Impressionen vom Sonntag (live bei Rock am Ring, 2019)

Impressionen vom Sonntag (live bei Rock am Ring, 2019) © Peter H. Bauer

Quasi über Nacht steht die Livemusik-Branche vor einer gewaltigen Krise. Das Coronavirus hat binnen kürzester Zeit alle Hallen- und Clubkonzerte unmöglich gemacht. Inzwischen steht auch die Festivalsaison im Sommer in Frage – mit unabsehbaren Folgen für die Branche.

Spätestens seit dem dramatischen Appell der Bundeskanzlerin an die Bevölkerung, sich angesichts des sich immer schneller ausbreitenden Corona-Virus doch bitte an die Regeln des “social distancing” zu halten, dürfte auch dem letzten Partygänger und Musikfan klar geworden sein, dass sich das öffentliche Leben in Europa und Deutschland binnen Wochenfrist dramatisch verändert hat und sich weiter dramatisch verändern wird – womöglich dauerhaft und weit über das Frühjahr hinaus. Kulturelle Großveranstaltungen im Sommer werden immer unwahrscheinlicher.

Kultur wird heruntergefahren

Es kommt einem schon wie eine Ewigkeit vor, dabei wurden die letzten Clubs erst am vergangenen Wochenende geschlossen und bis dahin teilweise noch Veranstaltungen bis 1000 Besuchern durchgeführt, wenn auch unter zunehmender Kritik und öffentlichem Druck.

Noch gibt es zwar keine flächendeckenden Ausgangssperren, aber dass diese angesichts des nach wie vor sorglosen bzw. rücksichtslosen Umgangs vieler Mitmenschen mit der Corona-Pandemie kommen werden, daran besteht kaum noch Zweifel.

In immer schnellerer Folge wurden in den letzten Wochen durch Beschlüsse und Verordnungen seitens der Regierung, aber auch durch freiwilligen, vorausschauenden Verzicht der Akteure in Form von Tourneeabsagen bzw. -verschiebungen, das öffentliche Leben inklusive aller kulturellen Veranstaltungen in Deutschland nach und nach reduziert, eingeschränkt und mittlerweile nahezu stillgelegt, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und so einen Kollaps des Gesundheitssystems zu vermeiden.

Seit dieser Woche nun kommt das kulturelle Leben völlig zum Stillstand, zusammen mit dem nahezu gesamten Dienstleistungssektor und Einzelhandel und mittlerweile auch Teile der Industrie und dem produzierenden Gewerbe. Baden-Württemberg hat bereits vorsorglich eine Verordnung erlassen, die bis Mitte Juni sämtliche Veranstaltungen verbietet. Diese kann zwar auch früher ausgesetzt werden, was aber gegenwärtig eher unwahrscheinlich erscheint.

18 Monate keine Großveranstaltungen?

Angesichts dieser dynamischen Entwicklungen erscheint es äußerst fragwürdig, dass mit der (geplanten) Wiederaufnahme des Unterrichts an Schulen und dem langsamen Hochfahren von Industrie und Gewerbe nach den Osterferien Ende April auch das öffentliche und kulturelle Leben wieder wie vorher aufgenommen werden kann. Seit gestern mehren sich die Stimmen und Prognosen, dass die Bekämpfung der Pandemie mittels social distancing “monatelang” andauern könnte, um Wirkung zu zeigen - zur Not bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs, was bis zu 18 Monate dauern kann.

Festivals auf der Kippe

Bei solchen Vorhersagen fällt es schwer zu glauben, dass im Sommer die großen Musikfestivals über die Bühne gehen oder das Clubleben einfach wieder aufgenommen wird. Auch wenn die Veranstalter noch an ihren Sommer-Terminen festhalten, dürfte intern schon mit dem kompletten Aus der Festivalsaison gerechnet werden, ein Schicksal, das zum Bespiel bereits die diesjährige Time Warp ereilt hat. Nächster Anlauf 2021.

Live-Entertainment-Branche vor tiefgreifenden Veränderungen

Viele Verlegungen von Events in den Sommer oder Herbst werden sich als zu kurz gesprungen erweisen. Vielmehr steht zu befürchten, dass der Kultursektor nicht nur eine kurze Pause macht, sondern sich nachhaltig und dauerhaft verändern wird.

Man kann davon ausgehen, dass der Dienstleistungs-, Sport- und Freizeitbereich allein aus wirtschaftlichen Zwängen mit entsprechenden Schutzmaßnahmen und -kleidung wieder eingeschränkt aufgenommen werden kann, ein Festival im Juni 2020 mit zehntausenden Besuchern auf engstem Raum erscheint aber angesichts der aktuellen Lage eher utopisch.

Ob die zugesagten Hilfen der Bundesregierung für den Kulturbetrieb ausreichen werden, ist mehr als fraglich. Die gesamte Branche steht vor dem Nichts und viele, die hier tätig sind vor dem wirtschaftlichen Aus. Gestreamte Online-Konzerte oder DJ-Sets können nicht dauerhaft das Live-Erlebnis ersetzen, zu dem natürlich auch der soziale Kontakt gehört.

Aus dem Boom-Markt ist über Nacht ein Trümmerfeld geworden. 

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