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Morrissey (live in Neu-Isenburg, 2015) © Achim Casper

Morrissey präsentiert auch im dritten Jahr nach dem Erscheinen sein Album “World Peace Is None Of Your Business” live beim einzigen Deutschlandkonzert im ausverkauften Berliner Tempodrom. Dabei wirkt er zwar angeschlagen, aber kämpferisch wie eh und je.

In unsicheren Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass generationsübergreifende Musikkünstler wie Morrissey Präsenz zeigen. Die Erwartungen vor Beginn der nur acht Dates umfassenden Europatour waren im Fanlager übergroß. Neue Platte? Umgestellte Setlist? Und überhaupt, wie fit ist Morrissey?

Status Quo im Morrissey-Lager

Eine neue Platte habe er fertig geschrieben und sobald er ein Label gefunden habe, würde diese auch aufgenommen. Die andauernde Behandlung aufgrund seiner Krebserkrankung habe ihn kürzer treten lassen, so der Meister in dieser Woche einer israelischen Gazette gegenüber.

Also bleibt der treuen Anhängerschar beim Berliner Exklusivkonzert vorerst nur das gewohnte Ritual. Nach größerer zeitlicher Verzögerung wegen verschärfter Sicherheitskontrollen am Einlass beginnt endlich das Konzert.

Business as usual

Das Pubilum besteht nicht nur aus anglophonen, altgewordenen Tolleträgern. Auch der Morrissey-Epigone Drangsal sowie jüngere Fans aus dem benachbarten Ausland sorgen an diesem Abend für eine bunte Vielfalt. Gemeinsam ergötzt man sich anstatt einer Vorband an bekannten Pre-Tapes der Ramones und New York Dolls, sieht schmunzelnd zu, wie Alice Cooper in den frühen Siebzigern im wilden "Elected"-Video dem Affen Zucker gibt und wundert sich nicht mehr allzu sehr über altes Filmmaterial von Warhol-Ikone Joe Dallesandro oder diverser Vorreiter des Transvestiten-Kabaretts.

Dann entert die Ikone der britischen Independentmusik der 80er die Bühne des imposanten neuarchitektonischen West-Prachtbaus und leitet mit "Suedehead" sein anderthalbstündiges Set ein. Seine erste Solosingle aus dem Jahr 1 nach dem Smiths-Exodus ist und bleibt unverwüstlich und das Rund singt aus vollen Kehlen jedes Wort mit, genauso wie bei der anschließenden, unterschätzen 97er Single "Alma Matters".

Immer wieder “WPINOYB”

Morrissey bietet danach im Wesentlichen tatsächlich die gleiche Setlist wie seit Frühjahr 2014. Man hört noch einmal massiv die Weltmusikeinflüsse seiner letzten Platte, die er trotzig nach der Trennung von Harvest im November in Eigenregie wiederveröffentlichen will.

Leider vergisst er in Berlin neben dem politkritischen Titelsong, dem gekonnten Musichall-Setcloser "Oboe Concerto", dem schwülstigen "Kiss Me A Lot" und dem Antiklimax "Istanbul" die besten Songs der Platte zu spielen. "Staircase Of The University" und "Mountjoy" bleiben ungehört.

Ist er wirklich fit?

Morrissey hält sich mit Ansagen an diesem Abend sehr bedeckt, wirkt nicht wirklich fit, eher angeschlagen und zögerlich in Gestik und Mimik. Nach einem lange erhofften Homecoming-Konzert in Manchester am kommenden Samstag und zwei Israelkonzerten steht Morrissey parallel zum US-Wahlkampfendspurt eine Ochsentour durch die USA bevor. Man kann nur hoffen, dass er diese bei seiner angeschlagenen Gesundheit durchsteht.

Das alte Gift wirkt noch

Morrissey wird lebendiger, als er vor "The Bullfights Dies" vom kürzlichen Tod des Toreros erzählt oder mit "Meat Is Murder" die fleischfressenden Cretins dieser Welt mit Word und Bild quält, wie es die Schlachthaustiere tagtäglich selbst erleben müssen. Er kann es sich hier nicht verkneifen, vor dem schwelgenden "The World Is Full Of Crashing Bores" "Adolf", Thatcher und Blair in einem Atemzug zu nennen. Neuere Namen aus der britischen oder kommenden amerikanischen Regierung bleiben unerwähnt.

"Ganglord" zeigt aber die Gewalt der US-Behörden an Mensch und Tier mit aktuellen Bezügen. Passend hierzu auch die Hinzunahme von "Far-off Places" vom 2006er Album "Ringleader Of The Tormentors", dem er obendrein mit der starken und vom Berliner Publilum vielumjubelten Single "You Have Killed Me" die Ehre erweist.

Rares als Mangelware

Über Kuriositäten gibt es ab diesem Abend leider wenig zu berichten. Die Altfans, viele auch aus dem benachbarten Ausland angereist, freuen sich über das verschrobene "Quija Board" aus einer Zeit als Morrissey musikalisch noch nicht muskelbepackt war oder auch über die Kultstatus einnehmenden '92er Single B-Seite "Jack The Ripper" mit ihrem großartigen Singalong "Crash into my arms, I want you".

Morrissey vs Marr in Sachen The Smiths

Es kostet Morrissey gegen Ende des regulären Sets ein Muskelzucken und die linkische Ansage "These songs come from a time long ago, I know absolutely nothing about" um mit den Smiths-Dampfhämmern "What She Said/Rubber Ring" die Masse in schiere Ekstase zu versetzen.

Je länger das Ende der Band her ist, desto größer wirkt der Schatten, den sie auf den Morrissey im Hier und Jetzt wirft. Seine jetzige Band um Urgestein Boz Boorer rockt vornehmlich hart, metallen und präzise. Subtile Zwischentöne und musikalische Finesse in den Smiths-Interpretationen fände man derzeit nach den Aussagen vieler eher bei den Live-Konzerten von Johnny Marr.

Zugabe und Ausblick

Als Zugabe gibt es mit "Irish Blood English Heart" seine beste Single nach dem 2004er Comeback und alle Hände im Stehauditorium recken sich noch einmal dem Meister entgegen, der kein Shirt in die Menge wirft und relativ abrupt noch vor dem Outro von der Bühne geht.

Als Fazit bleibt ein Künstler, der autark seinen Weg geht und immer noch auf der Suche nach einer Plattenfirma ist, die ihn nach seinen Vorstellungen weltweit ins große Scheinwerferlicht rücken soll. Wir hoffen also weiter auf das große Alterswerk im Jahr 2017!

Setlist

Suedehead / Alma Matters / You Have Killed Me / Ganglord / Speedway / Istanbul / I'm Throwing My Arms Around Paris Jack the Ripper / World Peace Is None of Your Business / Kiss Me a Lot / All You Need Is Me / The Bullfighter Dies / Meat Is Murder / Everyday Is Like Sunday / Ouija Board, Ouija Board / The World Is Full of Crashing Bores / One of Our Own / I Will See You in Far-Off Places / What She Said / Oboe Concerto / Irish Blood, English Heart

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