Kraftwerk (2017)

Kraftwerk (2017) © Boettcher

Mit einem Querschnitt ihres mehr als vierzigjährigen Schaffens und einem ganz und gar außerirdischen Gaststar begeistert die Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk bei den Jazzopen 2018 in Stuttgart das Publikum.

Wenige Gruppen haben die elektronische Musik derart geprägt wie Kraftwerk. Anfangs noch in Krautrock-Gefilden beheimatet, begann die Gruppe auf "Autobahn" (1974), elektronische Klangerzeuger in ihren Sound zu integrieren. 

Auf dem nur ein Jahr später veröffentlichten "Radioaktivität" verwendeten Kraftwerk dann auschließlich elektronische Instrumente und erschufen so eine bis dato ungehörte (Zukunfts-)Musik, deren Einflüsse noch heute spür- und hörbar sind.

Audio Operator

Seit der Gründung 1970 hat sich auch personell viel bei Kraftwerk verändert. Von der Originalbesetzung ist nur noch Ralf Hütter übrig, Mitgründer Florian Schneider ist bereits 2009 ausgestiegen.

Doch gibt es wohl wenige Bands, bei denen die Besetzung – der Mensch überhaupt – so nebensächlich ist wie bei Kraftwerk. Die "Audio Operators", wie sich die Musiker nennen, gehen gänzlich in der spektakulären Lichtshow und den aufwändigen Videoprojektionen unter, die das Publikum mittels der eigens verteilten Brillen sogar in (erstaunlich wirkungsvollem) 3D bestaunen darf.

Die Show, die genau getimet mit der perfekt abgemischten Musik abläuft, ist alles, was an diesem Abend zählt; Bewegung seitens der Musiker oder gar Interaktion mit dem Publikum sucht man vergebens.

Neuland

Die Setlist umfasst Werke aus beinahe allen Schaffensphasen Kraftwerks, wobei die frühen Krautrock-Alben ausgespart werden. Die Auswahl reicht von der Single-Version ihres ersten Hits "Autobahn", über "Radioaktivität", dessen aktualisierter Text in Verbindung mit den Videoprojektionen eine bemerkenswert düstere Stimmung schafft, bis zu ihrem letzten Album "Tour de France".

Verblüffend ist dabei nicht nur, wie perfekt die Songs trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungsdaten ineinander übergehen, sondern vor allem, wie modern sie auch heute noch klingen – in einer Zeit, in der elektronische Musik allgegenwärtig ist. 

Die Synthesizer-Sounds und die monotonen Elektro-Beats klingen auch 2018 noch unerhört frisch und wegweisend. Sogar die häufig eingesetzten Vocoder, die der Musik eine noch kühlere, distanziertere Note verleihen, haben nichts von ihrer Wirksamkeit verloren – und das, obwohl gerade dieser Effekt die Angewohnheit hat, recht schnell "dated" zu klingen. 

Grüße aus dem Weltall

Auch die Texte, die in "Computerliebe" mit naiver Blauäugigkeit von romantischen Gefühlen via Bildschirmtext erzählen (Tinder, anyone?), von der Verschmelzung von Mensch und Maschine oder der Allmacht der Daten, könnten aktueller kaum sein. Wir leben in der Welt, die sich Kraftwerk einst erträumt haben.

Besonders deutlich wird dies beim Closer des Abends, der gleichnamigen Hymne an das Raumlabor "Spacelab". Dieser Song wird unvermittelt eingeleitet von einem Live-Stream des deutschen Astronauten Alexander Gerst, der sich zurzeit an Bord der internationalen Raumstation ISS befindet. 

Feature-Gast Gerst (stilecht mit Captain Future-Shirt) grüßt Kraftwerk, grüßt Stuttgart, und berichtet in einigen Sätzen über sein Schicksal im Weltall, bevor er dann auf einem Tablet die ersten Töne von "Spacelab" anstimmt. Klangerzeugung auf dem "Heimcomputer", live gestreamt aus dem Weltall: Schöner lässt sich die ganze Ästhetik Kraftwerks, ihre so allumfassende Technik-Obsession, wohl kaum auf den Punkt bringen.

Man-Machine

Das Publikum ist sichtlich begeistert – vom Gastauftritt wie auch von der Show, die Kraftwerk in Stuttgart abliefern. So dürfen natürlich die obligatorischen Zugaben – "Die Roboter" und ein Medley aus "Boing Boom Tschak", "Techno Pop" und "Music Non Stop" – nicht fehlen. Diese sind aber natürlich perfekt in die Show integriert, sodass möglichst keine Spur von Spontaneität oder sonstigem, allzu menschlichem Verhalten aufkommt.

Auch als Kraftwerk die Bühne dann endgültig verlassen, gibt es keine großen Gesten, nicht einmal ein Wort des Dankes: Die Band verlässt einfach, einer nach dem anderen, nach einer kurzen Verbeugung die Bühne.

Doch bedarf die Show auch gar keiner Ansagen, keiner Menschlichkeit, im Gegenteil: Kraftwerk leben von der sterilen Perfektion der Maschinen, der kühlen Logik der digital produzierten Musik. Sie sind Roboter und Mensch-Maschine, nur Hilfsmittel, ihren zeitlosen (und doch futuristischen) Sound zu inszenieren. Die grandiose Wirkung dieser Inszenierung wird in Stuttgart nur allzu deutlich.

Setlist

Nummern / Computerwelt / It’s More Fun To Compute / Heimcomputer / Computerliebe / The Man-Machine / Spacelab / Das Model / Autobahn / Tour de France / Prologue / Étape 1 / Chrono / Étape 2 / La Forme / Vitamin / Nachrichten / Geigerzähler / Radioaktivität / Trans-Europa Express / Metall auf Metall / Abzug // Die Roboter // Aéro Dynamik / Boing Boom Tschak / Techno Pop / Musique Non-Stop

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