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Marillion (live in Frankfurt 2018) © Torsten Reitz

Über zwei Stunden lang liefern die Progressive Rock-Veteranen Marillion in der ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle ein ausgewogenes Programm ab, das bei ihren Fans für musikalische Hochgefühle sorgt.

Im Progressive Rock-Bereich gibt es nur wenige langlebigere Formationen als Marillion. Seit über 35 Jahren sind die Mannen um Gitarrist Steve Rothery und Keyboarder Mark Kelly in beinahe unveränderter Besetzung unterwegs und eilen damit unermüdlich von Klassiker zu Klassiker ihres Genres.

Waren die Anfangsjahre mit Frontmann Fish und Werken à la “Misplaced Childhood“ noch vom melodiebetonten Neo Prog-Sound der 1980er geprägt, so schlugen die Briten nach dem Einstieg von Steve Hogarth als Sänger 1988 einen neuen Weg hin zum atmosphärischen Artrock ein.

Keine Angst vor Live-Auftritten

Unter letzterer Kategorie lässt sich auch das 2016 erschienene Album “F E A R (Fuck Everyone And Run)“ einordnen, mit dem Marillion seitdem gefühlt ständig durch die Lande ziehen. Ihr Auftritt in der gänzlich ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle stellt dabei den Auftakt zu einer herbstlichen Hallentour durch Europa dar, in deren Fokus zwar die aktuelle Platte steht, die sich aber nicht darauf beschränken möchte. Denn das Quintett hat es sich diese Shows ein ausgewogenes Set aus Meilensteinen der Hogarth-Ära und ihrem neueren Material auf die Fahne geschrieben.

Familienband(e)

Der Einstieg in den Abend geht im wahrsten Sinne des Wortes familiär vonstatten. Saitenhexer Steve Rothery betritt zunächst die Bühne und kündigt kurz seine Tochter Jennifer an. Die Sängerin gibt gemeinsam mit Riccardo Romano, dem Keyboarder aus der Soloband ihres Vaters, etwa eine halbe Stunde lang ein paar ruhige, atmosphärische Nummern aus ihrem eigenen Repertoire zum Besten.

Den Fans in der Jahrhunderthalle gefällt offenichtlich der gediegene Einstieg in den kalten Novemberabend: Das Duo erhält sehr wohlwollenden Applaus von den komplett bestuhlten Rängen.

Gekommen, um zu bleiben

Während andere Gruppen ihre Auftritte gerne mit kurzen, knackigen Nummern beginnen, sind Marillion in dieser Hinsicht ein völlig anderes Kaliber. Sie betreten mit dem schlappe 19 Minuten dauernden Longtrack “The Leavers“ die Bühne, nach dessen Ende sie bereits von ihrem gebannt lauschenden Publikum gefeiert werden.

Als Kontrastprogramm und eine Art „Verschnaufpause“ gibt es im Mittelteil des Frankfurter Konzerts einige für ihre Verhältnisse kürzere, beinahe schon kommerzielle Nummern à la “No One Can“, “Seasons End“ und “Living In F E A R“.

Gelungenes Gesamtkonzept

Marillion wissen, wie man Spannung aufbaut. Denn die Dramaturgie des epischen Einstiegs mit anschließender Entspannungsphase funktioniert prächtig. Das liegt nicht zuletzt an Frontmann und Multiinstrumentalist Steve Hogarth, der nicht nur stimmlich, an den Tasten und an den Saiten zu überzeugen weiß, sondern auch als Entertainer. Er ist ständig auf der Bühne unterwegs und sorgt zudem mit kurzen, aber erheiternden Ansagen zwischen den Stücken für Lacher, während seine eher statisch agierenden Bandkollegen hinter ihm für eine tighte, glasklar klingende Soundkulisse sorgen.

Beinahe perfekte, seltsame Maschine

Da fällt es dann kaum ins Gewicht, dass Keyboarder Mark Kelly beim ausufernden “This Strange Engine“ ein kleines Malheur passiert. Band wie Zuschauer nehmen den Fauxpas mit Humor und sehen völlig entspannt darüber hinweg. Über den restlichen Abend hinweg präsentieren sich Marillion nämlich in praktisch makelloser Bestform.

Mit “El Dorado“ und “Neverland“ sind zwei der drei finalen Nummern einmal mehr Longtracks, die mit Hilfe des kurzen, knackigen “Cover My Eyes (Pain & Heaven)“ aus dem Hogarth-Frühwerk zusammengehalten werden.

Keine Alterserscheinungen

In der Progressive Rock-Szene genießen die Briten, zu denen auch Transatlantic-Basser Pete Trewavas und der früheree Steve Hackett-Drummer Ian Mosley gehört, echten Kultstatus. Bei ihrem Auftritt in der Frankfurter Jahrhunderthalle beweisen Marillion erneut, warum sie diesen Ruf nicht zu Unrecht innehaben.

Wer sich auf die oftmals langen, atmosphärischen Stücke der Band einlässt, wird mit einem Klangerlebnis in Perfektion belohnt. Die fünf Engländer mögen äußerlich zwar gealtert sein. In dieser musikalischen Verfassung dürfen sie aber gerne noch lange weitermachen.

Setlist

The Leavers: I. Wake Up In Music – II. The Remainers – III. Vapour Trails In The Sky – IV. The Jumble Of Days – V. One Tonight / No One Can / Seasons End / Beautiful / Living In F E A R / The Party / Out Of This World / Quartz / This Strange Engine // El Dorado: I. Long-Shadowed Sun – II. The Gold – III. Demolished Lives – IV. F E A R – V. The Grandchildren Of Apes // Cover My Eyes (Pain & Heaven) / Neverland

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