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Morrissey (live in Berlin 2017) © Linus Dessecker

Morrissey liefert im Berliner SchwuZ Club ein sensationelles Konzert ab, bei dem er seine neue Studioplatte "Low In High School" vorstellt.

Es war eine kleine Sensation als durchsickerte, dass Morrissey in Berlin ein Exklusivkonzert mit Direktübertragung des Fernsehsenders ARTE spielen würde. Nur über Gästelistenplätze wurden rund 400 Leute Zeuge, wie ein blendend gelaunter Steven Patrick Morrissey mit Band und größtmöglicher Spielfreude ein knapp 70-minütiges Set in intimer Clubatmosphäre absolviert und damit bei vielen älteren Fans Erinnerungen an sein erstes Berlin Konzert 1991 im Metropol weckt.

Nach internationaler Berliner-Begrüßung der glücklichen Morrissey Fans aus dem In- und Ausland, betritt dieser unter Riesenapplaus die kleine Bühne des Kultclubs der Berliner Queer-Community. Mit "Alma Matters" stellt er gleich eine seiner größten Singalong-Hymen aus dem Jahr 1997 monolithisch an den Anfang seines Sets. Bei "Alma Matters in mind, body and soul" begleitet ihn das ganze SchwuZ lauthals beim Refrain und streckt ihm rituell die Hände entgegen

Live-Kostproben von "Low In High School"

Mit "I Wish You Lonely" serviert der Meister gleich einen der stärksten neuen Songs vom demnächst erscheinenden 11. Soloalbum nach dem Smiths-Aus 1987. Drängend und fordernd geht das Stück nach vorne und Morrissey verteilt "schlechte Wünsche" an die üblichen Verdächtigen. Von den insgesamt sechs neuen Stücken besticht besonders die gravitätische Ballade "Home Is A Question Mark" mit alter lyrischer Brillanz und der nötigen musikalischen Tiefenschärfe.

Auch das ungewöhnliche "All The Young People Must Fall In Love", das mit amerikanischen Gospel- und Barrelhouse Blues-Einflüssen musikalisch neue Wege geht, wird frenetisch gefeiert. Die neuen Songs kommen an. Und so zeigt sich der Mann aus Manchester in Geberlaune. Er bietet den Anwesenden und Fans zuhause am Bildschirm sogar die Weltpremiere von "My Love, I'd Do Anything For You", dem stampfenden und Bläser-verstärkten Opener der kommenden Platte.

Die schlechte Chartsplatzierung, der von vielen erwarteten neuen Single "Spent The Day In Bed" kommentiert er etwas voreilig zynisch mit "England, as always right behind me". Einen Tag später sollte die Single auf Platz 34 der UK Charts klettern. Eine gute Single-Platzierung ist für Morrissey im Jahr 2017 immer noch so wichtig wie in den 80s.

Das Phänomen der Ikone Morrissey

Der 58-Jährige schüttelt in der ersten Reihe so viele Hände wie selten zuvor auf deutschem Konzertboden. Morrissey ist seinem Publikum dieses Mal näher als noch ein Jahr zuvor bei seinem von der Krebserkrankung gezeichneten Konzert im Tempodrom. Er gerät mit Zuschauern fast schon in einen Plausch, wohlwissend, dass zahllose Kameras um ihn herum jede Geste und Kommentar zeitgleich in das Netz transportieren.

Morrissey spielt in Berlin mit seinem Publikum, das zu den treusten und hingebungsvollsten überhaupt zählt. Viele warten schon seit Stunden vor dem Club um die begehrten Plätze in der ersten Reihe zu ergattern und sich somit die Chance auf eine Berührung ihrer Ikone zu wahren. Er gibt das Mikrofon in die erste Reihe an überforderte "Jünger", die ihm Liebesschwüre entgegenbringen oder die AfD geißeln.

Das lässt ihn natürlich als "wenig progressiv" unbeeindruckt. Morrissey spielt damit ein Spiel, das er erfunden hat und das nur er gewinnen kann. Es zeigt aber auch perfekt die ambivalente Beziehung zu seinem Publikum. Der schmale Grat zwischen absoluter Nähe ("I have so many friends") beim abschließenden Händeschütteln aber auch Distanz. Männer wie auch Frauen verzehren sich förmlich immer noch nach ihm und doch bleibt er unerreichbar.

Die letzten Alben

Morrissey verzichtet bis auf „Speedway“ nahezu komplett auf frühes Solomaterial. Die Band um Urgestein Martin "Boz" Boorer rockt gewohnt hart, stürzt sich aber hingebungsvoll in "I Am Throwing My Arms Around Paris". An drei "World Peace Is None Of Your Business" Stücken hält Morrissey immer noch trotzig fest, wobei insbesondere der an The Smiths erinnernde Toreroalptraum "The Bullfighter Dies" die Fans ein lautes "Hooray" skandieren lässt. 

The Smiths & The Pretenders zum Finale

Seine Ex-Band ist immer noch präsent und deren frühes, fleischloses Manifest "Meat Is Murder" funktioniert dieses Mal auch ohne Schlachthausvideos, alleine durch Gitarrist Jesse Tobias Imitation der kreisenden Kettensäge, die Johnny Marr 1984 so kongenial hinzufügte. Morrissey sitzt fassungslos am Boden und lehnt gegen die schroffe Mauer des ehemaligen Industriebaus. Für jeden daheim am Screen und fast jeden im Club sichtbarer, echt-gelebter Welt- und Menschenekel.

Die Morrissey-Vertraute Chrissie Hynde hat sicherlich Freude am famosen Cover ihres Pretenders-Hits "Back On The Chain Gang". Der klang 1982 wie eine Blaupause für spätere The Smiths-Singles und lässt Jingle-Jangle Gitarren jubilieren. Morrissey interpretiert den Song unnachahmlich, als wären die Zeilen für ihn geschrieben. Dies bildet gleichzeitig einen großartigen Abschluss für ein außergewöhnliches Morrissey-Konzert, das in dieser Intimität so schnell nicht wiederkommen wird und das große Hoffnungen für die neue Studioplatte weckt.

Setlist

Alma Matters / I Wish You Lonely / Speedway / I'm Throwing My Arms Around Paris / Istanbul / Spent The Day In Bed / Home Is A Question Mark / My Love, I'd Do Anything For You / World Peace Is None Of Your Business / The Bullfighter Dies / All The Young People Must Fall In Love / When You Open Your Legs / Meat Is Murder / Back On The Chain Gang

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