Neil Young (live in Hamburg, 2013)

Neil Young (live in Hamburg, 2013) © Falk Simon

Neil Young & Crazy Horse - diese Rockband besitzt zu Recht einen fast mythischen Ruf. Dementsprechend groß war die Vorfreude auf das Konzert in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Leider enttäuschten Neil Young und Band mit einem uninspirierten, teilweise sogar langweiligen Auftritt.

Der frustrierende Verlauf des Abends ist umso bemerkenswerter, da Neil Young & Crazy Horse mit denselben Zutaten in der Vergangenheit häufig Sensationelles geleistet haben.

Zunächst überwiegen auch die Ähnlichkeiten: Rein optisch knüpft das Design der Bühne an ein seit den späten 1970ern gewohntes Muster an. Riesige Amps, die von in weißen Kitteln gekleideten "Alchemisten" und ihren Kollegen in orangenen Arbeitswesten enthüllt werden, ein riesiges Mikro, das aufwendig aufgerichtet wird – derlei Inszenierungen kennt man schon seit den "Road Eyes" aus Live Rust.

Einigkeit und Recht und Freedom

Dann betreten Neil Young & Crazy Horse die Bühne. Eine Deutschlandflagge wird enthült, es erklingt die deutsche Nationalhymne. Nach amerikanischem Brauch legt Neil Young seine rechte Hand auf sein Herz. In den USA wären jetzt alle aufgestanden und hätten mitgesungen. Nicht hier. Die Folge ist ein etwas eigenartiger Moment, in dem zwei unvereinbare Konzepte von Patriotismus aufeinandertreffen.

Der Auftakt mit einer leidenschaftlichen Version von Love And Only Love gelingt so gut, dass Hoffnungen aufkeimen, der Abend könne ebenso grandios werden wie das Konzert in Oberhausen vor fünf Jahren. Dann folgt das geniale Powderfinger in einer konzisen, konzentrierten Interpretation, die von herausragender Gitarrenarbeit profitiert. 

Gitarrenlärm mit Überlänge

Einigermaßen plötzlich nimmt das Konzert eine schlechte Wendung. Es liegt weniger an der zwanzigminütigen Version von Walk Like A Giant, die zwar nicht schlecht, aber doch zu lang ist. Grund ist vielmehr der folgende schlichtweg überflüssige zehnminütige Gitarrenlärm, der weder Struktur noch künstlerischen Ausdruck besitzt. Veröffentlichungen wie Arc zeigen Neil Youngs Fähigkeit zu epischen und kreativen Gitarrenjams, aber in Stuttgart wirken diese Versuche nur einfallslos und belanglos.

Das kurze akustische Set gelingt besser. Human Highway, ein fast vergessenes, aber umso schöneres Lied von Comes A Time, wird vom Publikum begeistert aufgenommen. Der Jubel in diesem Segment übertrifft die Begeisterung in weiten Teilen des übrigen Konzerts, was auch daran liegt, dass Neil Young seinen größten Hit Heart Of Gold und das zum Mitsingen anregende, aber komplett überflüssige Blowin' In The Wind spielt.

Orientierungslos auf der Bühne

Danach steuern Neil Young & Crazy Horse auf den Tiefpunkt des Abends zu, das (wie so vieles an diesem Abend) überlange Singer Without A Song, in dessen Verlauf eine junge Dame mit einem Gitarrenkoffer auf der Bühne erscheint und vergeblich den Grund sucht, weshalb sie sich auf selbiger aufhält.

Auch danach tritt keine Besserung ein: Es ist keine große Überraschung, dass das recht einfach gestrickte Ramada Inn in einer endlos erscheinenden Version bestenfalls zurückhaltenden Applaus des Publikums erhält. Wirklich enttäuschend ist aber, wie das dynamische Mr. Soul von zu viel eindimensionalen Gitarrenlärm regelrecht plattgewalzt wird.

Höhepunkte als Tiefpunkte

Vor der Zugabe keimt dann nochmal Hoffnung auf, als das mit einem stilisierten Adler verzierte Keyboard von der Hallendecke gelassen wird. Es spielt eine wichtige Rolle in Like A Hurricane, einem von vielen herbeigesehnten Neil Young-Klassiker. Aber selbst dieses eigentlich unzerstörbare Lied misslingt an diesem Abend, vor allem weil es durch uninteressantes Gitarrengekloppe in die Länge gezogen wird.

Wenn aber nicht einmal die Lieder gelingen, die jeden Auftritt von Neil Young veredeln, dann kann man sich vorstellen wie das belanglose Surfer Joe oder das komplett deplatzierte Sedan Delivery das Konzerterlebnis beeinträchtigen. Dementsprechend zurückhaltend ist das Publikum in der fast ausverkauften Halle. Wirklicher Jubel kommt erst ganz zum Schluss auf, obwohl zahlreiche Zuschauer schon während Like A Hurricane abziehen. An einem guten Abend wären sie bis zum Schluss geblieben.

Setlist

Love And Only Love | Powderfinger | Psychedelic Pill | Walk Like A Giant | Hole In The Sky | Human Highway | Heart Of Gold | Blowin' In The Wind | Singer Without A Song | Ramada Inn | Sedan Delivery | Surfer Joe And Moe The Sleaze | Mr. Soul

Zugabe: Like A Hurricane

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