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Ben Vivell, Inhaber des Taproom in Mannheim © Mouhammad Zeino

Ben und Brandon betreiben im Mannheimer Stadtteil Jungbusch den Taproom, die einzige Craft Beer-Bar der Rhein-Neckar-Region. Für den achten Teil unserer Reihe #Unser Jungbusch haben wir der neuen Attraktion einen Besuch abgestattet.

Die Motivation von Ben und Brandon, im Jungbusch eine Craft Beer Bar zu eröffnen, war denkbar einfach: Nirgendwo erhielten sie Craft Beer zu trinken. Warum den Missstand nicht selbst beheben und eine Lokalität eröffnen, die das Bier anbietet, das man ansonsten in Kneipen, Bars und Restaurants eher selten erhält?

Aber weshalb? Sind deutsche Biere nicht umsonst weltberühmt? Ben ist keineswegs ein Gegner traditioneller deutscher Braukunst: "Fast jedes deutsche Pils oder Weizen kleiner Brauereien kann als Craft Beer durchgehen", urteilt er. 

Craft Bier – eine Gegenbewegung

Die Situation in den USA ist anders. Dort bestimmen Riesenbrauereien den Markt. Die Gewöhnung der Amerikaner an mitteleuropäische Biere stellte im 19. Jahrhundert eine kulturelle Revolution dar, die auf der Straße, in Parlamenten aber natürlich auch in Brauhäusern und Biergärten ausgefochten wurde. Heute hat sich die dortige Brauereibranche aber längst in ein ziemlich seelenloses Massengeschäft verwandelt. Populäre Biere wie Bud Light und Millers schmecken entsprechend.

Einige findige Amerikaner hatten genug von der Einheitsplörre und begannen selbst Bier zu brauen: Home Brewing nennt man das. Daraus entstand die Craft Beer Bewegung, die das komplette Gegenprogramm zum Massenbier liefert: Hochwertige Biere, viel Experimentiergeist, kleine Mengen, neue Geschmackserlebnisse. 

Eine Marktlücke gefunden

Genau an dieser Stelle unterscheidet sich Craft Beer von den üblichen deutschen Bieren. Das deutsche Reinheitsgebot sorgt dafür, dass die hiesigen Biere ein hohes Niveau bieten, aber auch relativ einheitlich schmecken. In einer traditionellen Welt kann Experimentierfreudigkeit und Innovation nur schlecht gedeihen: "Tradition tötet die Kreativität", erklärt Ben. Stattdessen versuchen die Brauereien ihre Kosten zu drücken, günstiger zu produzieren. Eine Flasche Bier kostet hierzulande ja nicht viel, entsprechend gering sind die Margen.

Dann kam die Craft Beer Bewegung in Deutschland an – und mischt seitdem den deutschen Biermarkt kräftig auf. Man kauft Craft Beer in gut sortierten Getränkemärkten, Spezialgeschäften oder im Internet. Kneipen und Bars bieten es aber aufgrund von Brauereiverträgen noch selten an – und genau in diese Lücke stoßen Ben und Brandon mit dem Taproom.

Der Gemeinschaftsaspekt des Craft Beers

Für Ben und Brandon stand fest, dass sie ihre Craft Beer Bar im Jungbusch ansiedeln wollten. Sie sehen den Stadtteil als "Spielwiese für Neues". Das Publikum sei aufgeschlossen, experimentierfreudig und befinde sich auf der Suche nach einzigartigen Erlebnissen. Im besten Fall erhofft sich Ben, dass vom Taproom eine Initialzündung für das gesamte Gebiet ausgeht, so wie er es in den USA häufig beobachtet hat.

Als die richtige Location gefunden war, legten er und Brandon gleich los. Viele Umbau- und Gestaltungsmaßnahmen erledigten sie selbst – vom Dielenboden bis zu den Tischen. Für andere Arbeiten engagierten sie Handwerker aus dem Jungbusch. Denn auch das ist ein Prinzip der Craft Beer Bewegung: Nachhaltigkeit und Lokalität. 

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Ständig neues Bier

Dass die Biere des Taprooms aus der ganzen Welt stammen, steht dazu natürlich in einem gewissen Widerspruch, den Ben und Brandon auszugleichen versuchen: Pils und Weizen stammen aus der Region, dazu wünscht sich Ben mehr "kleine regionale Brauereien, die abgefahrene Biere brauen." Da dort noch Nachholbedarf besteht, stammen die übrigen Biere aus dem restlichen Deutschland, aber auch aus Belgien, Großbritannien, Skandinavien oder den USA. 

Zur Auswahl stehen jeden Tag zwölf Biere, die direkt vom Fass gezapft werden. Wenn das Fass leer ist, kommt ein neues dran. Bei dieser Rotation handele es sich um ein Kernkonzept des Taprooms, so Ben. Daher kann man sich nie sicher sein, dass es das Bier aus der Vorwoche noch gibt. Anders gesagt: Der Taproom ermöglicht es dem Gast, ständig etwas Neues zu entdecken. 

Neue Erlebnisse für den Biertrinker

Und es gibt viel zu entdecken. Wer sich mit Craft Beer beschäftigt, stellt schnell fest, dass sie völlig anders schmecken als man es von den traditionellen deutschen Bieren gewohnt ist. Genau das ist das Ziel: "Ein gutes Craft Beer sollte ein besonderes Geschmackserlebnis bieten", erklärt Ben. Gleichzeitig müsse es aber auch trinkbar sein. Manche Biere seien sehr interessant, aber in größeren Mengen ungenießbar. 

Ben und Brandon haben sich in Jahren der Craft Beer-Leidenschaft ein umfassendes Wissen erworben. Sie sind auch selbst als Hobbybrauer tätig und kennen eine große Zahl unterschiedlichster Biere. Das kommt ihnen jetzt zu Gute: Viele der Biere, die sie anbieten, sind ihnen selbst wohlbekannt. Aufgrund des ständigen Wechsels des Angebots sind sie quasi gezwungen, dauernd neue Craft Biere zu testen.

Die Wertschätzung des Bieres heben

Wer den Taproom betritt, muss sich mit ungewohnten Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Nicht jeder Biertrinker versteht IPA oder Stout auf Anhieb. Zur ersten Orientierung dient ein Glossar in der Bierkarte, aber das ist nur der Anfang. Wenn der Laden nicht gerade brechend voll ist, nehmen Ben und Brandon sich gerne Zeit, um die Gäste zu beraten und das für sie passende Bier auszusuchen: "Bei uns muss viel mehr erklärt werden, als in einer gewöhnlichen Bar."

Nach einigen Monaten Taproom zeigt Ben sich beeindruckt und positiv überrascht, wie offen und begeisterungsfähig die Gäste für Craft Beer sind. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass viele Pils und Weizen konsumieren würden. "Das Gegenteil ist der Fall. Alle wollen etwas Neues probieren, egal wie abgefahren es ist." Damit rückt ein Wunsch von Ben in Reichweite, nämlich die "wahnsinnige Vielfalt" des Biers ins Bewusstsein zu rücken und die Wertschätzung des Bieres zu heben. Nur bei einigen weiblichen Gästen muss Ben bisweilen Überzeugungsarbeit leisten, besonders wenn sie aus Deutschland stammen, wo Bier in stärkerem Maß ein "Männergetränk" ist als anderswo.

Hochwertiges Bier ist nicht billig

Da Craft Beer nicht von Großbrauereien, sondern von kleinen Unternehmen hergestellt wird, ist es natürlich, dass das Bier im Taproom teurer ist als in einer normalen Kneipe oder Bar. IPAs, eine wichtige Sorte der Craft Biere, benötigen außerdem sehr viel mehr Hopfen als ein gewöhnliches Bier. Hopfen ist aber mit Abstand der teuerste Rohstoff des Biers. 

Wenn man das berücksichtigt, sind die Preise im Taproom relativ moderat. Sie bewegen sich zwischen 3,5 und 7 Euro pro Glas und sind auch für viele Studenten erschwinglich. Zum Besaufen ist der Taproom sowieso der falsche Ort, doch dafür gibt es gerade im Jungbusch ja genügend andere Anlaufstellen. Nichtdestotrotz zieht der Taproom viele Stammgäste, ausländische Besucher und aufgeschlossene Mannheimer an, die auf der Suche nach einer Craft Beer Bar im Jungbusch gelandet sind.

Eine Bereicherung

Ben und Brandon sind auch bemüht, den Taproom ständig weiterzuentwickeln. So bieten sie seit Kurzem auch Essen an. Ab Mitte Juni wollen sie auch ein Pale Ale als "Hausbier" anbieten, das sie in einer befreundeten Brauerei im Odenwald selbst brauen wollen. Außerdem haben sie für die Sommermonate einen Außenbereich eingerichtet.

Welche Pläne die Betreiber auch noch immer haben, eines ist schon jetzt klar. Der Taproom ist eine Bereicherung – nicht nur für den Jungbusch, sondern für die ganze Rhein-Neckar-Region.

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