seinen eigenen Laden. Wir wollten wissen, was es mit der Nachtschwärmerboutique auf sich hat und treffen Jan dort, wo ein Wirt hingehört: hinter der Theke.

regioactive.de: Wie bist du auf den Namen Nachtschwärmerboutique gekommen?

Jan Lammel: Der Name "Nachtschwärmerboutique" ist eine Lobhudelei an den Golden Pudel Club in Hamburg. Die Idee zur Gründung des Pudel Clubs soll – der Legende nach – Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun in einem alten Fahrradkeller gekommen sein, in dem Möbel aus einer 1970er-Boutique standen, wo sie sich regelmäßig zum Vorglühen trafen und den sie liebevoll Nachtschwärmerboutique nannten. Das hat mir auf Anhieb gefallen.

regioactive.de: Was erwartet die Leute hier?

Jan Lammel: Ich öffne abends um acht, meist füllt es sich dann gegen elf Uhr, Dienstag bis Donnerstag ist dann bis drei geöffnet, am Wochenende bis fünf in der Früh. Es ist ein Ort für Nachtschwärmer, ein bisschen ihr zweites Wohnzimmer. Hier kommt man her, um noch ein Feierabendbierchen zu trinken, man sitzt an der Bar, kommt ins Gespräch und nebenher läuft Musik. Und irgendwann wird vielleicht getanzt. Gelegentlich musste ich schauen, wie ich Dienstagmorgen um drei die Leute wieder rausbekomme.

regioactive.de: Wer sind denn diese Nachtschwärmer, die zu dir kommen?

Jan Lammel: Ich habe sehr unterschiedliches Publikum. Viele kommen aus dem alten Teufel zu mir, als sie mitbekommen haben, dass ich jetzt was Eigenes aufgemacht habe. Es kommen aber auch viele aus dem Jungbusch, denen es dort zu voll geworden ist. Die Altersstruktur bewegt sich so zwischen fünfundzwanzig und sechzig Jahren. So hatte ich es mir auch vorgestellt, dass hier der Student neben dem Sechzigjährigen sitzt, sie kommen ins Gespräch, im Hintergrund läuft gute Musik und jeder kann sich wohlfühlen.

regioactive.de: Dass sich jeder wohlfühlen kann, liegt ja nicht immer in deiner Hand, manchmal kommen Gäste, die sich nicht mit allem anfreunden können.

Jan Lammel: Mir ist es ganz wichtig, dass sich hier jeder wohlfühlt. Auch wenn eine Frau alleine in die Bar kommt, keiner sollte blöd angemacht werden. Wenn sich jemand daneben benimmt, dann mach ich sofort deutlich, dass das hier nicht geht. Zur Not wird er vor die Tür gesetzt. Das Publikum soll einfach harmonieren. Gerade am Anfang war das nicht immer ganz einfach. Da musste sich alles noch sortieren. Es waren ein paar hier, die meinten, sie könnten ihre Stammtischparolen loswerden. Natürlich soll offen über alles diskutiert werden, aber einseitige Diskussionen mag ich gar nicht.

regioactive.de: Was hast du dann getan?

Jan Lammel: Ich hab denen gesagt, das ist alles schön und gut, aber ob sie wüssten, dass ich einen Teil der Einnahmen in die Flüchtlingshilfe stecke. Da waren die dann schnell weg (lacht). Klar, nicht immer gut für den Umsatz, aber das ist mir dann egal.

regioactive.de: Die Nachtschwärmerboutique besticht durch eine feine Musikauswahl. Du legst selber auf, welche Musikrichtung kann man denn erwarten? Was legst du auf?

Jan Lammel: Das ist sehr unterschiedlich, es gibt keine bestimmte Richtung. Die Musik muss Seele besitzen, das ist mir wichtig. Die Leute kommen rein, hören die Musik, trinken etwas, und wenn sie wieder rausgehen, haben sie etwas Neues im Kopf. Abgesehen von Radiomusik gibt es kaum Grenzen. Meist mische ich zwei, drei Songs zusammen, dann kommen wieder zwei, drei ganz andere Songs. Und das funktioniert gut. Wenn die Leute denken: "Was ist denn das für ein Mist?" kommt schon wieder etwas anderes (lacht).

regioactive.de: Das hört sich so an, als stecke auch ein erzieherischer Ansatz dahinter?

Jan Lammel: Ja, das auf jeden Fall! (lacht)

regioactive.de: Jetzt haben wir über die Nachtschwärmer geredet, was verspricht das Boutique-Element deines Konzepts?

Jan Lammel: Bei mir können Künstler ausstellen, besonders Künstler aus Mannheim. In den fünf Jahren, die ich jetzt in Mannheim bin, fiel mir auf, dass die Szene sehr schwer erfassbar ist: Es gibt hier was und dort etwas, aber keinen richtigen Knotenpunkt. Das möchte ich ausbauen, indem ich zeige, was all die Kreativen und DIY-Leute der Stadt machen. Es müssen keine großen Namen sein, aber für mich muss im Werk Leidenschaft erkennbar sein. Das Boutiqueelement kommt durch diese Künstler zustande, denn diese Ausstellungen sollen vermitteln, was in der Stadt passiert. Das betrifft die vielen Hotelgäste aus den umliegenden Hotels, für die, wie für jeden Fremden, Mannheim nicht gleich auf Anhieb erschließbar ist. Dafür will ich etwas tun.

regioactive.de: Wer sind die Künstler, die hier ausstellen und wie wählst du aus?

Jan Lammel: Gerade hängen Bilder vom Hötsch (Anmerk. Hötsch Höhle) aus Mannheim. Von den Jungs von Antighost habe ich ein paar Bilder als Dauerleihgabe erhalten. Ich möchte nicht zwingend einem Künstler eine Plattform bieten, sondern zeigen, was es alles gibt – wie eben in einer Boutique. Interessiert sich jemand für die Bilder, dann stelle ich den direkten Kontakt zum Künstler her. Melden kann sich jeder Künstler. Ich wähle dann nach Gefühl aus.

regioactive.de: Unter der Woche legst du selbst auf, am Wochenende kommen DJs und du hattest auch schon mal ein Konzert. Was ist künftig geplant?

Jan Lammel: Die Samstage sind eigentlich voll mit DJs, ein kleines Konzert hatten wir auch schon. Ich möchte das gerne ausweiten auf ein Konzert alle zwei bis drei Monate, auch hier mit Schwerpunkt auf Musiker aus der Region. Musikhochschule und Popakademie sind nicht weit und es gibt viele Musiker in der Stadt. Ähnlich wie beim Thema Boutique möchte ich eine Plattform anbieten, die es Mannheimern ermöglicht, sich zu präsentieren. Dadurch kann ich ein Knotenpunkt für die vielen verschiedenen Richtungen sein.

regioactive.de: Könnte bei dir auch eine Lesung stattfinden?

Jan Lammel: Ja, klar. Ich bin für alles offen, auch für Ideen meines Stammpublikums. So kam ich übrigens auch zu einer Karaoke, was eigentlich gar nicht mein Fall ist. Aber ein paar Leute fanden das gut. So ist das hier. Das Konzept soll mit dem Publikum wachsen. Einfach etwas Fertiges hinstellen, das funktioniert in meinen Augen nicht.

regioactive.de: Was hat es mit dem Logo auf sich?

Jan Lammel: Das ist ein Rorschach-Test. Der Name Nachtschwärmerboutique hat mir, wie gesagt, gleich gefallen. Da war schnell klar, da muss ein Nachtfalter her.

regioactive.de: Und hier hängt ja auch ein echter Nachtschwärmer?

Jan Lammel: Ja, das ist sogar ein Totenkopffalter. Der sogenannte Tintenkleks passt einfach sehr gut. In einen Tintenkleks interpretiert jeder etwas anderes rein, abhängig von seiner persönlichen Geschichte. Und das ist es auch, was hier passiert. Jeder kann etwas anderes darin sehen, etwas für sich finden und jeder trägt durch diese Interpretation etwas zum Ganzen bei.

regioactive.de: Der Jungbusch hätte sicherlich auch einen guten Startpunkt abgegeben. Wolltest du nicht dorthin?

Jan Lammel: Ich habe mir den Jungbusch angeschaut, aber da hätte das Konzept nicht funktioniert. Ich bin jetzt kein Cocktailmeister, möchte keine teuren, exquisiten Biere verkaufen, was es ja auch alles schon im Jungbusch gibt. Ich will so eine solide Kneipe, in der gute Qualität geboten wird und vor allem ein harmonisches Umfeld. Für mich war immer ausschlaggebend, dass sich jeder sicher fühlt. Dass man auch alleine hingehen und trotzdem Leute kennenlernen kann, ohne sich blöd vorzukommen. Im Jungbusch hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, das mitbestimmen zu können. Ich will auf der anderen Seite aber auch keinen Türsteher. Manchmal muss das sein, aber ich finde es eigentlich gar nicht gut, wenn jemand an der Tür vorsortiert.

Darüber hinaus weiß ich gar nicht, wie der Jungbusch sich weiterentwickelt: Die Mieten steigen, die  Gentrifizierung nimmt zu, da musste ich mich schon fragen, ob ich mir das antun will. Und hier? Hier gibt es nichts Vergleichbares, in dem Sinne habe ich keine Konkurrenz. Es gibt zwar ein kleines Kaffee und ein Restaurant, aber die haben mich gleich sehr herzlich empfangen. Insofern habe ich mich bewusst gegen den Jungbusch entschieden.

regioactive.de:  Bei dir spielen am Wochenende DJs, dann gibt es eine Sofaecke, ein Bücherregal, eine Playstation und sogar Brettspiele. Kommt denn jemand zum Spielen vorbei?

Jan Lammel: Ja, überraschenderweise.

regioactive.de: Was wird denn am meisten gespielt?

Jan Lammel: Zurzeit irgendwie Mensch-ärgere-dich-nicht. Keine Ahnung warum. Es gibt da eine Gruppe, die samstags immer pünktlich um halb neun auftaucht und die spielen dann Mensch-ärgere-dich-nicht.

regioactive.de: Das sich-heimisch-fühlen spielt ja an mehreren Stellen eine wichtige Rolle.

Jan Lammel: Das ist mir wichtig, ja. Ich verbringe selbst viel Zeit hier und will die Leute kennen, die herkommen, sich an die Theke setzen, ihre Geschichte mitbringen. Man kommt ins Gespräch, auch mit anderen Gästen, oder man setzt sich irgendwohin, liest ein Buch und schaut, was an dem Abend noch passieren wird. Das hier soll ein Ort sein, an dem man sich wohlfühlt, ein geheimes Wohnzimmer. Man will seins nicht ruinieren, also kommt man hierher (lacht).

Das könnte Sie auch interessieren