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AC/DC mit Axl Rose (live in Lissabon, 2016) © Kat Bendoza

Wer glaubte, dass die Kombination aus AC/DC und Axl Rose ein Himmelfahrtskommando sei, hat sich geirrt. Beim einzigen Zusatzkonzert der "Rock Or Bust"-Europatour in der Düsseldorfer ESPRIT-Arena präsentieren sich die legendären Hardrocker AC/DC mit Axl Rose in Bestform und nehmen ein euphorisches Publikum mit auf eine grandiose Höllenfahrt.

Man nehme den Frontmann einer gerade erst wieder teilweise reformierten Rocklegende, der vor nicht allzu langer Zeit noch als abgehalftert galt, und eine weitere, nicht minder ikonische Rockband, die momentan ohne ihren Sänger dasteht – und fertig ist die vielleicht interessanteste Paarung im aktuellen Musikgeschäft.

In Düsseldorf geht das Frankensteinsche Experiment aus AC/DC und Axl Rose in die europäische Verlängerung und zieht trotz kurzfristiger Ankündigung gut 25.000 Besucher in die überdachte ESPRIT-Arena.

Junges und Altbekanntes

Als der Support Tyler Bryant & The Shakedown die Bühne betritt, ist das Stadion dann auch schon relativ gut gefüllt. Hier und da gibt es noch leere Plätze auf den Rängen, aber diejenigen, die bereits anwesend sind, dürfen sich über rotzigen, bluesigen Rock'n'Roll aus Texas freuen. Der Namensgeber an Gesang und Leadgitarre bringt jede Menge Energie mit. Zusammen mit seinen drei musikalischen Mitstreitern versetzt der junge Frontmann das Publikum zurück in eine andere Ära und bringt es so in die passende Stimmung für die bereits sehnlichst erwarteten Headliner aus Australien.

Während der Umbauphase werden die Zuschauer dann von einem kunterbunten Potpourri aus Rolling Stones-Songs der späten 1960er und frühen 1970er vom Band unterhalten. Zu diesem Zeitpunkt ist der Innenraum bereits prall gefüllt, und auch auf den Tribünen füllen sich so langsam die Plätze. AC/DC sind eben immer noch ein Garant für volle Häuser, trotz des ganzen Chaos und der Diskussionen rund um die Position des Sängers in den vergangenen Monaten.

Alles in Bewegung

Um genau 20.40 Uhr gehen dann die Lichter in der Arena aus, und das Intro auf der Videoleinwand verkündet, dass der AC/DC-Komet im Eiltempo auf die Erde zurast. Als er dann in Düsseldorf einschlägt, stürmt die Band zu "Rock Or Bust" auf die Bühne. Wie gewohnt, rennt Leadgitarrist Angus Young in seiner traditionellen Schuluniform wie ein Besessener über die Bühne. Axl Rose, mittlerweile vom Gips, der Beinschiene und der Verbannung in Dave Grohls Thron befreit, tut es ihm in schwarzer Lederhose und rotem Holzfällerhemd gleich und ist ständig unterwegs.

Eine der größten Sorgen von AC/DC-Fans im Vorfeld der Tournee war die Befürchtung, dass der Guns 'N Roses-Sänger dieser Herausforderung stimmlich nicht gewachsen sein könnte. In diesem Punkt kann bereits nach den ersten ein, zwei Stücken Entwarnung gegeben werden. Die Band hätte kaum einen besseren Ersatz am Mikrofon wählen können. Rose meistert sowohl das eigentlich von Brian Johnson eingesungene "Shoot To Thrill" als auch den seinerzeit noch mit dem verstorbenen Ur-Frontmann Bon Scott aufgenommenen Klassiker "Hell Ain’t A Bad Place To Be" mit Bravour.

Zeitreise bei Höllenlärm

Bei "Back In Black" schreit sich Axl derart die Seele aus dem Leib, dass man manchmal nicht weiß, woher genau er diese Power holt. Vorbei sind die Zeiten, als er stark übergewichtig zum Empfänger von Spott und Hohn und aus den falschen Gründen zu einem Internetphänomen mutierte. In der Rolle des Ersatz-Frontmanns von AC/DC präsentiert sich Rose in einer glänzenden Verfassung, die ihm viele nicht mehr zugetraut hätten. Als er dann sein markantes rotes Stirnband trägt, könnte man für einen kurzen Moment glauben, jemand hätte die Zeit zurückgedreht.

Lautstärkemäßig legen die Australier, die sowieso nicht gerade als die leiseste Band der Welt bekannt sind, bei "Got Some Rock & Roll Thunder" vom aktuellen Album "Rock Or Bust" dann noch eine Schippe drauf. Mittlerweile ist es derart höllisch laut in der ESPRIT-Arena, dass so mancher in den vorderen Reihen ohne Gehörschutz sicherlich befürchten muss, das Stadion taub zu verlassen. Man muss den Mischern an dieser Stelle ein Riesenkompliment aussprechen, dass die klangliche Transparenz auch inmitten dieser brachialen Soundwucht nicht verlorengeht.

Trockener Humor und donnerndes Gebälk

Nach diesem kurzen Ausflug in die aktuelleren AC/DC-Werke geht es im Anschluss aber wieder zurück in der Zeit – und zu den frühen Klassikern der Band. Auf die Stücke "Dirty Deeds Done Dirt Cheap", bei dem das Publikum aus voller Kehle den Refrain mitsingt, und "Rock'n'Roll Damnation" aus der Bon Scott-Ära folgt dann die erste kurze Ankündigung von Axl Rose. Der Frontmann ist froh darüber, auf dieser Tournee endlich einmal im Trockenen spielen zu dürfen.

Als die Band dann in das von allen Fans bereits eifrig herbeigesehnte "Thunderstruck" mit seinem so unverkennbaren Gitarrenriff übergeht, kennt der Jubel in der Arena keine Grenzen mehr. Auf diesen Donnerschlag hat schließlich jeder der Anwesenden gewartet, und die zahlreichen leuchtenden roten Teufelshörnchen auf den Köpfen der Leute im Innenraum geraten in Bewegung. Mit dem darauffolgenden "High Voltage" mitsamt über die Bühne fegenden Axl Rose und Angus Young und "Rock'n'Roll Train" halten AC/DC die Intensität weiterhin extrem hoch.

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Jetzt schlägt‘s dreizehn

Für eine ganz kurze Verschnaufpause für die bis dato alles gebende Band sorgt dann die überdimensionierte Glocke, die oberhalb der Bühne auftaucht und "Hells Bells" signalisiert. Nach diesem Intro legt die Band aber erneut los wie die Feuerwehr, angespornt von Rose, der mittlerweile das Stirnband gegen einen Hut ausgewechselt hat. Ebenso wie Stevie Young, der vor zwei Jahren seinen Onkel Malcolm als Rhythmusgitarristen ersetzt hat, scheint Axl der in der jüngsten Vergangenheit häufiger zu routiniert wirkenden Gruppe eine echte Frischzellenkur verpasst zu haben.

Dank des Wechsels am Mikrofon können sich AC/DC endlich einmal wieder Stücken zuwenden, die sie seit Jahren außer Acht gelassen haben. Dazu gehören "Givin The Dog A Bone" oder auch diverse Stücke aus der Zeit mit Bon Scott wie "If You Want Blood (You’ve Got It)" und "Touch Too Much". Die Freude über diese neugewonnene Freiheit ist Angus Young spürbar anzumerken. Irgendwie wirkt der Gitarrist wie befreit ob der Tatsache, zu guter Letzt einen Sänger, der überraschend entspannt, gut aufgelegt und offen für Neues zu sein scheint, und somit auch ein größeres Repertoire zur Verfügung zu haben.

Zurück zu den Wurzeln

Generell gibt es an diesem Abend jede Menge Songs aus der Phase mit dem Ursänger, denn Rose passt stimmlich gerade für diese Songs wie die Faust aufs Auge. Mit ihm gibt es eine Art Rückbesinnung zu dem Wurzeln, zurück zum Geiste von Bon Scott und zu der Atmosphäre verruchter wie verrauchter Hinterzimmer wie in den Klassikern "Sin City" und "Whole Lotta Rosie", wenn auch in einem Stadionrock-Ambiente. Ursprünglich stand ja Axls eigentliche Stammband Guns 'N Roses für ähnlich dreckigen Hardrock. Mit AC/DC hat er nun die absolut perfekte Band für diese Art von Musik gefunden.

Natürlich dürfen auch die weiteren Klassiker der Gruppe mit beiden vorherigen Sängern nicht fehlen, sei es "You Shook Me All Night Long", "T.N.T.", "Shot Down In Flames" oder "Have A Drink On Me". Bei "Let There Be Rock" darf sich Angus dann so richtig auszeichnen und auch feiern lassen. Sein minutenlanges Gitarrensolo am Ende des Stückes bestreitet er teils oberhalb des Publikums thronend im Liegen inmitten von Konfettiregen, teils auf den Verstärkerwänden, aber – wie üblich – immer in Bewegung. Young steht ständig unter Strom und mit ihm zugleich die ganze Arena.

Wilde Höllenfahrt

Als AC/DC dann erstmals die Bühne verlassen, werden sie von den Zuschauern mit donnerndem Applaus, gellendem Pfeifen, in die Höhe gestreckten Händen und der verbalen Forderung nach mehr als Respektsbekundung vorerst verbschiedet. Natürlich dürfen Zugaben an einem solchen Abend aber nicht fehlen, und die Band kehrt mit dem unsterblichen Klassiker "Highway To Hell" in ein komplett rot eingefärbtes Stadion zurück. Die Arena tobt, als Axl – nun ganz in weiß, aber mit Sonnenbrille – den Refrain anstimmt, und schmettert mit ihm den markanten Refrain, bis das Stadion wackelt.

Mit "Riff Raff" haben die Australier einen weiteren Überraschungspfeil im Köcher, der vorher schon jahrelang nicht mehr von ihnen zu hören war. Rose, der bei diesem Stück streckenweise nicht allzu viel zu tun hat, genießt das Gitarrenspektakel und betrachtet in seinen Gesangspausen in aller Seelenruhe, was eigentlich die präzise wie ein Uhrwerk aufspielende Rhythmusabteilung aus Stevie Young, Basser Cliff Williams und Drummer Chris Slade hinter ihm den ganzen Abend so getrieben hat.

Gegenseitige Bewunderung

Selbstverständlich darf der obligatorische Abschluss eines jeden AC/DC-Konzertes in Düsseldorf ebenso wenig fehlen. Auf den Verstärkerwänden sind mittlerweile drei Kanonen aufgetaucht, denn die Band zieht mit "For Those About To Rock (We Salute You)" ihren sprichwörtlichen Hut vor den so zahlreichen Fans, die ihnen jahrelang die Treue gehalten haben. Die Ehrensalve bei gleichzeitigem Feuerwerk an mehreren Enden des Stadions und kunterbunter Lightshow gehört da nur zum guten Ton. AC/DC und Axl Rose feiern mit ihren Fans, und das am Ende eines solchen Abends völlig zurecht.

Etwa zwei Stunden lang hat die deutlich verjüngt wirkende Gruppe ein wahres Spektakel abgeliefert. Die Zuschauer sind es von Angus Young gewohnt, dass er voller unbändiger Energie nur so über die Bühne fegt. Von Axl Rose war dies nicht unbedingt zu erwarten, aber man merkt ihm an, wie viel Spaß er an der ganzen Sache hat. Das opulente Drumherum, inklusive grandiosem Licht und einer technisch perfekt umgesetzten Inszenierung, tun ihr Übriges. Keiner weiß, wie es mit dieser Version der Band weitergehen und welche Rolle Brian Johnson zukünftig noch spielen wird.

Ein einzigartiges Erlebnis

"Axl/DC", wie sie von den Fans teils spöttisch, teils anerkennend genannt werden, haben jedenfalls mit ihren aktuellen Performances auf dem europäischen Kontinent sämtliche Kritiker mundtot machen können. Diejenigen, die vor der Tournee noch ihre Karten abgestoßen haben, weil sie sich nicht Axl Rose als Sänger ihrer Lieblingsband anfreunden konnten, dürfen sich schwarz ärgern. Besser haben AC/DC nämlich seit Jahren weder ausgesehen noch geklungen. Der Aushilfsfrontmann ist mehr als nur ein Ersatz. Er hebt die Band in ihrer momentanen Verfassung auf eine andere, mächtigere Ebene.

Ob der Spaß, mit dem alle Beteiligten bei der Sache sind, aus dem einmaligen Erlebnis mehr werden lässt, bleibt offen, zumal Axl Rose ja noch weitere Verpflichtungen mit den kürzlich reformierten Guns 'N Roses hat. Wenn nicht, wäre es aber zumindest angebracht, die großartige Show des 2016er Lineups mit einem offiziellen Audio- und Video-Release entsprechend zu würdigen. In die bisherigen Live-Veröffentlichungen der Australier würde sich ein solcher Konzertmitschnitt perfekt einreihen. Denn das vielleicht größte Showerlebnis des Jahres sollte für die Ewigkeit festgehalten werden.

Setlist

Rock Or Bust / Shoot To Thrill / Hell Ain’t A Bad Place To Be / Back In Black / Got Some Rock & Roll Thunder / Dirty Deeds Done Dirt Cheap / Rock ‘n’ Roll Damnation / Thunderstruck / High Voltage / Rock ‘n’ Roll Train / Hells Bells / Givin The Dog A Bone / If You Want Blood (You’ve Got It) / Touch Too Much / Sin City / You Shook Me All Night Long / Shot Down In Flames / Have A Drink On Me / T.N.T. / Whole Lotta Rosie / Let There Be Rock / Angus Young Gitarrensolo // Highway To Hell / Riff Raff / For Those About To Rock (We Salute You)

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