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Morrissey (live in Neu-Isenburg, 2015) © Achim Casper

10 Monate nach seinen drei Deutschlandkonzerten zur aktuellen Platte "World Peace Is None Of Your Business" gastiert der rastlose Mancuian in der Neu-Isenburger Hugenottenhalle und liefert eine souveräne Performance ab, allerdings mit wenigen Nuancen. Ein Leistungsnachweis seines Könnens, ohne große Mühe oder Risiko!

Es sind wieder mal harte Zeiten für Steven Patrick Morrissey. Ein neuer Plattenvertrag ist nicht in Sicht, England hat er nach einem vielumjubelten Gig im altehrwürdigen Hammersmith Apollo konzertechnisch den Rücken gekehrt und sein krudes Literatur-Debut "List of the lost" wird von den britischen Medien unisono als Komplettausfall belacht. "Stick to your profession" rief man ihm dort noch höhnisch nach! Morrissey entgegnet ihnen mit der Performance des raren 1995er Songs "Reader Meet Author".

Eine weitere Tournee

Seinem Hauptberuf kommt er dann auch wieder nach und fügte einer Reihe von endlosen Konzerten nochmals eine kleine Europatournee hinzu, bevor es später im Jahr noch nach Lateinamerika geht. Morrissey gönnt sich keine Pause. Als ob es kein Morgen gäbe, betourt er die hintersten Winkel dieses einsamen Planeten und vergisst dabei sich mehr Zeit für memorablere Platten als die letzten 2-3 zu nehmen.

Diese werden von den Altfans bestenfalls als akzeptabel betrachtet. Auf gut gemeinte Ratschläge hat der irische Querdenker aber noch nie gehört. An seiner aktuellen Band hält er seit längerem trotzig fest und diese bietet erneut metallischen, muskulös-scheppernden Breitwandrock mit Fokus auf der letzten Platte. Der Titelsong, "Staircase Of The University", der Singalong "Kiss Me A Lot" und das an The Smiths erinnernde "The Bullfighter" werden aber durchaus positiv aufgenommen.

Nah am Zeitgeschehen

Die aktuelle Flüchtlingskrise könnte Morrissey veranlasst haben, den Opener seines 2006er Albums "Ringleader Of The Tormentors" wieder in sein Programm aufzunehmen. Gleich nach dem eher mittelmäßigen "Istanbul" vom aktuellen Album vertieft er damit nochmals die Probleme im generellen Umgang mit Fremdem und kritisiert die USA.

Dass es dem Vegetarier ernst ist mit dem Tierschutz machen nicht nur die massiven PETA-Stände im Foyer deutlich sondern natürlich auch wieder das The Smiths-Stück "Meat is Murder" im Mittelteil der Show.  Ein grausames Manifest mit Begleitvideo von Tierschlachtungen. Die ansonsten euphorische Stimmung beim Frankfurter Publikum ist hier wie eingefroren. Fassungslos können die meisten gar nicht hinsehen, während Morrissey den Finger in die Wunde legt: "Because your are to busy to care".

Die wahren Hits

Auch wenn es sich abgedroschen anhört: Die größte Resonanz in der mit 1.000 Zuschauern nicht ganz gefüllten Hugenottenhalle erzielen die wirklichen Klassiker. Egal ob "Suedehead", "Everyday Is Like Sunday" von der ersten Soloplatte "Viva Hate" oder die The Smiths-Kracher "What She Said/Rubber Ring" und "The Queen Is Dead" als krönende Zugabe: Der Saal singt aus vollen Kehlen mit. Überall sieht man glückliche Gesichter, die Morrissey ihre Hände entgegenstrecken. Es sind Indie-Evergreens wie sie heute von keiner Band/Künstler mehr hervorgebracht werden, mit musikalischer Tiefenschärfe und lyrische Finesse.

Mit "I Am Throwing My Arms Around Paris" zeigt Morrissey aber auch, dass er in späten Jahren noch einen unwiderstehliche Zweinhalbminüter formulieren kann, der größtmögliche Publikumswirkung an diesem Abend erzielt. Kritische Töne müssen aber auch in Bezug auf "Speedway", einem Schlüsselsong seines wohl bis heute besten Albums "Vauxhall and I" aus dem Jahr 1994 erlaubt sein. Eher unfokusiert und mit Instrumentenwechsel aller Musiker nach dem Break verliert der famose Song etwas an seiner Größe und Bedeutung und verwandelt sich in ein Kuriosum.

Keine Atempause, aber Raritäten

Morrissey hält während des Konzerts den Spannungsbogen permanent am Limit und verzichtet ungewohnterweise auf den obligatorischen Showstopper, den er sonst immer im Köcher hat. Kenner seines Soloschaffens kommen mit den raren Darbietungen der unterschätzten 97er Single "Alma Matters" und "Boxers", einem Singlejuwel aus dem Jahr 1995 auf ihre Kosten, als Künstler tatsächlich noch one-off Singles ohne dazugehörige Alben auf den Markt brachten.

Der Jingle-Jangle vom bis heute kaum zu ersetzenden damaligen Songwritingpartner Alain Whyte um das Drama des vor heimischer Kulisse verlierenden Boxchampions. Ein britisches Kitchensink-Drama, wie es Morrissey in seiner Karriere so oft und so unvergleichlich gelang.

Morrissey als Fels in der Brandung

Morrissey selbst ist gesanglich in Topform und singt die alten Lieder als seien sie nicht teilweise 30 Jahre alt. Er schüttelt wie immer zahllose Hände, schwankt zwischen Zuneigung und Distanz und hält sich mit Ansagen bedeckt. Nach 1 Stunden und 20 Minuten ist das Ritual vorbei.

Der Sänger wirft unter dem Jubel der Zuschauer sein Shirt in die Menge und tritt von der Bühne. Umgehend geht das gleisend helle Saalicht an und Klaus Nomi begleitet die Gäste hinaus. Am Ende hat er sie doch fast alle wieder auf seiner Seite, die Zweifler und Grantler. Ohne ihn würde in der heutigen Musiklandschaft ein wichtiger Monolith fehlen."The importance of being Morrissey" eben.

Setlist

Suedehead / Speedway / Ganglord / Alma Matters / Kiss Me a Lot / Istanbul / I'm Throwing My Arms Around Paris / Oboe Concerto / One of Our Own / The Bullfighter Dies / World Peace Is None of Your Business / People Are the Same Everywhere / Staircase at the University / Everyday Is Like Sunday / I Will See You in Far-Off Places / Boxers / Meat Is Murder / What She Said // The Queen Is Dead

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