Eels
Foto: Niels Alpert

Eels Foto: Niels Alpert © Universal Music

Bei Mark Oliver Everett alias Mr.E weiß man nie, was einen auf den Konzerten seiner Band Eels erwartet. An diesem Abend entwickelte sich das Konzert in der ausverkauften Volksbühne in eine im wahrsten Sinne des Wortes kulturelle Veranstaltung. Theater, Szenische Lesung, Musik und Film: alles ineinander vereint. Oder hat schon jemand erlebt, dass vor einem Rockkonzert erst eine einstündige Doku über Quantenphysik läuft?

{image}Dass Mark Oliver Everett auf seinen Tourneen immer für Überraschungen gut ist, scheint bekannt zu sein. Mal bucht er für seine Reisen ein ganzes Orchester, mal spielt er mit Fliegerbrille und Vollbart in klassischer Rockformation Hardrockmusik und interpretiert so seine Musik immer wieder neu. Diesmal ist die amerikanische  Band zwar auch wieder anders zusammengestellt. Nur Multiinstrumentalist Jeff Lyster alias "Le Chet" und Everett bestreiten das Set, aber das Besondere ist etwas anderes. Die ganze Bühne ist mit einem riesengroßen, weißen Laken verdeckt. Was kann das bedeuten, fragt sich der in den Saal hineintretende Zuschauer. Hat sich der Kopf und das einzige ständige Mitglied der Eels heute etwa eine bombastische Show ausgedacht oder was steckt dahinter?

Merkwürdig auch wie der schüchterne Songwriter Gus Black im Duett mit seiner hübschen Musikerkollegin Constanze als Vorgruppe zuckersüßen Akustikpop zelebriert, allerdings ganz an den rechten Bühnenrand verfrachtet. Wie ein Außenseiter, der nicht viel zu sagen hat an diesem Abend. Dementsprechend endet sein Akustikset auch schon nach gut 20 Minuten. Bis zu diesem Zeitpunkt läuft alles normal, wie ein gewöhnlicher Konzertabend. Wer jetzt aber dachte: "So, jetzt hole ich mir noch ein Bier und dann kommen ja auch schon die Eels auf die Bühne", täuschte sich gewaltig.

{image}Was folgt, hat der schreibende Autor und wohl auch viele Zuschauer noch nicht gesehen. Wenige Minuten sind seit dem Auftritt Gus Blacks vergangen, da geht auch schon wieder das Licht aus und auf dem weißen Laken erscheint das Emblem der BBC. Es folgt eine einstündige Dokumentation über die Quantenphysik und über das Schaffen und Wirken von Everetts Vater, den Physiker und Paralelluniversum-Theoretiker Hugh Everett III. Dabei begleitet die Fernsehdokumentation Mark Oliver Everett  auf den Spuren seines Vaters und dokumentiert seinen Willen, die Quantenphysik  in Gesprächen und Besuchen bei und mit Physikerkollegen und auch ehemaligen Nachbarn verstehen zu lernen. So erfährt man, dass Everett seinen Vater nie richtig kennengelernt, mit 19 Jahren fand er ihn tot im Bett auf. Amüsant auch zu beobachten, wie scheinbar auch hochqualifizierte Physiker auf einfache, physikalische Fragen manchmal nicht sofort eine Antwort parat haben ("Was sind eigentlich Photonen?"). Im Laufe der Zeit entwickelt die anfangs hochinteressante Doku allerdings einige Längen, was man teilweise auch an der Unruhe des Publikums oder eher unqualifizierten Aussagen von Seiten einiger Besucher spürt ("Wir sind hier doch nicht im Kino!"). Allerdings muss jeder eingestehen, dass diese Doku-Einlage eine tolle Idee ist und es sowas zuvor noch nicht gab. Oder hat schon jemand erlebt, dass vor einem Rockkonzert erst eine einstündige Doku über Quantenphysik läuft? Vielleicht kommt die Unruhe aber auch deshalb auf, weil nicht alle im Publikum der englischen Sprache in dem Maße mächtig sind, dass sie physikalische Zusammenhänge in dieser Fremdsprache verstehen können. Allerdings lässt das darauffolgende Konzert all diese Unwillensbekundungen sofort vergessen.

Zunächst stellt sich die Frage: Aus welchen Teilbereichen besteht eigentlich der Begriff "kulturelle Veranstaltung"? Er umfasst die Literatur, das Theater, den Film und die Musik. Aus allen diesen Bereichen schöpft Eels an diesem Abend. Das Konzert beginnt mit einer Stimme aus dem Off.: "The following is a true story" – wie, als würde es sich um einem weiteren Film handeln. Darauf folgt ein Zwiegespräch zwischen Everett und der unbekannten Person, die wie ein allwissender Gott Everett ermahnt: "Mark Oliver Everett- It’s your life!". Das ist wahrlich eine theatrale Performance. Aber nicht nur diese Tatsache macht das Konzert zu einem Erlebnis. Es folgt eine unterhaltsame Lesung von Fanpostmaterial, die Everett in seinem gewohnt sarkastischen und trockenem Humor vorliest und am Ende feststellt: "It’s good to be a rockstar"; und von Reviews, das sich am Ende als ein Bericht über die Eagles herausstellt. Aber auch sein Mitmusiker darf kleine Lesungen halten. So z.B. über Everetts neu erschienene Autobiographie "The grandchildren should know", die "Mr.E" immer mal wieder unterhaltsam stört, um Songs zu dem vorgelesenen Text anzustimmen.

{image}Natürlich darf bei der ganzen Veranstaltung auch nicht die Musik fehlen. So spielen sich Everett und Lyster zu zweit durch ein breit gefächertes Material aus zehn Jahren Eels-Geschichte, gleich nach dem Motto des neuen Albums Meeting the Eels: Essential Eels 1996-2006. Dabei ist es immer wieder zu bewundern, wie sich die beiden Multiinstrumentalisten an fast jedem Instrument abwechseln. Ob Klavier, Schlagzeug, Gitarre oder Gesang, sie bedienen sich an jedem Instrument. Manchmal sogar während des laufenden Songs abwechselnd am Schlagzeug, ohne jedoch den Rhythmus zu verlieren oder ein Beat zu versäumen. Wenn man dann auch noch sieht, wie beide mit ihren Gitarren nur so spielen und es zirpen und pfeifen lassen, dann weiß man, mit welchen Ausnahmentalenten man es hier zu tun hat. Nur die Pedal Steels und die singende Säge sind Jeff Lyster alleine vorbehalten.

So entwickelt sich der Abend mit einem zwar sehr lauten, aber dennoch fantastischen Sound in der Volksbühne zu einer ebenso fantastischen Veranstaltung, die man schon jetzt als kulturellen Höhepunkt dieses noch langen Jahres bezeichnen kann. Theater, Szenische Lesung, Musik und Film: alles ineinander vereint. Da kann man die Zwei-Mann-Truppe nur beglückwünschen und ein dickes "Dankeschön!" sagen für diesen wunderbaren Abend. Und am 25. Februar darf sich Mark Oliver Everett vielleicht noch einer ganz besonderen Ehre erfreuen. Denn da besucht die Königin von England eventuell eines seiner Konzerte in der Royal Music Hall in London. Zumindest hat er sie dafür als Gast eingeladen. Sein Argument: "We’ve played the Festival Hall several times and I’ve noticed that your royal box is usually empty. I’d like to change that!". Man darf also gespannt sein, ob Eels bald auch einen königlichen Fan zu Gesicht bekommen.

Setlist: Grace Kelly Blues  – It's a Motherfucker – Strawberry Blonde – Dirty Girl – After the Operation – Souljacker, Pt. I – Elizabeth on the Bathroom Floor – Climbing to the Moon – My beloved Monster – I like Birds – Jeannie's Diary – The Sound of Fear – Last Stop: This Town – I want to protect you – Flyswatter – Bus Stop Boxer – Novocaine for the Soul – Good Times bad Times – Somebody loves you – Souljacker, Pt. II – Girl from the North Country – P.S. You rock my World

Alles zu den Themen:

eels gus black

Das könnte Sie auch interessieren