The Rolling Stones (2017)

The Rolling Stones (2017) © Claude Gassian

Beim Auftakt ihrer Europatour vor 80.000 Fans im Hamburger Stadtpark liefern The Rolling Stones eine ausladende Show mit 22 Songs, die das Publikum vollends euphorisch zurücklässt.

Der Regen, der Hamburg in den vergangenen Tagen fest im Griff hatte, lässt rechtzeitig zum großen Auftaktkonzert der Rolling Stones auf der Stadtparkwiese nach.

Ob es der Voodoozauber war, den Keith Richards angeblich vor jeder von Regen bedrohten Show in den Himmel schickt oder der Beweis, dass der Wettergott ein Stonesfan ist – so oder so ist es eine glückliche Fügung, die die über 80.000 Fans in Hochstimmung versetzt.

Hoffnung auf Neuheiten

Die Kunde vom Soundcheck hatte große Erwartungen geweckt: Songs wie "Play With Fire", "Dancing With Mr. D." sowie das per App von den Fans wählbare "Under My Thumb" waren neben den üblichen Klassikern geprobt worden.

Auch "Just Your Fool" und "Ride ‘Em On Down" vom letztjährigen Bluescoveralbum "Blue And Lonesome" waren zu hören gewesen. Insofern war die Hoffnung durchaus berechtigt, dass sich die erste No Filter-Setlist von denen der letzten Jahre an einigen Stellen unterscheiden könnte.

In die Vollen

Während sich das Konzertgelände auf der glücklicherweise komplett mit Bodenplatten abgedeckten Stadtparkwiese füllt, wird deutlich dass keineswegs nur Hamburger und andere Fischköppe zugegen sind, um den Tourneestart zu erleben. Stonesfans aus ganz Europa und sogar aus Übersee sind angereist und verleihen dem Event ein ganz spezielles Flair.

Nach dem durchaus stimmigen Supportgig von Kaleo beginnen gegen halb Neun dann die Percussionsounds, die auch in den letzten Jahren schon das Videointro eintrommelten. Allerdings erklingt diesmal kein Intro, sondern "Sympathy For The Devil" erstmalig überhaupt als Opener. Was für eine Ansage: Es geht gleich richtig los! 

Super-Sound, Super-Mick

"It's Only Rock'n'Roll" folgt und es zeigt sich, wie gut und transparent der Sound von Anfang an ist. Zudem haben die Stones ihre Arrangements sehr gut abgestimmt. Den ganzen Abend über wird nichts matschig oder verwaschen klingen, akustisch erinnert der Sound eher an eine Clubshow, denn an ein riesiges Open-Air-Konzert. Die Gitarren stehen klangmäßig im Vordergrund, aber anders als in früheren Jahren entsteht kein Klangbrei, was bei einem Auftaktkonzert in dieser Größenordnung keine Selbstverständlichkeit ist.

Jagger begrüßt das Publikum mit einem sehr originalgetreuen "Moin, Hamburg!" und wird auch im Verlauf durchaus originelle Ansagen bringen. So fragt er ob auch Leute aus Berlin, Bremen und – Pinneberg(!) anwesend sind. Später äußert er die Hoffnung, dass wir uns besser benehmen als die Pink Floyd-Fans, die vor dreißig Jahren das Gelände stürmten. Es ist unglaublich, dass dieser Mann 74 Jahre alt ist, aber immer noch seinen Act bringt und dabei locker zwanzig Jahre jünger wirkt.

Auch Ronnie Wood springt fröhlich auf der Bühne herum als wäre er im Mai seines Lebens. Keith und Charlie lächeln viel und halten ansonsten den Laden musikalisch zusammen. Nach zwei weiteren Klassikern kündigt Jagger ein paar Songs aus "Blue & Lonesome" an und sie spielen die beiden beim Soundcheck peformten Nummern.

Raritäten und Wohlvertrautes

Dann folgt eine wunderbare akustische Version von "Play With Fire", eine fantastische Alternative zu den sonst an dieser Stelle oft gebrachten "Angie" oder "Ruby Tuesday". Als nächsten Song hören wir "You Can't Always Get What You Want" ungewohnt früh im Set und doch gut platziert an dieser Stelle. Anschließend kündigt Jagger eine weitere Rarität an und es folgt tatsächlich "Dancing With Mr. D.", das zuletzt 1973 gespielt wurde.

An einer Stelle gerät Jagger ein wenig aus dem Takt, aber alles in allem ist es Fest für Fans, das hoffentlich noch häufiger auf der Tour ins Programm kommt. Als wären das noch nicht genug Leckerbissen, folgt auch noch "Under My Thumb" als Webchoice. In dieser Phase merkt man der Band ihr Alter tatsächlich ein wenig an – sowohl Thumb als auch das folgende "Paint It Black" hat man schon lebhafter gehört.

Heute wird es länger

"Honky Tonk Women" bringt die Lebensgeister zurück und nach der Bandvorstellung ist denn traditionell Keith an der Reihe – was in den letzten Jahrzehnten nicht immer unbedingt der Höhepunkt einer Stonesshow war. Heute passt sowohl Songauswahl als auch Performance des Gitarristen, so dass die Verschnaufpause für Jagger sehr kurzweilig gerät.

14 Songs sind bereits gespielt und angesichts einer aufgrund der letzten Touren zu erwartenden Menge von 18 oder 19 Liedern, wähnt man so langsam das unvermeidliche Finale mit den großen Krachern.  Aber die Stones stimmen erstmal "Midnight Rambler" an, bei dem die Band wahnsinnig tight spielt, Ron Wood glänzt und Jagger das Publikum in altbewährter Manier um den Finger wickelt.

Danach bringen sie mit "Miss You" noch eine ausladende Nummer und man fragt sich, ob die alten Schlachtrösser heute im Stall bleiben müssen. Aber sie zeigen immer noch keine Anzeichen von Müdigkeit und begeistern das Publikum mit einer starken Version von "Street Fightin' Man", um dann noch "Start Me Up", "Brown Sugar" und "Satisfaction" kraftvoll und inspiriert ins Rennen zu schicken.

Ein begeisternder Auftakt

Als Zugabe erklingt dann "Gimme Shelter" – bedrohlich und schwer – von Sasha Allen nicht ganz so ausladend gesungen wie weiland von Lisa Fisher, aber dennoch stimmig. Die gigantischen Videoleinwände zeigen die Band in kontrastreichem Schwarzweiß – das Ende der 60s in Bild und Ton ist ganz präsent umgesetzt. Das finale, auch absolut überzeugende, "Jumpin’ Jack Flash" lässt die Zuschauer nahezu ungläubig zurück.

Die Stones des Jahres 2017 liefern eine Show mit 22 Songs ab, die sich in dieser Form vor noch zehn Jahren kaum einer hätte vorstellen können – die Band selbst wohl am allerwenigsten. Man kann nie vorhersehen, wie lange sie das noch durchhalten, aber im Augenblick kann man sie noch erleben. Wir können uns dankbar schätzen!

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