Felix Grädler ist gemeinsam mit Hannes Seibold Geschäftsführer der halle02

Felix Grädler ist gemeinsam mit Hannes Seibold Geschäftsführer der halle02 © halle02

Warum werden in der Heidelberger halle02 künftig keine Konzerte mehr stattfinden? Weshalb ist das Kulturprogramm auf unbestimmte Zeit pausiert? Die Hintergründe erläutert Geschäftsführer Felix Grädler.

Die Schließung der halle02 in Heidelberg und die einhergehende Pausierung des Kulturprogramms ist ein harter Schlag für die Veranstaltungsbranche weit über die Rhein-Neckar-Region hinaus.

Die Hintergründe erläutert Felix Grädler in einem ausführlichen Interview mit Backstage PRO, das wir hier auszugsweise wiedergeben.

Kein Veranstaltungsprogramm

Die halle02 wird bis auf weiteres auch dann kein Veranstaltungsprogramm mehr anbieten, wenn die rechtliche Lage es wieder ermöglichen würde. Dazu zählen alle von der halle02 kuratierten oder verantworteten Veranstaltungen und die subventionierte Vermietung, beispielsweise an kulturelle Initiativen oder Konzertveranstalter.

Unter gewissen Voraussetzungen soll zwar noch die Möglichkeit, bestehen den Ort "Güterbahnhof Heidelberg" anzumieten, jedoch müssen alle Dienstleistungen selbst erbracht werden und wirtschaftlich traghafte Mieten bezahlt werden.

"Es geht einfach nicht"

Doch was war letztendlich der Auslöser für die Entscheidung die halle02 zu schließen? Felix Grädler äußert sich dazu folgendermaßen:

"Wir sind ein rein privatwirtschaftliches Unternehmen und erhalten seit 2017 keine staatliche Förderungen von Bund, Land oder der Stadt Heidelberg. Wir hätten gerne weitere Kulturveranstaltungen durchgeführt, weil unser Herz daran hängt, aber es geht einfach nicht. Organisierte Vereine oder geförderte Veranstaltungshäuser müssen nicht wirtschaftlich denken und arbeiten."

Kurzfristige Coronahilfen haben verhindert, dass die Betreiber Insolvenz anmelden müssen, lösen aber nicht das Problem, dass das alte Geschäftsmodell nicht mehr tragfähig ist. Die Veranstalter haben sich über Kredite eine Finanzierung gesichert, um das Unternehmen bis Ende 2021 zu sichern.

Jedoch birgt die zu erwartende Marktveränderung weitere Risiken: "Wir mussten schon vorher mit extrem geringen Renditen im Konzertgeschäft kämpfen, aber die Voraussetzungen werden danach noch viel schlechter sein. Nicht umsonst gab es schon vor der Coronakrise das Clubsterben als Dauerthema", so Felix Grädler.

Keine guten Aussichten

Er weißt außerdem auf die Überhitzung des Marktes nach Corona hin: "Zum einen gibt es Häuser, die nicht wirtschaftlich denken müssen – das sage ich wertungsfrei. Dazu zählen Kollektive, die ehrenamtlich Festivals veranstalten, aber auch staatlich geförderte Veranstaltungshäuser. Dazu zählen aber auch Marktteilnehmer, die quasi Monopolisten sind und jetzt schon damit beginnen, Verträge in ihrem Sinn zu verändern."

Hinzukommt die Ungewissheit, wie das Publikum auf das Veranstaltungsprogramm reagieren wird. Ist mit einem Ansturm oder Ausbleiben der Gäste zu rechnen? Die meisten Konzerte sind auf einen Zeitraum verschoben, in dem bereits Konzerte geplant waren. Niemand weiß wie das Publikum auf diese Überfülle von Konzerten reagieren wird. Durch die Hygiene- und Abstandsauflagen ist nur eine begrenzte Nutzung der Kapazität möglich, was zur Folge hat, dass die Veranstalter nicht wirtschaftlich arbeiten können. Dabei ist "das Risiko eines irreparablen Schadens zu groß".

Den Betreibern der halle02 bleibt die Option sich auf andere, wirtschaftlich tragbare Geschäftsfelder zu konzentrieren, sobald Veranstaltungen wie beispielsweise Business-Events wieder stattfinden können. Im Business-Bereich sieht Felix Grädler viel Potenzail, "weil die Nachfrage besteht und im Vergleich zur Clubszene alles sehr viel planbarer und wirtschaftlich tragfähig ist."

Umdenken muss stattfinden

Damit Clubkonzerte wieder wirtschaftlich tragbar sind, muss noch viel geschehen. Zunächst müssen sich laut Felix Grädler die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern: "Dazu zählt der Kulturraumschutz, die Anerkennung von Clubs als Kulturorten, aber auch neue Finanzierungsmodelle."

Die Clubs profitieren nicht von der Ausbildung neuer Stars, obwohl sie Weltkarrieren erst ermöglichen. Auch das Konzept der GEMA lässt nicht Veranstalter profitieren, sondern die Künstler. "Es muss ein Umdenken stattfinden", so Felix Grädler, denn wenn das Überleben eines Clubs schon zu viel verlangt ist, "läuft in der gesamten Branche etwas falsch."

Felix Grädler betont die vergleichsweise komfortable Lage der halle02, da sie ein zweites Geschäftsmodell besitzen, das sie weiter ausbauen können. Die halle02 denkt auch darüber nach, nach Partnern zu suchen.

Umgang mit Spenden

Über die im März gestartete Spendenaktion hat die halle02 einen fünfstelligen Betrag eingenommen. Die meisten Spender haben sicher mit dem Ziel gespendet, ein Kulturprogramm wieder zu ermöglichen. Diese Unterstützer können ihr Geld zurück verlangen.

Existenzkrise der Clubs

Felix Grädler rechnet damit, dass viele andere Clubs am Überlegen sind den gleichen Schritt zu gehen wie die halle02. "Überall in der Branche geht es um die Existenz." Nicht nur die Location fällt weg, sondern auch alle, die dahinter stehen wie Inhaber, Mitarbeiter, Veranstalter und Künstler.

Auch die halle02 musste Kredite im mittleren sechsstelligen Bereich aufnehmen, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Andere Clubs werden bald möglicherweise für immer schließen müssen.

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