Get Well Soon
Foto: Anne-Laure Fontaine-Kuhn

Get Well Soon Foto: Anne-Laure Fontaine-Kuhn © regioactive.de

City Slang ist einer der bedeutendsten deutschen Independent-Labels. Dieses Jahr wird es volljährig. Das musste natürlich mit einer großen City-Slang-Night im Postbahnhof Berlin, im Rahmen der Popkomm, gefeiert werden. Gratulationen gab es zu diesem Anlass auch live von den Bands Sky Larkin, Those Dancing Days, Port O’Brien, O’Death, Los Campesinos und Get Well Soon.

{image}Das Label City Slang erblickt 1990 die Welt im nordrhein-westfälischen Beverungen. Christof Ellinghaus heißt der Gründer, der bis dahin mit seinen Freunden Rembert Stiewe und Reinhard Holstein im Fanzine "Glitterhouse" über Musik und Konzerte schreibt. Während Holstein und Stiewe daraus später das Label Glitterhouse gründen, zieht es Ellinghaus des Studiums wegen von Beverungen nach Berlin. Dort soll er mit einem holländischen Freund die Tour der englischen Band Chesterfield Kings betreuen. Doch dies entwickelt sich zu einem Desaster, sodass sie kurzerhand zusammen entschließen, die Konzertagentur "Sooma" zu gründen, bevor ein Jahr später, nach dem Ausstieg seines Freundes, daraus die Agentur "Sweatshop" wird. Die erste von ihm alleine organisierte Tour ist dann auch gleich für die heute legendäre Band Nirvana um Kurt Cobain gedacht. Bands wie Soundgarden, The Walkabouts und Flaming Lips sind weitere Gruppen, die er durch Europa touren lässt. Letztere sind es auch, die ihm zusammen mit anderen Bands dazu bringen, sein eigenes Label zu gründen. Und so startet er 1990 unter dem Dach des Labels Vielklang sein Sublabel "City Slang". Zwei Jahre später trennt er sich nach Differenzen von Vielklang und führt City Slang zusammen mit dem Vielklang-Mitarbeiter Klaus Unkelbach als eigenständiges Label weiter. Doch ein Jahr später stirbt Unkelbach und muss sein Unternehmen ab diesem Zeitpunkt alleine weiter führen. Bis zu diesem Tag mit Erfolg.

Heute gilt City Slang mit Sitz in Berlin als einer der bedeutendsten, deutschen Independent-Labels und vertritt deutsche, amerikanische und kanadische Bands wie Get Well Soon, The Notwist, Arcade Fire, Stars, Broken Social Scene, Calexico, Nada Surf oder Lambchop. Im Vergleich zu anderen Labels vertritt Ellinghaus und seine Firma hier möglichst ein Credo: Nur solche Bands aufzunehmen, die ihnen gefallen und einen gewissen Qualitätsstandard mitbringen. Also kein Mainstream-Ausverkauf, wie es andere Labels scheinbar zu gerne aus Geldgier tun. Und auch von neuen Vertriebswegen scheut sich der Labelchef nicht. So erschien das neue Lambchop-Album kürzlich in der aktuellen Rolling-Stone-Ausgabe für einen geringen Aufpreis. Ob eine solche Aktion allerdings nochmal wiederholt werden wird, bleibt fraglich, da einige Saturn-und MediaMarkt-Filialen daraufhin drohten, den gesamten CitySlang-Bestand aus den Regalen zu räumen.

{image}An diesem Jubiläums-Abend in Berlin wurde daran allerdings weniger gedacht. Vielmehr stand das Feiern der Volljährigkeit dieses sympathischen Labels im Mittelpunkt des Geschehens, und es waren eine Menge Gratulanten gekommen. Darunter 6 Bands von City Slang und dem Wichita-Label, das mit City Slang zusammen diese Geburtstagsparty im Postbahnhof auf zwei Bühnen veranstaltete. Ein ausgelassener Abend, bei dem die Bands auch auf Tuchfühlung mit den Fans gingen.. So sah man den Sänger von Los Campesinos vorne in der Zuschauermenge bei Those Dancing Days mittanzen, und zwei Mitglieder von Port O’Brien ebenfalls vor der Bühne beim Auftritt von der Band O’Death herumspringen, was dieselben dann auch nicht unerwähnt ließen. Doch zunächst betritt das britische Trio um Sky Larkin die Bühne, die mit ihren Indie-Gitarrenpop-Perlen Molten und One Of Two schon in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen sorgten und kürzlich auch auf Cnoor Obersts Deutschlandkonzerten als Vorband auftraten. Es ist ein netter Gig, der den Zuschauer aufgrund der süß-warmen Melodien und der sympathischen, ausgelassenen Stimme der Sängerin mitwippen lässt.

{image}Kurz darauf stehen dann auch schon die fünf Schwedinnen von Those Dancing Days auf der zweiten, großen Bühne bereit. Dort tanzt die Sängerin immer wieder mit der Keyboarderin Rücken an Rücken. Die Band erinnert mit ihren schlichten Kleidern und ihrer Verspieltheit einerseits ein wenig an eine Schülerband, andererseits wirken sie aber auch einfach nur authentisch und natürlich. Das Publikum freut sich darüber und beklatscht euphorisch den Auftritt, zusammen mit dem Los-Campesinos-Sänger, der mitwippt und wohl auch Gefallen an dem Indierock der fünf Schwedinnen gefunden hat.

{image}Als die Zuschauer wieder den Saal wechseln müssen, steht die amerikanische Band Port O’Brien, die nach ihrem Gig im Weekend-Club an diesem Abend schon ihr zweites Konzert in diesem Jahr in Berlin geben, schon bereit. Und trotz kleinen technischen Problemen, die dazu führen, dass der Sänger nach immer wieder kleineren Pausen schließlich seine Akustikgitarre ganz gegen die Elektrogitarre tauschen muss, bejubeln die Zuschauer die zum Herbst passende Lagerfeuermusik. Am Ende ihres Sets verteilt die Band Kochzubehör an das Publikum, mit dem dieses den Schlagzeug-Takt und den Rhythmus des Songs I Woke Up Today vorgeben soll. Eine gelungene Aktion, wie sich zeigt. Kurze Zeit später befinden sich die Gitarristen dann auch schon wieder im Publikum vorne an der großen Bühne im Saal nebenan, um zum vorwärts-und schweißtreibenden Indiepunk der New Yorker Band O’Death zu tanzen. Hier beeindruckt den Zuschauer besonders der wie die Hälfte der Combo mit freien Oberkörpern auftretende Geiger, der mit seinem Bogen virtuos über die Geigensaiten fegt, als würde er immer wieder all seine Energie für das Bespielen dieses Instruments freisetzen. Schließlich steht dann auch der noch kurz vorher im Publikum stehende Sänger der Los Campesinos auf der Bühne und präsentiert mit seiner Band in gewohnter Verspieltheit zum ersten Mal in Europa Songs ihres neuen Albums We Are Beautiful, We Are Doomed, bevor sie sich schließlich, auf den vier Monitoren stehend, die der Sänger zuvor in eine senkrechte Position gestellt hatte, mit den ohne Mikrofon singenden Textzeilen "/One blink for yes,two blinks for no/Sweet dreams, sweet cheeks we leave alone/" von den in der Dunkelheit stehenden Zuschauern verabschieden.

{image}Zum Schluss des kleinen Geburtstagsfestivals wird es dann noch etwas melancholischer, als Konstantin Gropper mit seiner Band Get Well Soon die Bühne als Headliner des Abends betritt. Der in der Popakademie ausgebildete, junge Musiker, der im Studio alle Instrumente selbst einspielt, erzeugt auch an diesem Abend mit Songs wie dem dynamischen und betörenden You/ Aurora/ You/ Seaside wieder eine intensive, fesselnde Atmosphäre voller Magie. Gestört wird dieser Auftritt lediglich von einem scheinbar etwas angetrunkenen Zuschauer, der besonders in ruhigen Phasen immer wieder Sätze wie "Das ist doch keine Musik! Spiel endlich ordentliche Musik!" ins Publikum schreit, aber schließlich zur Freude aller Zuschauer von einem nebenstehenden Fan höflich nach draußen geschoben wird. Auch Gropper scheint erleichtert und lächelt schmunzelnd ins Publikum, nachdem er mit auffordernden Worten zu diesem Zuschauer zuvor meinte : "Wenn dir die Musik nicht gefällt, dann komm doch auf die Bühne!".

Und so endet das Konzert nach 90 Minuten, und damit gleichzeitig auch die Geburtstagssause zur Volljährigkeit des Labels City Slang, um 1:30 Uhr in der Nacht versöhnlich und in einer ausgelassenen und fröhlichen Atmosphäre. Mögen doch bitte weitere 18 Jahre City Slang folgen, möchte mancher sich hier wünschen. Mal sehen, ob dieser Traum in Erfüllung geht. Zur nächsten Geburtstagsparty wäre der Autor auf jeden Fall auch wieder dabei. Vielleicht ja schon im nächstes Jahr?! Denn es müssen ja nicht immer besondere Geburtstage sein, die gefeiert werden. 19 Jahre hört sich doch auch gut an, oder? Aber keine Angst, jetzt ist das Label erstmal 18 und damit erwachsen. Das sollte man genießen, denn schließlich ist man nur einmal in diesem Alter.

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