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The Who (live in Oberhausen, 2016) © Peter H. Bauer

Es gibt nur noch wenige Institutionen im Rockgeschäft. The Who sind eine davon. Bei ihrer zweistündigen Show in der König-Pilsener-Arena begeistern die verbliebenen Urmitglieder Pete Townshend und Roger Daltrey die Massen.

Große Rockkonzerte sind auch immer ein Spektakel – oder zumindest sollten sie es sein. Dazu gehören in der heutigen Zeit viele Dinge. Transparenter Sound sollte obligatorisch sein, ist es jedoch leider nicht immer. Ganz nebenbei erwartet der zahlende Zuschauer natürlich mittlerweile noch eine eindrucksvolle Light- und Videoshow und, allem voran, eine gut aufgelegte Band.

Umso erfreulicher ist es, dass alle genannten Punkte erfüllt sind, als The Who nach neunjähriger Abstinenz wieder in der Oberhausener König-Pilsener-Arena aufschlagen. Für viele Fans der britischen Rock-Institution ist das Konzert zugleich auch die erste Möglichkeit, ihre Helden – oder wenigstens die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder Roger Daltrey und Pete Townshend – zu bewundern.

Gelungene Einstimmung

Den Anfang des Abends machen Slydigs. Mit ihren bluesgetränkten Gitarrenriffs und harten, aber tanzbaren Beats sind sie ein geeignetes Vorprogramm für die alten Recken von The Who. Das sitzende Publikum in der komplett bestuhlten Halle nimmt es erfreut zur Kenntnis, wie sich die vier Engländer durch klassisch geprägte, erdige Rock ‘n‘ Roll-Nummern arbeiten.

Der blonde Sänger und Rhythmusgitarrist Dean Fairhurst mutet da mit seiner reibeisigen Stimme schon beinahe wie eine Kreatur aus einer anderen Ära an, während er Stücke wie "Stiff Upper Lip" schmettert. Seine drei Kollegen, Sechssaiter Louis Menguy, Bassist Ben Breslin und Drummer Peter Fleming, stehen ihm dabei in wenig nach. So sieht gelungene Werbung für die eigene, bald folgende Tournee aus.

Wer wohl?

So gut sich Slydigs auch verkauft haben mögen, sie waren einfach nur Vorgeplänkel im großen Ganzen des Abends. Die Videoleinwand hinter der Bühne liefert in der Umbauphase allerhand interessante Informationen über The Who, und fast auf die Sekunde genau besteigen Daltrey, Townshend und Co. dann auch die Bühne der inzwischen nahezu ausverkauften Arena.

Die mehrstimmig gesungene Frage des Openers "Who Are You" beantworten sie mit ihrer bereits ab der ersten Sekunde äußerst energiegeladenen Performance selbst, bevor sie sich erst einmal auf eine Zeitreise zurück in ihre Anfangsjahre als Mods im London der ‘Swingin‘ Sixties‘ begeben. Auf "The Kids Are Alright" folgt das psychedelisch angehauchte "I Can See For Miles", jeweils mit stimmungsvoller Begleitung auf den Bildschirmen begleitet.

Eine Generationenfrage

The Who scheinen den Abend in Oberhausen in mehrere Phasen eingeteilt zu haben. Der 1960er-Block zeigt deutlich auf, welches großartige Talent für knackige, aber dennoch ausgefallene Singles Pete Townshend schon in jungen Jahren hatte. Als das unsterbliche "My Generation" vom gleichnamigen Album erklingt, wippt das Publikum bereits auf den Stühlen. Auch Daltrey und Townshend tanzen am Ende eines ausgedehnten Jams ausgelassen über die Bühne, bevor "Pictures Of Lily" die 60s ad acta legt.

Wie sehr sich die heutigen und früheren Generationen doch unterscheiden, lässt Pete dann durchklingen, als er sich an einer Ansage auf Deutsch versucht und seine Bewunderung für die Sprache ausdrückt. Es sei aber schlicht und ergreifend einfacher, viele Leute auf Englisch, der bisherigen Weltsprache, zu erreichen. Die Jugend von heute müsse aber vielleicht bald zu Chinesisch greifen.

Musik kennt keine Grenzen

Dass Musik international wirkt, demonstrieren die Who-Klassiker der frühen 1970er. Als sie dem Publikum in Oberhausen "Behind Blue Eyes" präsentieren, zeigen sie einmal mehr, dass es nur eine einzige, wahre Version des Stückes geben kann. Es ist zudem faszinierend, welche Energiebündel Daltrey und Townshend im hohen Alter beispielsweise bei "Bargain" noch sind. Abgesehen vom Aussehen ist es schwer zu glauben, dass beide die Siebzig bereits überschritten haben.

Als sie nach "You Better You Bet" zum "Quadrophenia"-Teil des Abends übergehen, kennt der Jubel im Innenraum und auf den Rängen keine Grenzen mehr. "5.15", begleitet von Eisenbahnvideos, endet in einem Jam, bei dem Bassist Pino Palladino und Ringo Starr-Sohn Zak Starkey am Schlagzeug ebenso entspannt durch die Gegend grooven wie während dem brillanten Instrumental "The Rock" –und eigentlich während des gesamten Abends.

Vorgezogene klangliche Höhepunkte

Beim großen "Quadrophenia"-Finale "Love Reign O’er Me" darf schließlich Roger Daltrey erneut glänzen. Als er zu seinem markanten Schrei im Refrain ansetzt, müssen sich wohl so einige Leute im Publikum gleich mehrfach kneifen, um sicherzugehen, ob da wirklich der weißgelockte Sänger oder nicht sein vierzig Jahre jüngeres Pendant auf der Bühne steht. Standing Ovations sind nach dem Ausklingen des Stückes die völlig berechtigte Folge.

Nachdem einige große Konzerte in der jüngsten Vergangenheit mit Soundproblemen zu kämpfen hatten, tut es gut festzustellen, dass The Who in der König-Pilsener-Arena völlig transparent aus den Boxen tönen. Man kann jede Nuance hören, die Daltrey, Pete und sein Bruder Simon Townshend an der zweiten Gitarre, Palladino, Starkey und die drei mitgebrachten Keyboarder spielen und singen. Die Rockdinosaurier hätten kaum besser klingen können.

Musikalische Entdeckungsreise

Nach dem von Pete Townshend gesungenen und von Wellenformen auf den Displays unterstützten "Eminence Front" widmen The Who einen weiteren großen thematischen Block ihrer ersten Rockoper "Tommy". Wie viel Platz sie ihm an diesem Abend einräumen, zeigt einmal mehr, welchen Stellenwert im Schaffen der Band dieses Album trotz sehr viel besserer, späterer Werke hat. Das Album hätte die Band seinerzeit ruinieren können, doch es machte sie letztendlich zu Superstars.

Bei "Amazing Journey" und "Sparks" gehen The Who zusammen mit dem Publikum auf musikalische Entdeckungsreise. So schmerzlich die beiden verstorbenen Gründungsmitglieder John Entwhistle und Keith Moon auch vermisst werden, demonstriert die Performance jedoch ebenso, welch gute Begleitband Townshend und Daltrey in den letzten Jahren zusammengestellt haben. Hier passt, wie bei "The Acid Queen", "Pinball Wizard" und dem abschließenden "See Me, Feel Me" jede einzelne Note.

Grandioses Finale

Kein Konzert von The Who wäre komplett, ohne dass irgendwann einmal das zeitlose "Baba O’Riley" mit seiner markanten Synthesizer-Sequenz oder das fantastische "Won’t Get Fooled Again" zu hören sind. Townshend war und ist eben in der Lage, eine Vielzahl verschiedenen Materials zu komponieren und es einem Sänger wie Daltrey auf den Leib zu schneidern. Die Brillanz der Zusammenarbeit liegt darin, dass dieser die Worte dann so interpretiert, als seien es seine eigenen. Auch die schon längst stehenden Zuschauer singen jede einzelne Silbe der beiden Stücke mit.

Als die letzte Note des Abends erklingt und sich Townshend und Daltrey von ihrem Publikum verabschieden, hallt eine Mischung aus Applaus und der Forderung nach mehr durch die Arena. Die Fans honorieren, wie gut sich The Who in gesetzten Jahren noch präsentieren. Für viele war es eine Gelegenheit, die Band noch einmal zu sehen, bevor sie sich endgültig aufs Altenteil zurückziehen. Im Augenblick sind dafür aber noch keine Anzeichen zu spüren: Live spielen sie weiterhin in der ersten Liga. Die Reise nach Oberhausen dürfte sich für jeden Anwesenden gelohnt haben.

Setlist

Who Are You / The Kids Are Alright / I Can See For Miles / My Generation / Pictures Of Lily / Behind Blue Eyes / Bargain / Join Together / You Better You Bet / 5.15 / I’m One / The Rock / Love Reign O’er Me / Eminence Front / Amazing Journey / Sparks / The Acid Queen / Pinball Wizard / See Me, Feel Me / Baba O’Riley / Won’t Get Fooled Again

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