Element of Crime (Pressefoto, 2009)

Element of Crime (Pressefoto, 2009) © Universal Music

Sven Regener ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker in einem. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Roman "Herr Lehmann" und die Pop-/Rockgruppe Element of Crime, für die seine poetischen Texte mittlerweile zum Markenzeichen wurden. Im Interview mit regioactive.de spricht er über Berlin, die DDR, die Arbeit mit der Band und das neue Album "Immer da wo du bist bin ich nie", das am 18. September 2009 veröffentlicht wird.

{image}Sehr geehrter Herr Regener, es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, einige Fragen für regioactive.de zu beantworten.
Sven Regener: Mich auch!
Element Of Crime ist eine Band, die im Berlin der frühen 1980er gegründet wurde. Wie haben Sie Berlin damals erlebt?
Sven Regener: Dunkel, schmutzig und mit Mauer drum herum. Aber auch sonnig und voller Leben. Im Winter kalt, sehr kalt. Und immer dieser Agentenfilm im Hinterkopf, wenngleich verdrängt mit allen neurotischen Folgen bei allen Beteiligten. Eine hochinteressante Stadt. Außerdem ein Paradies für Leute, die moderne Musik machen wollten. Jeder konnte jederzeit überall mitmachen, keiner hatte eine Vergangenheit und von der Zukunft war auch nicht viel die Rede.

{image}Sie haben sich ja stets als politischen Menschen bezeichnet. Wie hat das Leben in Berlin – sozusagen an der Nahtstelle zwischen Ost und West – ihre politische Haltung beeinflusst?

Sven Regener: Das Leben in Westberlin hat mich zum Antikommunisten gemacht.

Sie haben erzählt, Sie hätten die DDR vor 1987 nie besucht. Wieso eigentlich nicht – lag es nicht nahe, sich als politisch interessierter Mensch den real existierenden Sozialismus einmal in der Praxis anzusehen?

Sven Regener: Man ließ mich nicht rein, als ich das erste Mal rein wollte. Etwa so wie in dem einschlägigen Kapitel in "Herr Lehmann". Danach war ich allerdings drin, das war wegen eines Museumsbesuchs. Und es hat mir nicht gefallen. Außerdem betrug der Eintritt 25 Mark Zwangsumtausch, das muss man sich auch erst einmal leisten können. Und ich kannte dort keinen.

Sie haben einen Auftritt in der DDR im Jahre 1987 mit einer "Zeitreise in ein Paralleluniversum" verglichen. Wie hat dieses Erlebnis ihr Bild der DDR verändert?

Sven Regener: Eigentlich gar nicht. Die DDR hatte bei mir einen gleichbleibend schlechten Ruf. Aber die Leute, die wir kennengelernt hatten, waren sehr interessant. Und die Dinge, die sie erzählten, waren teils sehr bizarr. Und es gab natürlich auch einige Parallelen zwischen ihrem Leben und unserem, so unterschiedlich auch die Voraussetzungen waren. Und im Weichbild der Stadt warteten auf den Westberliner einige psychedelische Déjà-Vu-Erlebnisse. Alles sehr komplexe Dinge, sehr interessant, aber nichts, das man verallgemeinern könnte.

{image}Das zweite Album von Element Of Crime wurde von John Cale produziert, der auch ein so legendäres Album wie Horses von Patti Smith produziert hat. Wie haben sie Cale erlebt und wie hat er Ihre Arbeitsweise beeinflusst?

Sven Regener: Er hatte schlechte Laune, weil sie ihn ins Trockendock gelegt hatten. Wir sollten auch im Studio keine Drogen konsumieren. Ansonsten war er ein sehr budgetbewusster, autoritärer Produzent, was uns eigentlich ganz gut tat, weil wir ein Haufen sich dauernd selbstzerfleischender, überdogmatischer Streithansel waren. Er war ein ähnlich guter Produzent wie Uwe Bauer, der unsere erste Platte produziert hatte. Mit ihm aufzunehmen war, wie ein simples, aber gutes Essen zu kochen.

Was hat sich in Bezug auf die Arbeitsweise von damals zu heute geändert?

Sven Regener: Wir brauchen keine Autoritäten mehr und gehen uns nicht mehr so oft gegenseitig an die Gurgel. Das führt auf Dauer dazu, dass man im Studio mehr Möglichkeiten hat und dass man den Spielraum innerhalb des eigenen Stils immer mehr erweitern kann. Außerdem gehen wir, zeitlich gesehen, nur noch in homöopathischen Dosen ins Studio, höchstens mal eine Woche am Stück, das hilft natürlich auch.

{image}Wie gehen Sie daran, neue Songs zu schreiben und was schwebte Ihnen für das neue Album Immer da wo du bist bin ich nie vor? In welche Richtung wollten Sie den Stil entwickeln?

Sven Regener: Sowas nehmen wir uns nicht vor, sowas kommt nach unserer Erfahrung von alleine. Das Wichtigste ist ja nicht, den Stil zu entwickeln, sondern überhaupt erst einmal einen eigenen, unverwechselbaren Stil zu haben. Die Entwicklung kommt eigentlich von ganz allein, das Leben geht ja weiter und man verändert sich.

Wieso habt Ihr Euch entschlossen, das Album in Nashville abzumischen zu lassen?

Sven Regener: Wir wollten, dass Roger Moutenot das Album mischt, und da er nun mal in Nashville wohnt, lag das nahe. Die Mittelpunkt der Welt hatten wir auch schon von Roger abmischen lassen. Und auch dort. Er ist halt einer der weltbesten Leute für sowas.

Das Lied Der weiße Hai vom neuen Album enthält im Hintergrund Kindergesang: Welche Idee steckt dahinter?

Sven Regener: Keine Idee, nur ein Bedürfnis nach diesem Klang. Musik ist die einzige Kunst, in der Kinder ganz und gar vollgültige Beiträge leisten können, ohne jedes wenn und aber. Und wir wollten den Klang von Kinderstimmen, so wie man den Klang einer Geige, einer E-Gitarre oder einer Bassdrum will. Das schien hier der richtige Move zu sein. Und scheint es mir noch heute.

{image}Wie würden Sie darauf reagieren, wenn Ihr aufgrund der Kinderstimmen Häme einstecken würdet und Eure ursprüngliche Absicht keine Rolle mehr spielte?

Sven Regener: Wer wegen Kinderstimmen hämisch wird, ist doof. Ich habe aber auch noch keinen erlebt.

Ist das Lied Euro und Markstück als Kommentar auf die "Teuro"-Debatten der letzten Jahre zu verstehen?

Sven Regener: Nein. Es ist nur die Beschreibung einer Versöhnung mit der Welt. Muss auch mal sein. Hält aber meist nicht lange.

Element Of Crime gehen bald wieder auf Tour. Was erwartet oder erhofft man sich nach so vielen Jahren und so vielen Konzerten?

Sven Regener: Spaß. Auf Tour zu gehen ist ein großer Spaß. Es gibt nichts Besseres!

{image}Ich erinnere mich gerne an ein Konzert in Mannheim im Rahmen der letzten Tour (-> Konzertbericht). Ich war begeistert von der Harmonie der Band, alles schien zu passen, das Publikum hatte die neuen Lieder vollkommen akzeptiert und die Stimmung war einfach glänzend. Haben Sie die letzte Tour auch so in Erinnerung?

Sven Regener: Ja. Meistens. Klingt – so beschrieben – irgendwie ein bisschen langweilig. Ist es aber nicht.

Zum Abschluss würde mich noch eine Top10 Ihrer Lieblingsplatten freuen.

Sven Regener: So weit würde ich nicht gehen wollen. Aber da oben drin wären sicher Elvis Presley, Velvet Underground, Bo Diddley und Bob Dylan unterwegs. Und andere...!

Vielen Dank!

Sven Regener: Gern geschehen!

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