Morrissey (live in Neu-Isenburg, 2015)

Morrissey (live in Neu-Isenburg, 2015) © Achim Casper

Das Denkmal Morrissey können auch die eher mediokren Platten der letzten Jahre nicht erschüttern, obwohl er auch in Essen, wie auf dieser ganzen Europa-Tournee 2014, die Geduld seiner devoten Fans auf die Probe stellt. Neun (!) Songs vom aktuellen Album werden nur durch ein paar wenige, funkelnde Monolithen seines Soloschaffens und dem der Smiths ergänzt, was der Euphorie des dankbaren Publikums jedoch keinen Abbruch tut.

Versuch einer Bestandsaufnahme

Viel wurde über Steven Patrick Morrissey im Jahr 2014 geschrieben. Sehr viel sogar. Weder sein während der Tour von ihm selbst bekanntgegebenes Krebsleiden noch seine fast täglich extremer werdenden Vergleiche zwischen Mensch und Tier sollen hier näher beleuchtet werden. Auch nicht sein Riesenerfolg mit der eigenen Autobiographie und den Eiertanz um Streichung persönlicher Passagen in der US-Ausgabe des Buches oder die Weigerung, es in anderen Sprachen zu veröffentlichen.

Die erneuten textlichen Ergüsse in Print- und Online-Medien zu seiner Person kulminierten inländisch in einer FAZ Abhandlung zu "Ex-Helden der Popkultur", die in ihm einen: "Phantastischen Typen von früher, der heute alles falsch macht" sieht. Dabei sang er doch schon 1997 auf seiner unterschätzten Single "Alma Matters": "It‘s my life to wreck my own way".

Der Kampf um die musikalische Relevanz

Morrissey saß schon immer direkt zwischen den Stühlen. Nachdem er einer Plattenfirma nach der anderen verschlissen hatte, sollte 2014 mit der neuen Platte und der renomierten Marke Harvest im Rücken alles anders werden. "Ich will auf den Titelseiten zu sehen sein weil ich relevant bin", ließ er vorab verlauten. Nun, "World Peace Is None Of Your Business“, kurz WPINOYB, im Juni veröffentlicht, erreichte nicht jeden überall.

Trotz aufmunternder Kritiken weltweit, inklusive der üblichen übertriebenen Superlativen in seinem Heimatland (nicht Herkunftsland) England, wird auch diese Platte in der Retrospektive nicht den Platz einnehmen, den Morrissey ihr selbst augenblicklich zumisst. Unter zunehmenden weltmusikalischen Einflüssen gelingen ihm nur noch wenige memorable Klassiker. Kein Ausfall, aber mangelnde musikalische Relevanz könnte man ihm angesichts seiner früheren Meisterwerk entgegenhalten.

Ungebrochene Live-Anziehungskraft

Das Publikum im ausverkauften Essener Colosseum stört das alles erstmal überhaupt nicht. Das Foyer des schicken Industriebaus wird vor dem Konzert zum Schauplatz der Eitelkeiten. Wer hat das älteste Tourshirt, wer den schönsten Morrissey-Look? Es ist das südwestlichste Konzert in Deutschland und Fans aus Hessen, Bayern und Baden-Württemberg haben den Weg genauso auf sich genommen wie solche aus den nahen Beneluxländern. Die Hotels rund um den Musicalbau im Stadtzentrum sind restlos ausgebucht.

Anna Calvi bietet als Support einen soliden Einblick in ihre beiden Platten, die zwischen Tarantino-Soundtracks im Tex-Mex Gewand und Elvis-Sentiment schwanken, was sogar in einer schönen Version von "Surrender" gipfelt. Gerührt und vor Ehrfurcht fast erstarrt ob der Bitte von Morrissey sie als Vorband haben zu wollen, beendet sie unter artigem Applaus ihr vierzigminütiges Set.

Das Warten auf den Meister als Ritual

Es kommt was man schon Jahre lang von allen Morrissey-Konzerten kennt. Die Musikvideos seiner Idole versüßen die Umbaupause und man kann nochmal erleben, welche magische und krude Anziehungskraft Künstler wie die Ramones, Brian Eno, die New York Dolls oder auch "Yesterday’s man" Chris Andrews immer noch besitzen.

Beatnik-Poet Allen Ginsberg ist ebenso zu sehen wie Edith Sitwell, die abermals Ihre ganz eigene Haltung zum besten gibt. Das inoffizielle Video zu Morrisseys "The Bullfighter Dies" zeigt schließlich Archivaufnahmen vom Abschlachten der Stiere in spanische Arenen genauso wie "gelungene" Todesstöße der Tiere gegen ihre Torero-Peiniger.

Die ersten Fans verlassen bereits zu diesem Zeitpunkt ihre festen Sitzplätze und drängen in den schmalen Bereich vor der Bühne, wo eigentlich keiner stehen sollte. Die Bühne ist sehr niedrig und einigen Eingeweihten schwant, dass dies später zu Verwicklungen führen könnte.

Im zweiten Teil: Ein starker Auftakt, ein starker Abschwung und Klassiker als Rettungsanker.

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Starker Beginn

Dann schlendert Morrissey für sein neunzigminütiges Set auf die Bühne. Nach den Verbeugungsriten der kompletten Band untereinander kennt der Jubel zu "Suedehead" kaum Grenzen. Die erste Solosingle aus dem Jahr 1988, die er live vor 2014 länger nicht mehr gespielt hatte, wird fast vom das ganzen Colosseum mitgebrüllt. Besonders laut wird es beim pikanten Endchorus: "It was a good lay".

Und Morrissey legt geschickt nach. Mit "Staircase At The University" bringt er den eingängigsten Song seiner neuen Platte, der vor 25 Jahren sicher auch zum Top 20 Hit zumindest in UK gereicht hätte. Die rabenschwarze Posse um die Jungstudentin, mit dem "lovely boyfriend" und der überzogenen Erwatungshaltung der Eltern endet mit dem tödlichen Treppensturz der Überforderten inkl. Kopfzerschnmetterung in drei Teile.

Die Menge johlt und tanzt

Nur Morrissey kann aus solch einem Irrwitz einen Mitsingrefrain zimmern und ihn gen Ende mit "seinem Instrument der Stunde", einer Flamencogitarre am Bühnenrand von Multiinstrumentalist Gustavo Manzur sitzend gespielt, ins Rabenschwarze überführen. Die Menge johlt und tanzt dazu, was die engen Sitze der Musical-Örtlichkeit eben hergeben. Auch mit "The Queen Is Dead“ an dritter Stelle macht Morrissey natürlich alles richtig.

Die linkische Erzählung aus dem Jahr 1986 von der fiktiven Begegnung mit Hassobjekt Nr. 1 ist eine der absoluten textlichen Meisterleistungen des Mannes aus Manchesters. Elisabeth zeigt auf einer Videomontage den "Dicken" und die Band spielt wie immer etwas zu muskulös, was der Euphorie aber keinen Abbruch tut. Das Vertrauen ist hergestellt und die Fans nahezu in Rage.

WPINOYB als Coitus interuptus

Nach der Trennung im Bösen von Harvest buhlt Morrissey fast trotzig um die Gunst einer neuen Plattenfirma, die WPINOYB in 2015 nochmals neu auflegen soll. Eine kraftraubende Vorgehensweise, für Morrissey und Band, die auf dieser Tour bereits den Bassisten Solomon Walker austauschen musste und so steht an diesem Abend neben Urgestein und Gitarrist Boz Boorer, Schlagzeuger Matt Walker, Keyboarder Gustavo Manzur auch der neue Bassist Mando Lopez auf der Bühne.

Von den folgenden zwölf Songs stammen acht aus den Sessions zur neuen Platte. Es fällt schwer zu glauben, dass Stücke wie das frauenunfreundliche "Kick The Bride Down The Aisle“, das weltmusikalische "Istanbul", der Flamenco "Earth Is The Loneliest Planet“, der metallisch-stampfende Glamrocker "Neal Cassady Drops Dead" oder auch das dräuende "Scandinavia" in einigen Jahren in einer Retrospektive noch einen Funken an Relevanz im Soloschaffen dieses Mannes besitzen könnten.

Wuchtig, mit viel zu offensichtlichem, spanisch- bzw. mexikanischem Farbtupfern versehen rauschen die Songs am Publikum vorbei. Das Stimmungbarometer sinkt empfindlich. Lediglich der textlich und musikalisch gelungene Titelsong als Bestandsaufnahme des martialischen Weltwandels und "One Of Your Own", eine kleine Zugabe zur CD-Deluxe Variante der letzten Platte haben Charme und Größe und sorgen für die nötige Aufmerksamkeit.

  Klassiker als Rettungsanker

Morrissey kann nicht immer Best Of-Shows spielen, aber die Penetranz mit der 2014 seine neugewonnene Kreativität zur Schau stellt, wird spätestens dann fragwürdig, wenn er doch einige Monolithen seines Smiths- und Soloschaffens einstreut. "Trouble Loves Me" gerät fast zum Höhepunkt des gesamten Sets und verdeutlicht, wie gut das ungeliebte "Maladjusted" wirklich war.

Die Altfans sind selig und singen aus vollem Hals, mit ausgestreckten Händen dem stetig anschwellenden Quasi-Refrain entgegen: "...so english frowning...". Auch "I Am Throwing My Arms Around Paris“, eine seiner besten späten Singles zollt nochmals umjubelt dem Vorgänger "Years of Refusal" Tribut.

Im dritten Teil: Seltenheiten, Schockbehandlung, Bühnensturm und das Ende

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Seltenheit

Mit "Yes, I am blind" setzt Morrissey die liebgewonnene Tradition fort, trotz exzessiver Albumpromo immer wieder kleine Skurrilitäten wie die längst vergessene B-Seite aus seinen Soloanfangsjahren einzustreuen.

Für solche Lieder lieben ihn die Fans immer noch und nicht wenige hätten an diesem Abend gerne mehr davon gehört. Speziell das noch in Berlin gespielte "Certain People I Know" wurde von vielen Fans der ersten Stunde erhofft und wäre hier eine herrlich schwingende Ergänzung gewesen.

Lichtgestalt einer vergangenen Zeit

Bereits bei seiner ersten Deutschlandtournee im Mai 1991 wirkte Morrissey wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit. Sein Tourvideo zu "Pregnant For The Last Time" zeigt "The mighty Quiff" in Berlin und beim Konzert im altehrwürdigen Metropol Theater. Die Tolle hat 2014 zwar nicht mehr die Bedeutung von einst, die Gestik ist aber immer noch intakt und die ihm so wichtigen backdrops zeigen immer noch stilsichere Bilder aus längst vergessenen Jahrzehnten. Das Mikrofonkabel als Peitsche, hin- und hergerissen zwischen Zuneigung und Distanz zum eigenen Publikum beherrscht Morrissey auch in Essen die Klaviatur der ganz Großen (Sinatra, Presley).

Morrissey kassiert langen Szenenapplaus, scheint gerührt und begeistert. Er schimpft über britische Politiker, schüttelt Hände und gibt das Mikrofon obligatorisch an den Fan in der ersten Reihe, der bei seiner übernervösen Antwort natürlich nicht gewinnen kann. Seine Stimme ist präsent wie immer und er singt gerade die alten Songs in Ausdruck und Volumen mindestens so gut wie damals.

Morrissey ist auch 2014 live ein faszinierendes Erlebnis, da er als Bühnenpersönlichkeit gefestigter denn je wirkt. Seine Strahlkraft ist immens. Krankheit, Kritik und Prozesse haben ihn gestählt und nicht gebeugt. Darunter leidet jedoch seine verletzliche Kreativität und lyrische Dichtkunst, deren juveniler Sturm und Drang textlich oft einer gewissen allgemeinen Verbitterung gewichen ist. Live fällt dies jedoch weniger ins Gewicht.

Schockbehandlung und Finale

Nach einem glückseligen "How Soon Is Now", das die alten Smiths-Fans nochmal aus der Reserve lockt hat Morrissey als vorletzten Song des regulären Sets auch noch den Titelsong der zweiten Smiths-Platte aus dem Jahr 1985 im Köcher. Genügte bei früheren Darbietungen dieses Manifests gegen Tierquälerei zu Zwecken des Fleischkonsums noch ein blutroter Vorhang, so dreht Morrissey im Jahr 2014 schmerzlich an der Wohlfühlschraube fast aller Anwesenden, indem er während des eindringlichen Walzertaktes und den Fleischsägen im Hintergrund die Peta-Dokumentation "Farm to Fridge" abspielen lässt.

Die Szenen zum qualvollen Tod von Schweinen, Rindern und Geflügel in der Massentierhaltung verfehlen ihre Wirkung nicht. Nahezu alle Anwesenden müssen den Kopf senken und Morrissey dreht weiter an der imaginären Schraube. Die Gleichung ist denkbar einfach: "A death with no reason and death with no reason is murder". Permanent zeigt er dabei auf die Leinwand, sieht selbst fassungslos und bestürzt auf das Video.

Hier macht einer ernst und holt die Fleischesser aus Ihrer Komfortzone. "Shock Treatment": frei nach dem Motto seiner großen Vorbilder, den Ramones. Nach einem "Thank you" an das paralysierte Publikum läutet die Kreissäge von "Speedway" das große Finale ein und der "Vauxhall & I"-Klassiker holt die Leute tatsächlich zurück ins Konzert. Alle Hände in der Höhe und bei den hämmernden letzten Zeilen: "In my own sick way I'll always stay true to you".

Zugabe, Bühneninvasion und Abbruch

Was Morrissey linkisch als Worte des größten deutschen Dichters mit "Remember me, but forget my fate" beschreibt sollte wirklich schicksalhaft für das sein, was dann in den nächsten Sekunden geschieht. Fakt ist, dass die Bühne während der ersten Takte der heiß ersehnten finalen sing-along Hymne "Everyday Is Like Sunday" von mindestens drei Personen gestürmt wird, die scheinbar spielerisch die niedrige Bühne erklimmen.

Ihr Versuch, den Ordnern zu entwischen und Morrissey zu erreichen gelingt nur im Ansatz, da dieser schutzhalber in die Knie geht und vom Sicherheitspersonal schnell von der Bühne gebracht wird. Ein besonders aggressiver jüngerer Chaot springt dabei zurück ins Publikum wo es von sehr aufgebrachten Fans erstmal Ohrfeigen und Drohungen hagelt. Der Übeltäter wird selbst auf seinem Weg ins Foyer noch massiv bedrängt.

Den Restfans bleibt nur das Saallicht und Klaus Nomi als Abspannmusik sowie die Tatsache auch mal in Deutschland bei eine der legendären Stage-Invasionen eines Morrissey-Konzerts dabei gewesen zu sein. Manche ärgern sich, viele tragen es mit Fassung. Die Zeiten haben sich eben im Vergleich zum "Live in Dallas"-Video 1991 geändert als Dutzende auf der Bühne friedliebend ihr Idol feierten. In Essen wirkte die Aktion für einen Moment sehr bedrohlich, da sie aggressiv und geballt vonstattenging. Es bleibt unklar was passiert wäre, hätten die Störenfriede ihr Idol wirklich erreicht. Das Ende des Konzerts trübt die insgesamt gute Stimmung bei Band und Publikum.

Ein Paralleluniversum

Als Fazit bleibt der Eindruck, dass Morrissey als Entertainer und Sänger immer noch in einem Paralleluniversum agiert. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht sein letzter Auftritt auf deutschem Boden war, da ihm die Ärzte längere Tourneen eigentlich verboten haben.

Songs für die Ewigkeit gelingen ihm im Moment nicht mehr in der Frequenz wie noch in den Jahren 1984-2004. Johnny Marr wurde kürzlich nur ein paar Kilometer entfernt für seine stilgetreue Darbietung etlicher Smiths-Klassiker gefeiert – nur fehlt ihm selbst die Stimme. Der Kreis wird sich hier aber leider nicht schließen. The Smiths is dead, boys!

Setlist

Suedehead / Staircase At The University / The Queen Is Dead / Kiss Me A Lot / I'm Throwing My Arms Around Paris / World Peace Is None Of Your Business / Scandinavia / Earth Is The Loneliest Planet / Istanbul / One Of Our Own / Trouble Loves Me / How Soon Is Now? / Yes, I Am Blind / Neal Cassady Drops Dead / Kick The Bride Down The Aisle / Meat Is Murder / Speedway // Everyday Is Like Sunday

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