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© Lisa Roze

Im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals feierten Nils Frahm, Ólafur Arnalds und A Winged Victory For The Sullen das fünfjährige Bestehen des Labels "Erased Tapes". Hin- und hergerissen zwischen einem tieftraurigen Gefühl und einer freudigen Erregung wurden Untiefen der Musik ausgelotet.

Grenzen überschreiten. Das Enjoy Jazz beansprucht dies für sich bereits durch seinen Unteritel: "Festival für Jazz und Anderes." So ist es also auch nicht verwunderlich, wenn ein doch recht junges Independent-Label wie Erased Tapes seinen fünften Geburtstag im Rahmen des Festivals feiern kann. Denn das von Berlin und London aus agierende Label ist ebenfalls ein Grenzgänger: Hier wird Klassik und Elektronik zusammengebracht und verschmolzen.

Mit A Winged Victory For The Sullen, Ólafur Arnalds, Nils Fram und "Gast"-Star Anne Müller feierten in der Mannheimer Alten Feuerwache Künstler ein Jubiläum, die das Label Erased Tapes unterschiedlicher kaum präsentieren konnten. Alle auf ihre Weise in faszinierender Art, vereint zwar im instrumentalen, klassisch angehauchten Sound, aber getrennt in der Herangehensweise.

Kopfkino mit A Winged Victory For The Sullen

Den Anfang machten A Winged Victory For The Sullen. Schon die Zusammensetzung der Gruppe deutete an, dass den Zuschauer ein voller Klang erwartete. Und die Gruppe um Pianist Dustin O'Halloran, Gitarrist Adam Wiltzie und drei Streicher enttäuschte diese Erwartung nicht. Die berüchtigte Wall of Sound gab es zwar nicht, aber Titel wie der Opener We Played Some Open Chords and Rejoiced, For the Earth Had Circled the Sun Yet Another Year vom selbstbetitelten Album aus 2011 erfüllte das alte Feuerwehrhaus in Mannheim sofort mit einer Gänsehaut-Atmosphäre – und das nicht nur wegen des epischen Titels.

Teilweise hatte der Auftritt der Formation etwas von Filmmusik an sich, durchaus im positiven Sinne; wenn die Filmszene majästetisch, erhaben wird. Bei den meisten Besuchern erzeugte A Winged Victory For The Sullen wohl auch ein Kopfkino, auf jeden Fall war es bis in die hinterste Stuhlreihe mucksmäuschenstill.

Ólafur Arnalds loopt das Publikum

Als nächstes stand Ólafur Arnalds auf der nur punktuell beleuchteten Bühne. Der junge isländische Musiker, er wird im November 26 Jahre alt, kann bereits auf viele Veröffentlichungen zurückblicken. Sein Debüt gab er 2007 mit dem Album Eulogy for Evolution.

Seine Songs waren an diesem Abend kürzer als die ausladenden Titel von A Winged Victory For The Sullen, ja sogar vergleichsweise poppig, wenn man soweit gehen mag. Passend dazu war Arnalds sehr gesprächig, erzählte vom Tourleben mit polnischem Wodka und polnischen Straßen. Davon, dass er nicht genau wisse, wo er jetzt sei, da das letzte Geburtstagskonzert noch am Vortag in Budapest stattfand.

Zu Beginn nahm er zwei kurze Gesänge des Publikums auf, legte diese dann als Loop an und spielte sie in seinem ersten Stück des Abends. Später stießen noch zwei Streicher dazu. Eine davon war Anne Müller, die 2010 zusammen mit Nils Fram, dem letzten Künstler des Abends, das Album 7Fingers aufgenommen hatte und diesen später auch noch einmal auf der Bühne unterstützen sollte.

Spielerische Leichtigkeit von Nils Frahm

Frahm stand schließlich um kurz nach 10 Uhr abends auf der Bühne. Er verschenkt auf seiner Homepage derzeit die EP Screws. Seine letzte reguläre Veröffentlichung war das Album Felt, für das er eine außergewöhnliche Idee hatte: Für die Aufnahmen dämpfte er sein Klavier so weit es ging und nahm die sehr leisen Stücke dann direkt mit dem Mikro an der Klaviersaite auf. Neben den Tönen nahm er so auch etliche Störgeräusche wie das Knarzen des Bodens oder seinen Atem auf und erzeugte so ein einmaliges, aber auch sehr experimentelles Hörerlebnis.

Diese Mischung aus Experiment und Wohklang setzte sich auch beim Auftritt in Mannheim durch…

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So begann Fram sein Konzert mit zwei Schlägeln, mit denen er auf den Saiten seines Klaviers spielte. Später spielte er zwei Klaviere gleichzeitig und erzeugte ein treibendes Stück voller Energie. Freundlich und entspannt während des gesamten Auftritts, ließ er zwischendurch kurzum vier Plätze in der ersten Reihe besetzen, die bis dahin nur von Zetteln als reserviert gekennzeichnet waren: "Kommt der Bundespräsident noch?", fragte er zuvor in die Runde.

Aber wie bereits angedeutet, nicht nur das experimentelle, auch das bezaubernde, schöne und erhabene Stück hatte Platz im Auftritt von Nils Frahm. So mit der bereits erwähnten Anne Müller, aber auch mit Ólafur Arnalds, der irgendwann mit zwei Weingläsern auf der Bühne stand und nach einem Schluck in ein lied von Frahm einsprang.

All das geschah mit einer Leichtigkeit, die verwunderlich war. Auch weil man selbst hingerissen wurde zwischen einem tieftraurigen Gefühl und einer freudigen Erregung, die die Musik des gesamten Abends hervorrief. Diese Eindrücke aber so spielerisch leicht zu erzeugen, das war und ist die Kunst.

Tutti zum Finale

Am Ende des Abends kamen schließlich alle Musiker noch einmal auf die Bühne. Statt sich nun aber zu klassischer Musik passend noch einmal gemeinsam zu verbeugen, spielte man gemeinsam ein letztes Stück. Die oben angedeutete unterschiedliche Herangehensweise der drei Bands beziehungsweise Künstler vereinten sich nun zu einem fulminanten Abschluss. Und spätestens hier fiel dem Autor das Zitat eines bis heute Unbekannten ein: "Writing about music is like dancing about architecture – it’s a really stupid thing to want to do." Man muss es trotzdem immer wieder versuchen.

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