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Ed Sheeran (live in Mannheim 2017) © Rudi Brand

Wie schafft es ein unscheinbarer, rothaariger Engländer Horden von Teenagern zum Kreischen zu bringen? Und wie schafft es ein einziger Mann mit nichts als seiner Stimme, seiner Gitarre und seiner Loopstation ganze Arenen zu füllen? Ed Sheeran kennt die Antwort, wie sein Auftritt in der Mercedes-Benz Arena in Berlin zeigt.

Das Phänomen Ed Sheeran in Zahlen: In Deutschland ist er der erste Musiker, der mit zwei Liedern gleichzeitig auf Platz 1 und 2 der Singlecharts einstieg. Sein drittes Studioalbum verkaufte in Großbritannien während der ersten Woche schlappe 672.000 Einheiten, womit Ed einen neuen Rekord aufstellte.

In Deutschland, Österreich und Großbritannien war er mit nicht weniger als 16 (!) Songs gleichzeitig in den Charts vertreten. Für seine aktuelle Tour wurden innerhalb einer Minute 10.000 Tickets verkauft, nach wenigen Minuten waren seine wenigen Deutschlandkonzerte restlos ausverkauft. In Berlin stand er vor nicht weniger als 17.000 Fans auf der Bühne.

Schmacht-Balladen vom Feinsten

Den Auftakt in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena in Berlin macht aber zunächst Ryan McMullan aus Belfast, der mit seinen eingängigen Akustik-Balladen kräftig in die "Ed-Sheeran-Kerbe" haut. Der etwa zwanzigminütige Auftritt gerät leider etwas zu ruhig, um die Menge anzuheizen, trotzdem beeindruckt McMullan mit seiner charismatischen Stimme, die er durchweg perfekt unter Kontrolle hat.

"I'm gonna rock you"

Deutlich elektronischer und tanzbarer wird es dann mit Anne-Marie aus London, die ihren musikalischen Stil selbst als Fusion aus Electro, R&B, Hip-Hop und Pop beschreibt. Mit ihrer ausdrucksstarken Reibeisen-Stimme heizt sie zusammen mit ihrer Band dem Publikum ordentlich ein und hat – wenn nicht bereits mit ihrem sympathischen Kichern – spätestens mit dem Song "Rockabye", der momentan in allen Radios rauf und runter läuft, die Menge überzeugt. Auch hier setzt sich trotz elektronischer Klänge klar der Trend des Abends fort, das Augenmerk vor allem auf die stimmliche Leistung, statt auf große Show und Tamtam zu legen.

Britischer Charme-Bolzen

Als der rothaarige Engländer dann schließlich um 20:30 Uhr ohne großes Federlesen die Bühne betritt und seinen aktuellen Hit "Castle On The Hill" anstimmt, gibt es kein Halten mehr. Die Folge sind Kreischattacken, Weinkrämpfe und Hyperventilation bei den jüngeren Besucherinnen. Ed Sheeran lässt sich davon absolut nicht aus der Ruhe bringen.

Gewohnt souverän und mit ordentlich Schmalz in der Stimme zieht der Superstar, der in Jeans und schlichtem schwarzem T-Shirt auf der Bühne steht, sein Ding durch. Auch die Ansprache ans Publikum fällt eher knapp aus: Da gibt es nur die Aufforderung sich nicht zurückzuhalten, zu singen, wenn man singen möchte und zu tanzen, wenn einem danach ist. Es ist eben die berühmte britische Herzlichkeit, die dem deutschen Publikum entgegenschlägt...

Gelungene Rap-Einlagen

Etwas schade ist, dass Ed Sheerans genuscheltes British-English zwischen den Songs nur selten zu verstehen ist. Das Publikum nimmt es jedoch gelassen und kreischt als Antwort einfach pauschal auf alles, was der Sänger von sich gibt.

Absolut beeindruckend sind hingegen die Rap-Einlagen bei Songs wie "Eraser", "Don't" und ganz besonders "Bloodstream", bei denen Ed Sheeran wirklich zeigt, dass er mehr kann als nur schlichte Popsongs und die Menge auch mal zum "Mitbouncen" auffordert. Zurückhaltend, aber gut durchdacht ist auch die Show auf den Monitoren, die abwechselnd stimmungsvolle Animationen einspielt, den Musiker zeigt oder Songtext-Zeilen erscheinen lässt.

Ein-Mann-Band

Dass Ed Sheeran alleine auf der Bühne steht, fällt die meiste Zeit überhaupt nicht auf. Die Loopstation-Technik, bei der er einzelne Harmonien und Beats einsingt und -spielt und je nach Bedarf zu- und abschalten kann, hat er perfektioniert.

Wer sieht, wie Ed konzentriert die Harmonien übereinander aufbaut und einsingt, dem ist spätestens dann klar: Hier steht ein echter Vollblut-Musiker auf der Bühne! Ein einziges Mal während der gesamten Show kommt er aus dem Konzept und muss den Song "Nancy Mulligan" nochmal von vorne anfangen. Aber kein Problem für den Briten: "That's life!"

Eine Arena voller Lichter

Romantisch und stimmungsvoll wird es dann mit Songs wie "Thinking Out Loud", "Dive" und "Perfect", bei denen sich die Mercedes-Benz Arena in ein Lichtermeer verwandelt. Hach ja, das kann er einfach, der Ed!

Und selbst der zurückhaltende Brite scheint ehrlich überrascht und gerührt, dass das Publikum so extrem textsicher ist, obwohl sein neues Album seit gerade einmal drei Wochen erhältlich ist.

Nicht lange fackeln

Ohne lange Pause und bevor überhaupt Zugaberufe erschallen können, betritt Ed Sheeran nach seinem Hit "Sing" nochmals die Bühne, um zwei weitere Songs zu spielen: den aktuellen Radio-Dauerbrenner "Shape Of You" und "You Need Me, I Don't Need You". Während bei ersterem nun doch etwas die elektronischen Beats zum richtigen Mittanzen fehlen, haut Ed mit seinem letzten Song nochmal richtig einen raus und rappt als gäbe es keinen Morgen mehr. Ohne den tosenden Applaus auszukosten, verschwindet der junge Musiker dann nach einer knappen Verbeugung endgültig von der Bühne. Eitel ist er nicht, der Ed.

Sowieso wird man das Gefühl nicht los, dass es Ed Sheeran völlig egal ist, ob da nun 10 oder 17.000 Menschen vor seiner Bühne stehen, ob er in einem Pub spielt oder in einer ausverkauften Arena. Er macht seine Musik – ohne Wenn und Aber, ohne große Show, ohne viel Gerede und ohne Kompromisse.

Back to Basics

Vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis des Briten. In der heutigen Zeit, in der es überall blinkt und blitzt, klingelt und dröhnt, in der die meisten Stars und Sternchen den gängigen Klischees entsprechen und uns geglättet und gephotoshopt von den Hochglanz-Magazinen entgegenlächeln, zieht Ed Sheeran die Notbremse. Er verzichtet auf ein cooles Bühnenoutfit, ein aufwändiges Bühnenbild und unnötig viele Beats und Überraschungen in seinen Songs.

"Back to Basics" scheint sein Motto zu sein – und es funktioniert offensichtlich hervorragend! Klar, seine Songs sind selten überraschend und bewegen sich überwiegend im Bereich klassische Pop-Ballade mit Schmachtinhalt. Trotzdem schafft es Ed Sheeran mit seiner Musik immer wieder, so viele Menschen zu erreichen. Möglicherweise braucht man am Ende gar nicht mehr, um Popfans glücklich zu machen und ein bisschen Ruhe und Träumereien in den schnelllebigen und in letzter Zeit leider immer häufiger von Terror und Angst geprägten Alltag zu bringen.

Und so ist es dann am Ende auch genau das, was das Konzert von Ed Sheeran in der Mercedes-Benz Arena in Berlin ausmacht: ein 105-minütiges Abtauchen in eine Welt voller Harmonien und wunderschöner Popballaden.

Wer diesmal keine Karten für ein Konzert des Ausnahmekünstlers ergattern konnte, kann aufatmen: Ed Sheeran wird nächstes Jahr für weitere, größere Konzerte nach Deutschland zurückkommen.

Setlist

Castle On The Hill/ Eraser/ Don't/ Dive/ Bloodstream/ Happier/ Galway Girl/ How Would You Feel/ I See Fire/ Barcelona/ Perfect/ What Do I Know?/ Nancy Mulligan/ Thinking Out Loud/ Sing/ Shape Of You/ You Need Me, I Don't Need You

Alles zu den Themen:

ed sheeran ryan mcmullan anne-marie

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