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Morrissey (2017) © BMG

Morrissey, Englands wichtigster Indie-Songschreiber der Neuzeit, kündigt für November nach vielen Spekulationen ein Album mit brandneuem Material an. Wir haben die bisher bekannten Fakten für euch zusammengestellt.

Morrissey hat wieder ein Label! BMG hat es gewagt, dem unverbesserlichen Mann aus Manchester ein eigenes Label mit Namen "Etienne Records" einzurichten und dort die erste neue Studioplatte seit Sommer 2014 zu veröffentlichen.

Die bisher bekanntesten Facts

"Low in High-School" entstand 2017 im Rahmen von Sessions in den La Fabrique Studios in Frankreich sowie in den römischen Forum Studios, die kein Geringerer als Ennio Morricone sein Eigen nennt.

Als Produzent fungierte Joe Chiccarelli, der auch beim Vorgänger "World Peace Is None Of Your Business" an den Reglern saß und unterschiedlichste Künstler wie Frank Zappa und The Killers betreute. Morrissey hat sich bei den Aufnahmen seiner etablierten Tourband bedient, die neben den Gitarristen und Hauptsongschreibern Jesse Tobias und Martin "Boz" Boorer sowie dem Bassisten Mando Lopez auch Schlagzeuger Matt Walker und Multi-Instrumentalist Gustavo Manzur umfasst.

Politische Melodie

BMG ließ zum Inhalt der Platte verlauten: "Morrissey's talent for combining political statements and melodies is more prevalent than ever on 'Low in High-School', capturing the zeitgeist of an ever-changing world”. BMG Sprecher Korda Marshall legte nun nochmals verheißungsvoll nach: "It’s a beautiful collection of songs. He’s on really good form. The band are absolutely on fire. It’s tremendously exciting. We are just coordinating all the plans for this autumn. There are going to be some more American tour dates announced. It’s an amazing album." 

Und als wenn das nicht Lob genug wäre: "In all my years working in music, it’s the strongest collection of songs that I’ve ever been involved with – I wouldn’t say that lightly. He’s spent a lot of energy and emotion making the record. He’s very excited about it. He’s really looking forward to going out and playing the songs."

Große Fangemeinde

"Low in High-School" erscheint am 17. November 2017 als CD, farbig-limitiertes Vinyl, Download und limitierte Musikkassette. Zu den Veröffentlichungsfeierlichkeiten sind im Moment am 10. und 11.11.2017 zwei Livekonzerte im Hollywood Bowl in Los Angeles mit Billy Idol (!) als Support angesetzt.

Frühkonzertbucher konnten die Vinylplatte bereits im Bundle mit den Konzertkarten erstehen. Die Straßenausfahrt zum "Hollywood Bowl" wurde jetzt von Fans zusätzlich mit dem Banner "Morrissey" versehen. Die Vorfreude der Fangemeinde, speziell in Amerika, ist riesengroß.

Die Jahre seit "WPINOYB"

Morrissey tourte mit "World Peace Is None Of Your Business" fast zweieinhalb Jahre rast- und ruhelos durch die gesamte Welt. Dabei bildeten die damals neuen Stücke immer den Löwenanteil der Konzerte. Alleine in Deutschland gastierte er zwischen 2014 und 2016 insgesamt sechsmal.

Nur von wenigen Fans wurde "WPINOYB" als wirklich großer Wurf im Gesamtwerk der Indie-Ikone angesehen. Bei den Konzerten (Berichte aus Neu-Isenburg und Berlin) erwiesen sich die neuen Stücke auch nicht wirklich als "Crowdpleaser". Der Ruf nach neuem Material wurde zwischen den einzelnen Tourabschnitten stetig lauter.

Die Suche nach einer neuen Plattenfirma

Die Veröffentlichungspolitik und Künstlerbetreuung vom Label Harvest endete im völligen Zerwürfnis mit dem Künstler, dem am Ende nicht einmal mehr das Cover in dem Kram passte. Er habe Material für zwei neue Platten beisammen, aber es fände sich keine adäquate Plattenfirma, die ihn so präsentieren wolle, wie es ihm als Künstler zustehe, lamentierte Morrissey öffentlich.

Über sein aktuell inaktives Online-Sprachrohr truetoyou.net ließ er stets verlauten, wann und wie schnell Konzerte ausverkauft seien, besonders dann, wenn es sich um mittelgroße amerikanische Konzerthallen handelte. Sein Gesundheitszustand nach der mysteriösen Krebsdiagnose 2013 und deren Behandlung blieb leidlich stabil, allerdings sah er auf der Bühne deutlich mitgenommen aus. Die Aura blieb indes ungebrochen, obwohl Konzerte immer wieder abgesagt werden mussten.

Anzeichen und Widrigkeiten

Dazu kam, dass sein kongenialer Ex-Songwritingpartners Johnny Marr in seiner Autobiographie Morrissey zudem noch die Schuld für eine verpasste The Smiths Reunion im Jahr 2009 gab, zu der Marr offensichtlich zu den Konditionen seines Ex-Sängers bereit gewesen wäre. Dieser schmollte und behielt seinen Kurs bei, keine größeren Interviews mehr zu geben.

Doch zu Beginn des Jahres 2017 sickerten Informationen von Studioaufenthalten in Rom durch. Boz Boorer hielt auf seiner Facebook-Seite grinsend eine The Smiths-Single in die Kamera, die zum Record Store Day 2017 erschien. Bassist Lopez zeigte auf Twitter Bilder vom Packen seiner Gerätschaften. Morrissey posierte vor einer Pizzeria.

Dann der Aufreger: Morrissey bekam Stress mit der italienischen Polizei, weil er zu schnell mit dem Pkw in die falsche Richtung einer Einbahnstraße fuhr. Er betrachtete den Vorfall als Nötigung von Seiten der römischen Polizei – ein Gerichtsverhandlung ist nicht ausgeschlossen. Schließlich twitterte Joe Chiccarelli über seine Produktionsarbeiten in Frankreich und zeigte sogar einen Titel namens "All The Young People", den er gerade mixte.

Was ist von "Low in High-School" zu erwarten?

Nun also die Gewissheit: Kurz nach dem monströsen Reissue zum 31-sten (!) Geburtstag von "The Queen Is Dead" wird tatsächlich eine neue Platte des ehemaligen The Smiths-Sängers erscheinen. Als wäre die zeitliche Veröffentlichungsnähe zum The Smiths-Meisterwerk nicht schon unheilvoll genug, betitelt Morrissey die Platte auch noch mit dem in Großbritannien unüblichen Ausdruck "High-School". Auch der unübliche Bindestrich in "High-School" gibt Rätsel auf.

Gerade von dem Mann, der die englische Sprache wie kein Zweiter in die moderne Indie-Kultur einfließen ließ, der Oscar Wilde in den 1980ern auch den größten Lesemuffeln näher gebracht hatte, hätte man dies nicht erwartet. Oder doch? Die Abneigung gegen seine hassgeliebte Heimat nahm in den letzten Jahren obskure Züge an und endete darin, nicht mehr in England auftreten zu wollen.

In der Heimat ist es kompliziert

Diese Entscheidung revidierte er freilich 2016 mit einem vielumjubelten Manchester-Konzert wieder. Für Anfang Oktober hat er einem kurzen Livekonzert in den Londoner Maida Vale Studios für die BBC zugestimmt, das wohl die Weltpremiere des neuen Materials darstellen dürfte. Trotzdem: Morrissey hat sich schon länger zum Weltreisenden ohne Heimat entwickelt.

Seine letzten Platten nahmen zunehmend exotische Einflüsse auf, was bei den Fans nicht unbedingt auf Begeisterung stieß. Alte musikalischen Stärken und Subtilitäten traten in den Hintergrund, stattdessen herrschten krachig-metallischer Rock und lateinamerikanische Einflüsse vor – und das mit durchaus fragwürdigen musikalischen Ergebnissen.

Fazit und Hoffnung

Es bleibt zu hoffen, dass Morrissey mit der neuen Scheibe wieder an alte musikalische Großtaten anknüpfen kann und mehr durch starke Songs überzeugt als durch krude Internet-Kommentare, die leider in den letzten Jahren sein öffentliches Erscheinungsbild bei vielen neutralen Hörern geprägt haben. Der Rest bleibt bis zum Erklingen des ersten Songs im Moment Spekulation.

Have a go Morrissey!

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