Erykah Badu

Erykah Badu © 2008 Universal Music

Die jazzopen präsentieren im nun mittlerweile fünfzehnten Jahr regelmäßig große Namen, die sich vielleicht nicht immer im engsten Sinne als Jazz definieren lassen, aber meist für anspruchsvolle Black Music stehen. So konnten die Veranstalter für den Abschluss der diesjährigen Jubiläumsausgabe eine der außergewöhnlichsten Sängerinnen unserer Zeit gewinnen: Die Königin des Neo Soul, Erykah Badu, spielte das einzige Deutschlandkonzert ihrer aktuellen Tournee auf dem Pariser Platz in Stuttgart.

{image}Groß war die deutschlandweite Konkurrenz am Samstag: Wu-Tang und Jeru The Damaja in Görlitz oder Ludacris und Ice Cube, die ebenfalls in Stuttgart auftraten. Da fällt die Wahl schwer, für wen man sich entscheiden soll. Leider entschieden sich zu viele gegen die Frau, die 1997 mit Baduizm ihr erstes Meisterwerk präsentierte und damit ein Stück Musikgeschichte schrieb. Nicht ganz ausverkauft war deshalb das Konzert auf dem ohnehin schon überschaubaren Pariser Platz der BW-Bank inmitten des schwäbischen Bankenzentrums. Die eintretende Dunkelheit verhüllte diese traurige Tatsache jedoch recht bald und man konnte sich daher über ausreichende Bewegungsfreiheit erfreuen. Spätestens als "die Badu" die Bühne betrat, war das sowieso egal. Diese spezielle Magie, die sie ihre Hörer schon auf ihren Platten spüren lässt, umfesselte die Zuschauer mit solch einer Kraft, dass man alles um sich herum zu vergessen begann und sie nicht mehr aus den Augen lassen wollte. Und so steht sie auf der Bühne, unnahbar, wie eine Königin, strahlt bei allem was sie macht eine unfassbare Ruhe und Bedachtheit aus, und zieht mit ihrer Stimme einfach alles und jeden in ihren Bann. Dabei schafft sie es sogar, den simpen Akt des Teetrinkens so zu zelebrieren, dass man den einsetzenden Regen nicht spürt, da man sein Glück, sie dabei bewundern zu dürfen, nicht fassen kann.

{image}Aber spätestens als der Regen damit begann, in die Augen zu laufen und man durch den gleichzeitigen Wind doch ziemlich stark zu frieren begann, konnte man ihn nicht mehr ignorieren. Gut organisiert, wie der Schwabe nun mal ist, hatten die Veranstalter Einweg-Regencapes vorbereitet und verteilten sie im Publikum. Aus Solidarität mit den nun modisch deklassierten Zuhörern umhüllte sie sich mit einem dieser Ungetüme aus Plastik. Doch auch daraus machte sie einen Akt höchster Performance-Kunst, und war am Ende die wohl einzige, die darin verdammt gut aussah. Man könnte leicht noch weitere 100 Seiten über Erykah Badus Aussehen und ihre Erscheinung schwärmen, doch dass sie auch gesungen hat, sollte man dann doch nicht unterschlagen:

Sie hat nicht weniger grandios gesungen, als sie aussieht. Neben Songs ihres neuen Albums New Amerykah, wie Soldier oder The Healer, spielte sie natürlich auch Klassiker wie Appel Tree, Rim Shot und Love of My Life. Je länger sie spielte, umso mehr stieg ihr Energiepegel und entwickelte eine immer stärkere Bindung zum Publikum. Sie versäumte es auch nicht, dieses auf andere unterschiedlichste Arten zu beglücken, ob das nun ihre eigene Interpretation von Shimmy Shimmy Ya oder die Erläuterung ihres aktuellen Albumtitels, die sich als Exkurs in die Weltpolitik und eine wundervolle Anekdote über Mexiko gestaltete, waren – der Unterhaltungsfaktor war stets gegeben. Politik spielte für sie den gesamten Abend über eine große Rolle, ob anhand von Statements, wie dem Kommentar zum Trubel in ihrer Heimat um Barak Obama, was sie sarkastisch als "biggest show on earth" bezeichnete, dem Ruf nach einem neuen System oder anhand von Gestiken, wie der "Black Panther"-Faust, die man in Stuttgart sonst auch nur von Max Herre und 19-jährigen Gymnasiasten kennt. Dies alles zwischen den großen Landesbanken und an dem Ort, wo sich auch Daimler oder Porsche zu Hause fühlen. Dort wirkte dies zwar irgendwie komisch, aber dennoch passend zugleich, da Teile des Publikums wohl auch Zielscheibe der Kritik war, selbst wenn das der werdende Mutter nicht ganz so klar war. Nichtsdestotrotz jubelten ihr sowohl die Bänker also auch andere Besserverdienende  sogar bei der Kapitalismuskritik lauthals zu… Wer könnte dieser Frau auch widersprechen?

{image}Unrühmlicher Höhepunkt des Konzerts, aber trotzdem unterhaltungstechnisch auf hohem Niveau, war das Aufeinandertreffen zweier Mentalitäten, die nicht unterschiedlicher sein könnten – einerseits die schwäbische und andererseits jene von Erykah Badu: Nach der ersten Zugabe Bag Lady sollte sie das Konzert schon beenden, was man ihr anhand von Plakaten und wildem Gestikulieren am Bühnenrand zu vermitteln versuchte. Doch der straff organisierte schwäbische Zeitplan interessierte Erykah Badu herzlich wenig. Der ausgeübte Druck stachelte sie sogar dazu an, immer weiter zu spielen und noch energischer zu werden. Ihre Band zeigte sich aufgrund der mittlerweile panischen Organisatoren, die am Bühnenrand wohl irgendwie versuchten "s’pressiert abbr" in Englische zu übersetzen, sichtlich amüsiert und machte ebenfalls keine Anstalten aufzuhören. Als sie sich dann irgendwann doch gnädig zeigte, hatte Matthias Holtmann die unangenehme Aufgabe, nochmals seiner Tätigkeit als Moderator nachzugehen und die jazzopen vor enttäuschtem Publikum, das Erykah Badu hörbar gerne noch länger als die zwei Stunden gelauscht hätte, abzumoderieren.

Trotz des etwas unangenehm herbeigeführten Endes war dies ein spektakulärer Abend, bei dem man sich sicher sein kann, dass die Abwesenden noch in 30 Jahren neidisch sein werden auf jene, die dort waren. Und Stuttgart kann mal wieder stolz sein, welch grandiosen Künstler man wieder in die Stadt gelotst hat. Allerdings sollte man den Zeitplan in Zukunft bitte nicht mehr ganz so ernst nehmen. Wer weiß, was man dadurch an diesem Abend noch verpasst hat…

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