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Powerwolf (live in Karlsruhe, 2017) © Beatrix Mutschler

Die 10. Auflage des Knock Out Festivals in Karlsruhe überzeugt auf ganzer Linie. Bei den Auftritten von Powerwolf, Hammerfall und Doro herrscht beste Stimmung in der ausverkauften Schwarzwaldhalle.

Als pünktlich um 17:00 Uhr das Knock Out Festival in der Karlsruher Schwarzwaldhalle mit einer Moderation von Axxis-Sänger Bernhard Weiß beginnt, haben sich bereits erstaunlich viele Metalheads vor der Bühne eingefunden.

Eröffnung mit einem Urgestein

Das liegt vermutlich daran, dass Metal-Urgestein Mat Sinner, der seine Band bereits Anfang der 80er Jahre gründete, ein ganz schönes Kaliber für einen Opener ist. Der erste Song "Comin' Out Fighting" ist direkt eine Ansage, und der routinierte Stuttgarter Haudegen heizt dem Publikum ordentlich ein.

Ob Karlsruhe Bock auf Rock'n'Roll hat, möchte Mat Sinner im Anschluss gerne wissen – und ja, Karlsruhe hat eindeutig Bock. So werden Songs wie das neue "Tequila Suicide", "Knife in My Heart" ("Wahre Schtory!") und "Germany Rocks" gebührend abgefeiert. Da das Festival genaustens durchgetaktet ist, müssen die zahlreichen Zugabe-Rufe jedoch leider unerhört bleiben.

Explosive Show von Kissin' Dynamite

Was Kissin' Dynamite in Karlsruhe zum Besten geben, hat sich wirklich gewaschen. Dem begeisterten Publikum, das sie schon beim Intro unter Jubel empfängt, hauen die fünf jungen Schwaben mit Songs wie "Highlight Zone", "DNA" oder "Sex Is Raw" eine Mitgröhlhymne nach der anderen um die Ohren.

Sänger Hannes Braun, gerade einmal Mitte 20, zeigt dabei so ziemlich alle Qualitäten auf, die man sich als Frontmann nur wünschen kann: starke Bühnenpräsenz, sympathische Ausstrahlung und vor allem eine kratzige Rockstimme, die er auch bei den höchsten Schreien, wie etwa am Ende von "Money, Sex and Power" oder "Hashtag Your Life", jederzeit unter Kontrolle hat.

Gesangstechnisch bietet er damit an diesem Abend die vermutlich anspruchsvollste Leistung. Da verzeiht man der deftig rockenden Band auch die eine oder andere kleine rhythmische Unsicherheit.

Audienz bei der Königin

Als Metal Queen Doro Pesch die Bühne betritt und mit "Raise Your Fist" vom gleichnamigen 2012er Album die Show eröffnet, wird schnell klar, dass sie Ihre willigen Untertanen mühelos im Griff hat. Unglaublich, mit welcher Energie die 53-jährige über die Bühne wirbelt, unablässig eine Faust in die Höhe gereckt oder beide Arme beim Headbangen gen Publikum ausgestreckt.

Es folgt eine Show, die erwartungsgemäß vor allem aus einem Best-Of ihrer Zeit mit der Band Warlock in den 80er Jahren besteht.

Voller Einsatz

Wie am heutigen Abend zu hören, hat die Stimme der Queen of Metal selbst nach über 34 Jahren auf der Bühne aber auch gar nichts eingebüßt. Mit voller Kraft röhrt die gebürtige Düsseldorferin Klassiker wie "I Rule The Ruins", "Fight For Rock" oder "East Meets West".

Nicht einmal die Songansagen werden gesprochen, sondern viel eher leidenschaftlich geschrien. Spätestens bei dem deutsch-englischen Schmachtfetzen "Für immer" wird schließlich auch in den hinteren Reihen der Schwarzwaldhalle fleißig mitgesungen.

Bitte wie meinen?

Leider fühlt man sich zu Beginn jedoch auf unangenehme Weise auch klanglich in die 80er zurückversetzt: So haben die bei Solos damals typischen aufheulenden, effektbeladenen Gitarren ganz im Gegenteil zum Bass leider zu wenig Druck – offensichtlich soll die Stimme Doros ganz im Vordergrund stehen.

Die ertrinkt jedoch leider zunächst in so viel Hall, dass man Doro kaum versteht, insbesondere wenn sie während der Songs etwas ruft und dabei auch noch Deutsch und Englisch vermischt. Glücklicherweise wird hier jedoch während der Show deutlich nachgebessert.

Aus Kitsch wird Ernst

Auch wenn ein Song wie die Wacken-Hymne "We Are the Metalheads" natürlich einen hohen Kitschfaktor besitzt, überzeugt er am Ende dann irgendwie doch – ganz einfach dadurch, dass Doros Leidenschaft unmittelbar auf das Publikum überschwappt.

Völlig zum Ausrasten bringt das Publikum interessanterweise ausgerechnet das Judas Priest-Cover "Breaking the Law", das in der Doro-Version zunächst als stimmungsvolle Ballade beginnt, bevor es auf einmal ordentlich losgeht. Sogar im hinteren Bereich der Halle bilden sich dabei kleine Moshpits.

Zuletzt gibt die sympathische "Lady in Rock", natürlich unter starker Publikumsbeteiligung, den großen Warlock-Hit "All We Are" zum besten, bevor mit dem Doro/Lemmy-Duett "It Still Hurts", das vom Band läuft, ihr verstorbener Freund geehrt wird.

Hector wird 20

Zu Beginn des Auftritts von Hammerfall verkündet Sänger Joacim Cans, man werde trotz des 20-jährigen Jubiläums des erfolgreichen Debütalbums "Glory To The Brave", das 1997 in die Metal-Welt einschlug wie eine Bombe und dem totgesagten traditionellen Heavy Metal zu neuem Leben verhalf, nicht das ganze Album rauf und runter spielen. Schließlich habe man erst 2016 das neue Album "Built to Last" veröffentlicht.

Hier könnte man natürlich einwenden, dass Hammerfall heute Abend irgendwie trotzdem ständig ein bisschen "Glory to the Brave" spielen: Größere stilistische Kurswechsel sind bei der Band nicht auszumachen, und auch anno 2017 geht es textlich vor allem darum, vereint und mutig für oder gegen irgendetwas zu kämpfen.

Anders? Hammer nicht!

Auf keinen Fall fehlen darf dabei natürlich der "hammer", der auch in der Schwarzwaldhalle abwechselnd mal "high" gen Himmel gestreckt wird ("Hector's Hymn", "Hammer High"), mal hernieder saust ("Dethrone and Defy", "Let the Hammer Fall").

Das kann man je nach Standpunkt entweder als einfallslos und kalkuliert oder als besonders "true" empfinden – eine Band die eben seit 20 Jahren ihr Ding durchzieht. Wie Cans auch dem Karlsruher Publikum im Song "Built to Last" verkündet: "We never give in".

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Fest steht jedoch, dass das Publikum, von Cans begrüßt als "Templars of Karlsruhe", an diesem Abend gekommen ist, um genau das zu hören. Hatte man bei Doro zuweilen noch etwas das Gefühl, der Veranstalter habe großzügige Beinfreiheit für die ausverkaufte Halle eingeplant, ist es mittlerweile auch hinten rappelvoll, als Hammerfall mit "Hector's Hymn" ihr Set eröffnen.

Irgendwie fast klar, dass Lead-Gitarrist Oscar Dronjak mit einer Gitarre in Form eines Hammers die Bühne betreten muss. Dessen richtig bratender Sound lässt dabei gleich zu Beginn jedes Metallerherz höher schlagen.

Hammer-Stimmung

Gleich bei der zweiten Hymne "Riders Of The Storm" zeigt das Publikum, wozu es eigentlich in der Lage ist, und wird bei den von Cans angestimmten "Oooh-oooh"-Chören so richtig laut – eine bombastische Stimmung, die während des gesamten Auftritts der Schweden nicht abreißen wird. Die Fans sind eindeutig genauso "true" wie die Templars of Steel selbst: Ungefähr 98 % des Publikums heben die Hand bei der Frage, wer Hammerfall bereits zuvor live gesehen hat.

Neben weiteren Hymnen wie "Blood Bound", "Renegade", und "Origins" gibt es auch immer wieder humorvolle Ansagen von Cans. So fragt der sympathische Sänger vor einem Instrumental-Medley aus Songs des Debütalbums die teilweise sehr jungen Fans, ob sie sich an das Jahr 1997 erinnern, und im Anschluss: "Were you even born in 1997?"

Hammer-Show?

Dennoch, verglichen mit Doros energiegeladener Show wirken Hammerfall auf der Bühne eher unauffällig – obwohl sich die Instrumentalisten zum Synchron-Headbangen aufreihen und Bandchef Oscar Dronjak wirkt als wäre er stolz wie, nun ja, Oscar, wenn er erhobenen Hauptes zwecks Backgroundgesang an das Mikro schreitet.

Zudem klingt Cans' Gesang zuweilen merkwürdig ausdruckslos, fast etwas gelangweilt. Bei all der "trueness" der Band scheint da doch ein wenig die Inbrunst zu fehlen.

Das Publikum juckt das jedoch offensichtlich nicht im Geringsten, und es feiert eine große Party, als Hammerfall für die Zugabe zurückkehren und mit "Hammer High", "Bushido" und natürlich "Hearts on Fire" noch einmal ordentlich Gitarrendampf machen. Trotz des Jubiläums gab es am Ende mit "When the Dragon Lies Bleeding" nur einen vollständigen Song von "Glory to the Brave" – Hammerfall machen eben ihr Ding.

Die Heilige Messe des Metals

Der Stundenzeiger bewegt sich bereits steil in Richtung Mitternacht, als die Co-Headliner Powerwolf nach längerer Umbaupause die Bühne betreten. Wer jedoch denkt, das Wolfs-Publikum sei zu diesem Zeitpunkt bereits ausgepowert, hat weit gefehlt: Gleich beim Opener "Blessed and Possessed" singen viele Zuschauer aus voller Kehle mit.

Sänger Attilas anschließende Frage, ob das Publikum bereit sei, die "heilige Metalmesse zu empfagen", wird wie in religiöser Extase frenetisch bejaht. Wer Metal hört, so scheint es, braucht keine Drogen um durchzufeiern – außer vielleicht dem Metal selbst.

Der Organist der Hölle

Organist Falk Maria Schlegel wirkt wahrlich wie ein Besessener, wenn er ein Bein abspreizt und den Kopf in den Nacken wirft, während er in die Tasten haut, oder ständig  wie ein Getriebener zwischen seinen beiden mit goldenen Adlern verzierten Orgeln hin und her läuft. Hat er mal nichts zu tun, begibt er sich immer wieder an den Bühnenrand, um dort eine große Powerwolf-Flagge zu schwenken oder die Menge anzuheizen.

Nicht, dass das nötig wäre: Laute "Powerwolf! Powerwolf!"-Chöre werden von den Besuchern immer wieder von ganz alleine zwischen Songs wie "Coleus Sanctus", "Amen and Attack" und "All We Need Is Blood" angestimmt.

"In Deutschland singt man am besten"

Attila, der mit grauer Mönchskutte, weißer Schminke und einem mittelalterlichen Kreuz am Mikroständer wirkt wie ein angestaubter, untoter Priester, weiß genau, wie man die Menge mitnimmt. So nimmt sich der stimmgewaltige, klassisch ausgebildete Sänger zwischen den Songs genügend Zeit, um mit dem Publikum zu kommunizieren und ausgiebige Singspielchen zu veranstalten.

Gerade nachdem er vor "Armata Strigoi" die Deutschen für ihr Gesangstalent ("Scheiße, ist das geil!") und ihre Disziplin lobt, gerät der Publikumsgesang aus den Fugen, was Attila zu der gespielt empörten Aussage: "Stopp! Hört sich jetzt an wie ein Fußballstadion!" verleitet.

Erfrischend ist, mit wieviel Ironie die Band selbst ihr düster-pathetisches Auftreten betrachtet. So wird etwa "Resurrection by Erection" angekündigt als "die einzig wahre Auferstehung", während "Sanctified with Dynamite“ mit der Frage eingeleitet wird, ob man bereit sei, mit der Band für den Metal zu explodieren.

Imposantes Gesamtkonzept

Abgerundet wird der überzeugende Auftritt der Wölfe durch eine großartige Lichtshow und ein aufwendiges Bühnenbild, das auch die längere Umbaupause rechtfertigt. So sind die Bühnenelemente in der Optik mittelalterlicher Mauern gestaltet, und man verwendet gleich drei übergroße, mehrteilige Backdrops, die sich über die ganze Breite der Bühne erstrecken und düstere Motive wie eine Kirche samt Friedhof oder das Werwolfsmaskottchen der Band zeigen.

Auch die Wolfsschminke und die aufgerissenen "Mäuler" der Gebrüder Greywolf tun ihr übriges. Einziger Wehrmutstropfen: Auf Backgroundgesang vom Band hätten Powerwolf gerne verzichten können. Wie gewohnt kommt zudem auch der Bass vom Band, da man laut eigener Aussage kein weiteres Bandmitglied aufnehmen möchte.

Die Messe ist beendet

Obwohl sich aufgrund der fortgeschrittenen Stunde die Reihen gegen Ende doch deutlich lichten, ist die Stimmung der Metaljünger bis zum Ende großartig, und Songs wie "Werewolves of Armenia" und "We Drink Your Blood" werden noch einmal richtig zelebriert.

Der letzte Song "Lupus Dei" wird von Attila passenderweise im Gebetsgesangston angekündigt, während er ein Weihrauchfass schwingt. Danach werden die glücklichen, mittlerweile jedoch deutlich erschöpft und auch beinahe erleichtert wirkenden Gläubigen in die Nacht entlassen.

Setlist Hammerfall

Hector's Hymn / Riders of the Storm / Blood Bound / Any Means Necessary / Renegade / Dethrone and Defy / Last Man Standing / Let the Hammer Fall / Built to Last / Medley to the Brave / When the Dragon Lies Bleeding / Origins // Hammer High / Bushido / Hearts on Fire

Setlist Powerwolf

Blessed & Possessed / Army of the Night / Coleus Sanctus / Amen and Attack / Dead Boys Don't Cry / Saturday Satan / Armata Strigoi / Let There Be Night / All We Need Is Blood / Resurrection by Erection / Kreuzfeuer / Werewolves of Armenia / Sanctified with Dynamite / We Drink Your Blood / Lupus Dei

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