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Reeperbahn Festival (Hamburg, 2018) © Falk Simon

Das Reeperbahn Festival 2018 überfordert mit 600 Bands in mehr als 80 Locations die Besucher und lädt sie gerade dadurch ein, sich vier Tage ins Musikleben rund um den Hamburger Kiez zu stürzen.

Hamburg im September. Friedlich sitzt der Michel auf seiner Anhöhe über der Elbe, der Wind treibt Wolkenfetzen am Mond vorbei. In Hamburgs bekanntester Barockkirche St. Michaelis treten im Rahmen des Reeperbahn Festivals 2018 Okkervil River auf.

Nachdem Will Sheff seine Band von der Bühne verabschiedet hat, lässt er schließlich auch das Mikrofon im Altarraum zurück. Gemächlichen Schrittes flaniert der Sänger und Gitarrist den Mittelgang entlang, singend, Gitarre spielend, die Augen halb geschlossen, mit messiasgleicher Bart- und Haarlänge. Dass Sheff nicht Jesus ist, verdeutlicht vor allem sein rotbrauner Seventies-Anzug.

Kaum zu überschauen

Einen solch beseelten Kontrast zu dem knochentrockenen Krautrock-Metal der Band Odd Couple, zu deren Klängen man sich gerade im anderthalb Kilometer entfernten Rockclub Knust hat durchschütteln lassen, erlebt man bei Deutschlands größtem Clubfestival beinahe stündlich – und das am besten spontan. Wie so oft eine Lektion des Reeperbahn Festivals: Pläne sind dazu da, so oft wie möglich über Bord geworfen zu werden.

Die 13. Ausgabe des Festivals, das 2006 als überschaubares Drei-Tage-Event begann, hat sich zu einer überwältigenden Veranstaltung mit 45.000 Besuchern an vier Tagen entwickelt. 600 Konzerte von rund 450 zumeist wenig bekannten Bands, Musikfilme und Ausstellungen (darunter die lohnende Werkschau des Beatles-nahen Musikers und Grafikers Klaus Voormann) bilden den Kern des Festivals, während die begleitende Reeperbahn Konferenz mit 300 Sessions und Netzwerk-Events zu einem der wichtigsten Branchentreffen weltweit herangewachsen ist.

Nur nicht in Panik geraten

Die hoffnungslose Überforderung angesichts der Masse an Veranstaltungen ist so etwas wie die Philosophie dieses Festivals. Man begegnet ihr am besten mit einem Achselzucken, ebenso den Einlassstopp-Meldungen, die es per App hagelt. Wer zum Electro-Disco-Funk von Whomadewho durch die Große Freiheit 36 hüpfen will, muss sich eben zeitig in die Schlange einreihen.

Dies gilt umso mehr für den Überraschungsgig in der späten Freitagnacht. Das Progressive-Rock-Trio Muse hat tags zuvor angekündigt, weltweit erstmals sein neues Album aufzuführen – im gerade einmal 1300 Personen fassenden Docks. Für das Konzert um 23 Uhr stehen Fans schon mittags an und lassen sich auch von den Kapriolen des norddeutschen Wetters nicht beirren: Orkanböen führen am frühen Nachmittag zu einer Unterbrechung des Programms auf allen Open-Air-Bühnen.

Neo-Soul etwas zu routiniert

Bei frostigen 14 Grad locken Indoor-Locations wie das ehemalige Kino Docks, wo am Mittwoch die englische Band Jungle auftritt. Bis vor kurzem war das Septett, das abwechselnd an Prince und Daft Punk erinnert, noch ein Geheimtipp, jetzt füllt es die größte Club-Location des Festivals.

Die Bässe federn sommerleicht, die Songs sind brillant arrangiert, doch der Klang ist zu glatt und die Vocals klingen so perfekt, als bestünden sie aus vorab aufgenommenen Gesangsspuren. Auch die beeindruckende Lightshow kann nicht über einen eher routinierten Auftritt hinwegtäuschen.

Auf Erfolgskurs

Mehr Bewegung im Publikum, wenngleich in kleinerem Format, bietet der ausverkaufte Donnerstag. Stereo Honey haben einen Bandnamen, der nach Mainstream schreit, und auch der Auftritt des Londoner Quartetts verdeutlicht, dass sich da jemand größere Hallen zum Ziel gesetzt hat als den Kaiserkeller mit seiner 400er-Kapazität.

Sänger Pete Restrick hat die Körperspannung und die Ausstrahlung, um auch deutlich eindrucksvollere Bühnen zu füllen. Sein Falsett-Gesang a la Thom Yorke paart sich mit einem zackigen New-Wave-Sound, der sich irgendwo zwischen den frühen Coldplay und Joy Division bewegt und mit genügend Härte und Melodie daherkommt. Diese Mischung dürfte 2019 noch für Furore sorgen, wenn die Band ihr Debütalbum veröffentlicht.

Gleich zwei Acts gewinnen den Anchor

Stereo Honey hätten auch ein Kandidat für den Anchor sein können. Den internationalen Talentpreis des Reeperbahn Festivals gewinnen mit den beiden (zufällig) belgischen Acts Tamino und Faces on TV erstmals zwei Bands – die Jury konnte sich nicht auf einen Sieger einigen.

Dort stimmt im Übrigen das in zahlreichen Talks thematisierte Geschlechter-Verhältnis: drei Frauen, darunter Linda Perry (4 Non Blondes) und Skye Edwards (Morcheeba), stehen zwei Männern gegenüber.

Ane Brun und der Kampf gegen die Müdigkeit

Wo tags zuvor noch Okkervil River mit ihrer Version des karibischen Folksongs "Sloop John B" begeisterten, beschließt Ane Brun am Samstagabend das Reeperbahn Festival. Die norwegische Singer/Songwriterin spielt im Michel ein getragenes, schwermütiges Set in Begleitung von Piano und Streichquartett. Bruns Cover-Versionen ("Big in Japan", "Unchained Melody") sind grandios, ihre durchdringende Stimme erreicht noch das letzte vergoldete Ornament unter dem 27 Meter hohen Kirchendach.

Doch es ist der letzte Festivaltag, und die Uhr zeigt bereits Mitternacht. "Seid ihr noch wach?" ruft Brun in die Oberränge, und wirklich dämmern dort manche im Halbschlaf dahin. Die Kontraste, sie haben in ihrem 90-Minuten-Set einfach gefehlt. Beseelt geht man dennoch nach Hause, beschienen vom Hamburger Septembermond.

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